Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

Der letzte Mac?

Nach dreieinhalb Jahren ist es soweit: Mein etwas betagtes gutes altes PowerBook G4 wurde durch ein rasantes neues Macbook Pro ersetzt. Das kleine Kraftbüchlein aus dem Jahre 2003 mit seinen 867 MHz und 640MB RAM war als Hauptarbeitspferd eines als »Digitale Bohème« arbeitenden Webworkers doch ein wenig unterdimensioniert. Grund genug für eine pragmatische Betrachtung der Interoperabilität des neuen Macs mit dem kaputten Industrie-Standard und den philosophischen Aussichten in der Apfel-Welt nach Steves iPhone-Keynote.

Es war Zeit für einen neuen leistungsstärkeren Mac. Es ist dies schließlich eine Welt, wo der Webworker schon mal mit 120 MB wiegenden Photoshop-Dateien beglückt wird (wenn diese dann auch mit zig Ebenen ausgestattet ist, die alle »Ebene 1« bis »Kopie von Kopie von Ebene 137« heißen, kennt die Freude kaum noch Grenzen ;-)).

Natürlich spielte bei dieser teure Anschaffung auch der Hintergedanke eine Rolle, das ewige Anwerfen des Ubuntu-Rechners in all seiner an einen physischen Ort gebundenen Pracht zum Testen der Werke mit Virenschleuder-Browsern Geschichte werden zu lassen.

Auch wenn es natürlich gewöhnungsbedürftig und erschreckend ist: Es ist schon erstaunlich, wie gut Parallels mit Windows XP unter Mac OS X funktioniert. Des XPs ganze erbarmenswürdige Hässlichkeit und kranke Bedienungskonzepte kommen in der direkten visuellen Konfrontation mit OS X in ihrer ganzen Pracht rüber. Das XP in seiner virtuellen Umgebung bootet hurtig und arbeitet wirklich flott.

Eine große Mogelpackung ist allerdings die weiland in der Blogosphäre groß gepriesene so genannte »Coherence«, ein Modus für Windows-Programme, die scheinbar als eigene Fenster unter Parallels auf dem OS-X-Desktop laufen:

Im Gegensatz zu Wine, wo das tatsächlich funktioniert und jede Windows-Anwendung ein »echtes« Fenster auf dem Desktop ist, übermalt Parallels schlicht und ergreifend durch »schmutzige Tricks« bei der Bildschirmausgabe die unbenutzten Teile des Windows-Desktops, was bei zwei Bildschirmen mit wilden Aktivitäten mitunter zu allerlei unschönen, eines Macs unwürdigen Pixel-Schmierereien mit halben Fenstern und Resten von Windows-Taskleisten führt. Das ist (noch?) nichts, Kollegen!

Das Macbook Pro an sich ist natürlich eine feine, leistungsstarke und ästhetisch befriedigende Maschine. Fast. Nach fast zwei Monaten Lieferzeit unter Umständen, die mich endgültig überzeugt haben, dass der Einkauf beim »Händler um die Ecke« die gegenüber dem ach so tollen und schnellen und flexiblen Versandhändler im Web zu bevorzugende Methode ist, muss erst einmal das DVD/CD-Laufwerk ausgetauscht werden. Qualitätskontrolle und Rechner mit Apfel, die einfach besser waren als die Masse der grauen Schleudern, gab es gestern. Heute ist die Produktion von Lifestyle-Gadgets für Wannabees die große Geldmaschine in Cupertino. Deshalb wird nun bei Apple auch »Computers« aus dem Namen gestrichen. Das ist ein Zeichen. Der Inhalt der iPhone-Keynote ist ein weiteres Zeichen. Zwei Stunden über ein komisches Gerät names Apple TV, mit dem man nun den ganzen obsoleten Kram der industriellen Content-Produktion, den man schon in Kino und TV nicht sehen wollte, kostenpflichtig auf einem Computer von Apple anschauen kann. Und dann natürlich das iPhone in epischer Breite. Macs, OS X, neue Software? Fehlanzeige.
Was schreiben die Geeks?
Hawk Wings:

