Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

Entlassen!

Kauft Käse!

»In Wahrheit war ich nie verreist
Wie das Protokoll beweist«
Tocotronic »Aus meiner Festung«

Entlassen aus der Blogblues-Klinik. Wo war er denn? In der digitalen Kaufbedürfnisweckanstalt namens »Web 2.0«. Z.B. in Twitter unterwegs. Muss leider »privat« sein, denn natürlich kommt sofort wieder einer und baut eine Twitter-Suche. Als ob alles erhalten, archiviert, getaggt, zugänglich sein muss. Selbst 140 dahingerotzte Zeichen. Ich glaube, wenn ein Dienst käme und Eure Telefongespräche automatisch als Podcast zugänglich macht, dann würdet Ihr sogar das toll finden…

Apropos Blogblues. Ein Blogger wäre kein Blogger, wenn er die Tatsache, gerade keinen Bock zu haben, nicht gebloggt und umgehend zum griffigen »Phänomen« stilisiert hätte. Zumal er (so er ein bißchen A-listet) weiß, dass die in den letzten ca. zwei Jahren entstandene Claque-Blog-Masse von niedrigem Blogtalent, also die, die »der Blog« sagen und begierig repetieren, was der Meister, wer immer das auch gerade ist, gebloggt hat, so etwas gleich gierig aufgreift. Einfach mal Mund halten ist nicht mehr drin, unter Phänomen geht hier nix. Blogosphäre, man muss Dich lieben! ;-)

Und ja, die Geschäfte als »Digitaler Bohème« laufen auch, auch ohne permanenten Ego-Striptease im Blog darüber. Letzteres ist tröstlich, oder? ;-)



6 Kommentare


Christian am 09.11.2007:


Hm, ich überlege tatsächlich, ob unter den gegenwärtigen Trends “Privacy” nach ihrem traditionellen Verständnis und in ihrer traditionellen Form verschwinden wird. Man bedenke, dass die Idee von Privatsphäre historisch ziemlich jung ist, gerade auch als Freiheitskonzept. Ich empfehle eine Lektüre von Sennett, “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens”, in Verbindung mit Rössler, “Der Wert des Privaten”.

Warum brauchen wir Privatsphäre? Weil wir uns eine Freiheit unseres Handelns, unseres So-Seins-wie-wir-sind bewahren wollen, ohne ein Urteil über das Ergebnis fürchten zu müssen. Zeichnen sich vielleicht irgendwo Pfade zu diesem Endziel ab, die an der bröckelnden Brücke der Privatsphäre mittels Datenschutz vorbeiführen? Auch “Privatsphäre” ist nicht das allerletzte emanzipatorische Heil, allein schon durch die Trennlinie, die hier zwischen dem Anspruch der Freiheit im Privaten und dem Gewährenlassen einer Unfreiheit im Öffentlichen gezogen wird.

Findet vielleicht ein Ausgleich der Privatsphärenschäden dadurch statt, dass am Ende jeder sie hat und so keiner mehr Bedarf spürt, sich für seine ‘Verfehlungen’ individuell besonders zu rechtfertigen? Ist der Antrieb, etwas als geheimzuhaltende Verfehlung zu empfinden, nicht gerade der Trennung zwischen ‘privat’ und ‘öffentlich’ geschuldet? Können wir der durch Sammlung unserer Daten ausgedrückten Kontrollwut des Staates eventuell gar ein Bein stellen, indem wir alle unsere Daten öffentlich machen?

Angriff ist manchmal die beste Verteidigung …

(Aus der Kategorie: Schreiben in Club-Mate-Zombifizierung. Sorry ;-) )

mspro am 09.11.2007:


Ahhh, deswegen sind deine Beiträge auf private. Dachte das wär jetzt der neuste Twitter-Trend…

Und plomlompom: Es gibt es einen himmelweiten und wichtigen Unterschied zwischen Exposition und Exibitionismus. Es ist die Frage des bewussten Umgangs mit seinen Daten. Die Antwort liegt nicht im Web2.0 sondern bei Dir.

Ralf G. am 09.11.2007:


@mspro Auch, weil Google sonst das Getwitter indiziert. Und es muss ja nicht sein, dass ein dahingerotztes “Boah, $Blogger scheibt aber heute wieder einen Mist” für alle Ewigkeiten indiziert,archiviert und reproduziert wird. Was soll das? Ich sehe Twitter mehr als Chat, nicht als Mini-Blog.

@Christian Du möchtest also freiwillig das Geschäft derer erledigen, die mit Deinen Daten Geld verdienen wollen? Nach dem Motto: “Mach mit meinen Daten was Du willst, monetarisiere sie hemmungslos à la Facebook, aber bitte bitte lass mich mitspielen in der schönen neuen Web-2.0-Welt, dennPrivatsphäre ist eh überbewertet.”

