Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

re:publica 08: Bürgerjournalismus - »Müssen wir jetzt spielen, was wir wollen?«

re:publica 08: Bürger, an die Produktionsmittel

[Alles, mit Ausnahme der als solche gekennzeichneten Zitate, indirekte Wiedergaben der Dinge nach meinem höchst eigenen Verständnis!]

re:publica 08: Der Schockwellenreiter spricht Im von Don Dahlmann moderierten re:publica-Panel »Weil wir es können! Die Produktionsmittel in der Hand von Bürgern« wiederholt Jörg Kantel alias »Der Schockwellenreiter« seine bekannte These: Echten Bürgerjournalismus könne es nur geben, wenn der Bürger auch im Besitz der Produktionsmittel sei. Denn die Werkzeuge seien alle frei verfügbar. Es gibt, da kann man dem Schockwellenreiter zustimmen, in der Tat keinen Grund, Bürgerjournalismus unter dem Dach eines Medienkonzerns zu praktizieren. Eine rein quantitative Kritik, die sich auf den Fakt stützt, dass tatsächlich nur 0,2% der Bevölkerung auch tatsächlich Bloggen wolle, geht für Kantel ins Leere: Es geht um die Möglichkeit, es tun zu können, aber es müsse eben nicht jeder. Man dürfe diese Möglichkeit der Kommunikation (Zitat) »nicht den Murdochs und Holtzbrincks dieser Welt überlassen«. Auch wenn sich die mit ihren neuen Möglichkeiten ausgestatteten Bürger manchmal die selbe Frage stellen wie einst die antiautoritären Kinder der 68er: »Müssen wir jetzt spielen, was wir wollen?«

Ebenfalls auf dem Panel ist Daniel Fiene. Er preist weniger den emanzipatorischen Akt der Freiheit des Publizierens, sondern die eher unterhaltsamen Amateuraktivitäten wie das »Mogulieren« von Bloggern, die gemeinsam eine Sendung im Unterschichtenfernsehen schauen und dabei von Internetzuschauern betrachtet werden…

Oliver Wrede dagegen möchte die Möglichkeiten sich entwickeln lassen. Eigentum an Produktionsmitteln hält er nicht für so wichtig, für ihn kann es auch Aktivität in den umzäunten Gärten der Medienmultis oder Startups sein. Alles sei im Fluss und entwickle sich. So habe Twitter vor einem Jahr noch für (Zitat) »user generated spam« gehalten, mittlerweile jedoch eine interessante Entwicklung dieses kleinen Dienstes gesehen. Solche Dienste müssten nach ihrer »Hype-Phase« eine »Kritische Masse« erreichen. Jeder habe viele Möglichkeiten, der für die »alten« Medien charakteristische aufwändige Produktionsprozess sei nicht mehr da, die neuen Möglichkeiten »ubiquitär«.

Jörg Kantel fordert eine andere Medienkompetenz. Für gedruckte Medien und TV gäbe es schon eine. Diese sei aber von einer »Umbiegung echter Bedürfnisse« geprägt. Jeder wisse im Grunde, was von »Bild« zu halten sei, gelesen würde es aber trotzdem. »Unsere« Aufgabe sei es, mit den neuen Produktionsmitteln des Webs eine Alternative zu schaffen. Wobei nicht sicher sei, dass diese sich dann auch »historisch durchsetze«. Schließlich sei die Frage nach den Medien auch eine Frage nach den realen Machtverhältnissen.

Don Dahlmann meint: Die Produktionsmittel seien da, Menschen verstünden aber den Umgang damit nicht.

Daniel Fiene hat »echte Menschen«, »Offliner« ;), in seinem sozialen Umfeld durch seine Online-Aktivitäten missioniert. Das Problem ist aber, dass die frisch Missionierten nicht genau wüssten, was sie jetzt mit dieser Technik machen sollen.

Oliver Wrede kann diese Beobachtung bestätigen. Die inhaltliche Frage sei das Problem, Aktivitäten oft Selbstzweck (Zitat): »Viele sind von den Werkzeugen beseelt.«

Jörg Kantel fordert (Zitat): »Medienkompentenz muss sich an den Inhalten entwickeln, nicht an der Technik«. Die Entwickler der Werkzeuge seien aber schuldig. Sie spielen mit der Technik, statt Techniken zu entwickeln, die den weniger Bewanderten helfe, Inhalte zur Verfügung zu stellen. Und erläutert seine Idee einer Vernetzung über dezentrale Community-Server per Ping vor, die eine Nutzung von kommerziellen umzäunten Gärten überflüssig machen würde.