»The big story was tucked away towards the end of the Keynote, underlining a shift of which the iPhone is only a part. Apple Computer, Inc became Apple, Inc. […] So, as you can imagine, I was already feeling grumpy that there was nothing about Leopard or new computer hardware or anything that I fondly imagine to be Apple’s core business in the Keynote. Then this came up, feeding all my worst fears.«

Und #ff00aa unter dem Titel »Worst. Keynote. Ever.:

»Sure, Apple isn’t going to close the Mac department; they’ll still design and engineer great machines, and cool software. But don’t expect real innovation anymore, don’t expect huge investments in research and development. It’s all about incremental improvement from here on.«

So, nun also ein neues Macbook Pro. Voraussagen für die Zukunft sind in so einer schnelllebigen Materie bereits nächste Woche Makulatur. Das MBP wird mindestens drei Jahre halten, was werden wir danach von Apple erwarten können? Mich dünkt, man sollte die Möglichkeit eines Wechsels auf GNU/Linux, dessen Entwicklung natürlich auch nicht stehen bleiben wird, für die Zukunft als realistische und notwendige Alternative im Auge behalten. Natürlich benötigt man dann auch Hardware anderer Hersteller, die zum einen nicht mit verbastelten »Win-Only«-Komponenten daherkommt und zum anderen nicht so furchtbar hässlich ist, wie das die »normalen« Notebooks heute leider sind. Und man wird sehen müssen, was aus dem Mac und OS X werden wird. Wäre schade, wenn die beste Arbeitsumgebung, die man heute haben kann, der Geldmaschine »Lifestyle-Gadgets« geopfert würde.



6 Kommentare


Sebastian am 11.01.2007:


Herzlichen Glückwunsch, Ralf!
Das MacBook überzeugt selbst mich als Switcher — ich habe ja seit kurzem auch so ein schönes Gerätchen http://www.netz-kultur.com/2007/123/macbook-pro-ii/


Was diese “Lifestyle-Gadgets-Geldmaschine” angeht: Wer Hardware baut, die wie apple tv im Wohnzimmer stehen kann (sprich: gut aussieht und leise ist) und ein so tolles Betriebssystem auf ein Handy bringt, dem ist schon einiges an technischem Know-How zuzuschreiben. Ich glaube daher nicht, dass Apples Kerngeschäft dem Lifestyle zum Opfer fällt — allenfalls werden vielleicht Mittel in andere Bereiche (Handy-OS) investiert, was ich nicht unbedingt nur als schlecht empfinden würde ;)

Gerrit van Aaken am 11.01.2007:


Nach anfänglicher Begeisterung kann ich Dir nur zustimmen, was den überschätzten Kohärenz-Modus angeht. Gerade auf dem kleinen MacBook ohne pro mit dem langsamen Grafikchip ist das keine Freude und keine echte Alternative. Ich arbeite seitdem wieder im Vollbildmodus und switche per Apfel+TAB zwischen den Apps hin und her.


Besonders witzig: Der Quicksilver-Klon “Launchy” im Kohärenz-Modus!

Ralf G. am 11.01.2007:


Sebastian, Danke, schöne Maschine, aber auch etwas unhandlich, wenn man das 12-Zoll PowerBook gewohnt war.


Ich unke natürlich nur in der Hoffnung, dass mich Apple auf das Allerschärfste widerlegt. ;-)


Gerrit, so wie die sich das bei Parallels vorstellen, kann das niemals mit Einzelfenstern richtig funktionieren, Wine (und sein kommerzieller Ableger Crossover) gehen technisch einen anderen, für solche Funktionen notwendigen Weg. Wenn man den Browser im Win-Desktop auf Vollbild stellt, hat man ja eh einen ähnlichen Effekt wie die Kohärenz.

Der andere Sebastian am 12.01.2007:


Nchdem ich ja schon damals bei Gerrit vergeblich “bettelte” frag ich auch Dich jetzt mal ganz frank und frei: Was hast Du mit dem alten powerbook vor? Ich wüsste gut was damit anzufangen. ;)

Ralf G. am 16.01.2007:


@anderer Sebastian: Das ist leider schon verplant. Auch Powerbooks sind stets begehrt! ;-)

Sebastian am 18.01.2007:


Och Ralle – jetzt hab dich mal nicht so! *grins

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