Nö. Es droht Kontrollverlust. Das, was man von mir kursiert, ist mehr oder weniger das, was ich will, was von mir kursiert.

Das ist ja auch normal, sonst könnten wir ja auch Häuser aus Glas bauen. Oder auf Kleidung verzichten. Man muss ja nicht gleich den berühmten “Arbeitgeber der googelt” bemühen (die Angst davor ist wiederum ein Zeichen von erbarmungswürdiger hemmungsloser Unterwürfigkeit), um auf eine gewisse Kontrolle seiner eigenen Daten zu bestehen.
Das öffentliche “Ich-2.0” muss genau so kontrollierbar bleiben, wie ich kontrollieren kann, was ich anziehe. Und darum lehne ich diesen freiwilligen allumfassenden Erfass-Wahn, der Leute stets für alles eine Suchmaschine bauen und sich selbst aggregieren und für die Ewigkeit archivieren lässt, ab. Und die Geschäftemacherei damit sowieso. Selbstbetrugspropaganda à la “Werbung ist Information” hat für mich die Doppelsprech-Qualität von “Frieden ist Krieg”.

Christian am 09.11.2007:


@Ralf: Um “Werbung ist Information” (vom wem kommt dieser seltsame Satz?) und Derartiges geht es mir doch gar nicht ;-) Insgesamt beziehe ich mich in meinem Kommentar gar nicht auf den geschäftlichen Aspekt. Ich versuche mal, etwas umzuformulieren, worum es mir geht:

Wir haben uns in den letzten Jahrhunderten dieses Konzept “Privatsphäre” als gesellschaftliche Institution geschaffen. Diese Institution hat traditionellerweise einen sinnvollen Platz zur Sicherung der individuellen Freiheit in unserer Gesellschaft. Wir können uns bis jetzt die Institution Privatsphäre aus unserer Gesellschaft nicht wegdenken, ohne dass die individuelle Freiheit kollabiert. Du siehst, ich räume ihr durchaus einen nicht geringen Wert ein ;-)

Nun gab es seitens totalitärer Systeme immer wieder Versuche, die Privatsphäre zu brechen, um so die individuelle Freiheit einzuschränken. Erst mit der Technologie von heute allerdings ist eine so umfassende und tiefgehende Kontrolle und Auswertung unserer Aktivitäten denkbar, dass das Konzept der Privatsphäre selbst fundamental bedroht ist. Die Politik scheint sich eher für die kurzfristigen ‘Sicherheits’-Gewinne zu interessieren, die durch die neuen technischen Kontrollmöglichkeiten entstehen, als für das Problem, das langfristig eine Reduzierung der Privatsphäre für die Freiheit in der Gesellschaft bedeuten mag. Und der Markt trifft auf Konsumenten, die ihre Privatsphäre gegen die — persönlichen oder geschäftlichen — Gewinne von Socializing und Kollaboration im Web 2.0 einzutauschen bereit sind, und befriedigt diese Nachfrage.

Alles deutet darauf hin, dass vor Eintritt irgendeiner größeren Katastrophe kein ausreichendes Gefahrenbewusstsein für das Zerbröckeln der Privatsphäre bestehen wird, das diese Trends umkehren könnte. Die Annahme, die Institution der Privatsphäre könnte im 21. Jahrhundert wieder in die Nacht verschwinden, aus der sie vor einigen wenigen Jahrhunderten ins bürgerliche Leben hinein trat, erscheint gar nicht so abwegig.

Uns bleiben zwei Optionen, wenn wir die individuelle Freiheit, für die wir die Privatsphäre unterhalten, bewahren wollen:

Die erste Möglichkeit wäre, diese Trends zu bekämpfen und umzukehren. Ich bin in dieser Hinsicht sehr pessimistisch. Meines Erachtens kann man hier auf einen Staat, der selber in größter Kurzsichtigkeit die Privatsphäre in einem besorgniserregenden Maße gegenüber anderen Prioritäten für vernachlässigbar hält, nicht setzen. Auf den Markt kann man ebenso wenig setzen, denn auf ihm gerade beweist sich, über das Verhalten der von ihm verwalteten Herde aus Individuen, wie sehr die Privatsphäre inzwischen für viele Menschen an Relevanz verloren hat — eine Entwicklung, die der Markt nur amplifizieren, nicht aber dämpfen kann.