Oliver Wrede ist skeptisch: Solange ein Klima der »Anti-Intellektualität« herrsche, sei die Technik nicht das Problem. Für Jörg Kantel hängt das mit den realen Verhältnissen zusammen. Wir bräuchten einen gesellschaftlichen Wandel weg von der Industriegesellschaft hin zur Informationsgesellschaft (Zitat): »Wir sind Begleitmusik zu einer laufenden gesellschaftlichen Veränderung.«

Abschließend forderte Kantel dazu auf, Fortschritte auch im Kleinen, von den »Relevanzfanatikern« oft belächelten Online-Strukturen zu sehen. Man solle nicht immer nur auf die (Zitat) »Großen Sachen im Kontext des Journalismus« schauen, sondern auch auf die Kleinode bei beepworld oder jimdo.

Fazit: In dem vergangenen Jahr seit der letzten re:publica sind wir mit diesem Thema nicht wirklich weiter gekommen, im Gegenteil, mir scheint der Trend eher dahin zu gehen, dass die Menschen sich lieber in die bequemen Sessel der kommerziellen Dienste und geschlossenen Netzwerke setzen. Da ist noch einiges zu tun.



3 Kommentare


Jochen Hoff am 05.04.2008:

Natürlich kann der Bürgerjournalismus nicht unter dem Dach eines bestehenden Medienkonzerns stattfinden.

Aber wenn ich eine Kathedrale erbauen will, dann bin ich als einzelner mit meinem freien Werkzeug auch ziemlich im Arsch. Ich muss mich also organisieren.

Bürgerjournalismus findet nicht statt, wenn jeder in seinem Blog vor sich hinmurkelt und hofft, das die Welt ihn liest.

Ich selber lebe in Klein-Bloggersdorf janz weit draußen am Friedhof. Schön ruhig da. Ich will gar nicht mit Robert Basic oder den beiden Dons tauschen. Aber den einen oder anderen wirklich gut durchdachten – ja kommt auch bei mir vor – Artikel hätte ich doch gerne weiter vorne in der Aufmerksamkeit.

Also brauchen wir eine Zeitung, gerne genossenschaftlich organisiert, in der wir unsere Inhalte geballter präsentieren können.

Der Besitz des Werkzeugs reicht nicht. So schön der einzelne auch in seiner Fußgängerzeile seinen Text deklamiert, es wird kein Theaterstück daraus.

Das meiste verhallt ungehört. Das ist natürlich das Schicksal des Long Tails, da wo der Schwanz der Kuh am beschissensten ist. Meine alte Lateinlehrerin hat mir immer gesagt das ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen müsse.

Jetzt kommt dieses böses Wort. Wir müssen uns vermarkten. Besser vermarkten. Nicht indem wir auf den ausgelatschten Wegen der Qualitätsjournalisten die Furchen noch tiefer trampeln, sondern in dem wir unser Wissen, unser Können und unsere Erfahrungen bündeln, ohne die persönliche Note dem Gruppenzwang zu unterwerfen.

Nein es ist nicht leicht. Aber es ist auch nicht unmöglich.

Ralf G. am 06.04.2008:


Schau Dir mal das Video dieses Vortrags an. Es ist nicht wichtig, dass gebloggtes Zeug öffentlichkeitswirksam wie die Byld-Zeitung ist. Die Voltigierszene in beepworld hat überschaubare Zuschauer, aber sie »macht«. Darum geht es. Dieses Schielen auf eine irgendwie geartete Relevanz wie die alten Medien führt zu gar nichts. Eine Hoffnung auf Wandel durch Mitspielen in den falschen Spielen ist trügerisch.

Jochen Hoff am 08.04.2008:


Wenn ich mein gebloggtes Zeug mühsam erarbeitet habe, ständig das Risiko laufe verklagt zu werden dann habe ich auch das Recht mir mehr Publikum zu wünschen.

Das könnte ich erreichen indem ich mich und meinen Blog am Rande des nichts ändere, oder mit anderen dafür sorge, das die Perlen des Longtails auch ins Ramnpenlicht kommen.

Ich möchte eine Kathedrale erbauen, du willst ein Hundeklo, sprich einen Pfosten in die Erde in die Erde rammen.

Ich will der Schreiberling des Hinterbudenhofener Generalanzeigers bleiben, mich aber freuen dürfen, wenn ein zweimal im Jahr ein Artikel von mir auch in den Braunschweiger Neuesten Nachrichten auftaucht und vielleicht einer mal bei Robert Basic gewürdigt wird. Das ist nicht Blödzeitung werden wollen, sonder das Ziel eines jeden der schreibt.

Jeder hat so Lieblingstexte um die es schade ist wenn sie hier auf dem Longtail versauern. Deshalb könnte ich mit vielen anderen gemeinsam, die Perlen zu einem Kollier fassen und damit antreten.

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