Die zweite Möglichkeit läge darin, das Stützengerüst, auf dem die individuelle Freiheit ruht, zu rekonfigurieren. Ist die Privatsphäre, wenn sie gesellschaftlich breit erodiert, vielleicht kein brauchbares Baumaterial für die Säulen der individuellen Freiheit mehr? Dann müssten wir uns nach neuen Säulen für die individuelle Freiheit umgucken. Vielleicht ist das, was Web 2.0 macht, nicht so sehr ein Untergraben der individuellen Freiheit, als eine Erneuerung dieser Säulen mit neuem Baumaterial. Schafft es nicht ganz neue soziale Räume, in denen eine klassische Trennung zwischen Öffentlichem und Privatem nicht mehr gegeben ist? Das, was klassisch dem Privaten untergeordnet wurde, wird immer mehr einer breiten Öffentlichkeit ausgesetzt, aber wird nicht auch umgekehrt das Öffentliche zunehmend dem, was früher privat bleiben musste, geöffnet? Brauchen wir das Private überhaupt noch als Schutz unserer individuellen Freiheit, wenn wir sie auch im öffentlichen Raum ungestraft ausleben können? Tritt an Stelle alter Exklusivität und Diskriminierung dessen, was nicht ins einheitliche öffentliche Konzept passt, nicht zunehmend ein umfassendes Miteinander von Heterogenem, von der Norm Abweichendem, nicht in einen Standardlebenslauf Passendem?

Wichtiger als geheim zu halten, was ich tue, ist mir die Freiheit, das zu tun, was ich tun will. Bis jetzt ist das zweite ohne das erste nicht möglich. Die Frage ist, ob das immer so sein wird, und ob die Trennung in eine Privatsphäre des Erlaubten und eine Öffentlichkeit des Unerlaubten wirklich das bestmögliche Freiheitskonzept unter den neuen kulturellen Bedingungen bleiben wird.

mspro am 09.11.2007:


@plomlompom Einverstanden. Das Konzept der Privatsphäre ist ad absurdum geführt worden. Die Unterscheidung privat/öffentlich macht zunehmend keinen Sinn mehr. Jedenfalls in diesem strikten Sinn nicht mehr.

Ich würde dagegen den relativ neuen und auch passenderen Begriff der “informellen Selbstbestimmung” stark machen. D.h. Ich entscheide was öffentlich wird und was nicht. Ich entscheide auch, was damit gemacht wird und was nicht. Diesen Punkt halte ich für unabdingbar. Und zwar egal ob ich ihn gegen den Staat oder gegen Facebook in Stellung bringen muss.

Ralf G. am 09.11.2007:


Das Konzept »Privatsphäre« ist »Moden« unterworfen, aber nicht überflüssig. Früher war es undenkbar, mit einer Flasche Bier am Hals über die Straße zu gehen, ohne entrüstetes Echo zu ernten. Heute löst das allenfalls Achselzucken aus. So ist das auch mit dem öffentlichem Privatem im Netz. Daher würde ich eher sagen: Die Grenzen verschieben sich. Aber das Konzept “Privatsphäre” bleibt unverzichtbar, um überhaupt leben zu können. Nicht vergessen: Im Web-2.0 zerren Menschen nur Teilaspekte ins Öffentliche, ebenso mit Payback-Karten (etc.). Aber niemand wünscht sich (außer ein paar Irre mit Webcam auf dem Kopf ;-)), dass alles, was Mensch ausmacht, öffentlich ist.

Und dieses freiwillige Öffentlichmachen von Teilen des Privaten ist Moden unterworfen, wie es das schon immer war (siehe Bierflasche). Und es muss unterschieden werden von staatlichem und privatwirtschaftlichem Interesse von Blicken in die Privatsphäre. Davor geschützt zu werden hat auch jemand ein Recht, der eine Paybackkarte oder einen Facebook-Account hat.

Darum: Privatsphäre bleibt auch in Zukunft eine Säule individueller Freiheit. Auch in den neuen Räumen des Web-2.0 ist der Gegensatz »Privat vs. Öffentlich« vorhanden, nur in anderen Nuancen, mit erstaunlich weit verschobenen Grenzen. Aber ein radikalerer engerer Grenzverlauf ist nur einen richtig derben Skandal im Web-2.0 weit weg. ;-)

Also: Die Unterscheidung privat/öffentlich macht sehr wohl noch Sinn, es muss sie sogar geben, wenn man nicht in einem orwellschen Albtraum enden möchte. Web-2.0-Offenherzigeit ist nur die 21.Jh-Version des öffentlichen Bierflaschentrinkens unserer Eltern oder Großeltern.

Und zur Erhaltung der Grenze ist es wichtig, auf die informelle Selbstbestimmung zu pochen. Gegenüber dem Staat. Und gegenüber Unternehmen, auch wenn sie noch so cool und toll 2.0ig rüberkommen. Da gilt es dann auch einmal, sich selbst zu beschränken.

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