Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

»We are the angry mob« - Zensur bei flickr

»We are the angry mob
We read the papers every day
We like who we like, we hate who we hate
But we’re also easily swayed«
(Kaiser Chiefs »The Angry Mob«)

»Hier ist was los« verkündete flickr gestern freudestrahlend im Blog, und meinte damit die Verfügbarkeit von flickr in mehreren Sprachen. Mit der Lokalisierung der Website wurde heimlich, still und leise ein weiteres »Feature« eingebaut. Man kann nun seine Suchen filtern, damit man nicht versehentlich auf nacktes Fleisch trifft (Ihr wisst schon, z.B. die jungen Damen, die mit neckischen Selbstportraits nicht nur die Anzahl der Fav-Sternchen in die Höhe treiben), wenn man in flickr seine Tags durchsucht. Mit einer dreistufigen Einstellung kann man diese Filter konfigurieren. Fast überall. Nur nicht in Singapur, Hongkong, Korea — und in Deutschland. In voreiligem Gehorsam gegenüber dem neuen Schäuble-Deutschland hat flickr beschlossen, dass seine deutschen Benutzerinnen und Benutzer ab sofort nur noch »saubere« Bilder zu sehen bekommen. Das hat völlig absurde Auswirkungen, wie im Forum wunderbar dokumentiert bewundert werden kann.

Und nun ist wirklich »was los«! Es versteht sich von selbst, dass das für uns, die deutschen flickr-NutzerInnen, völlig inakzeptabel ist. In den Zeiten des Web-2.0 formiert sich aber die Benutzerschaft zum Gegenschlag, und so flutet die deutsche Gemeinde, ausgehend von diesem Eintrag, flickr innerhalb von wenigen Stunden mit einem warnenden Bildchen (s.o). Man darf gespannt sein, wann flickr darauf reagiert und ob es zu einem Massen-Exodus kommen wird.

Nebenbei wurde auch noch die Zahlung per Paypal für die Pro-Accounts abgeschafft. Wahrscheinlich, weil Yahoo sein bräsiges »Yahoo Wallet« fördern möchte. Großartig, vorne »wir, flickr, noch stets das knuddelige Start-Up mitten aus der Blogosphäre« spielen, hinten rum reinrassiges Geschäftsinteressen wahren inklusive voreligem Kotau vor Zensoren aus aller Welt. Das ist ein Lehrbeispiel, woraus wir alle unsere Konsequenzen ziehen sollten. Die Frage ist nur, wie diese aussehen…



6 Kommentare


mkorsakov am 13.06.2007:


Und welche Konsequenzen ziehen die ganzen “Demonstranten”, wenn nichts weiter geschieht? Den Laden verlassen? Genug sonstige Gründe gibt’s sicherlich …

Ralf G. am 13.06.2007:


Wieso? Yahoo ist doch »tief besorgt« über Menschenrechtsverletzungen…

Lazerte am 14.06.2007:


Mal ne technische Frage dazu: Gibt es ein Tool, mit dem ich möglichst einfach meine 200 Hundebildchen von flickr runterziehen kann, ohne 200-mal Klick zu machen?

Ralf G. am 14.06.2007:


flickrbackup soll ganz brauchbar sein, ich habe das aber noch nicht ausprobiert.

Die Frage ist ja auch, was man dann mit den Daten anstellt. Meine Bilder habe ich sowieso, alle liegen sauber in iPhoto mit dem Tag »geflickrt« versehen. Ich bin ja nicht wahnsinnig, flickr ein Bild und lsöche es dann.

Aber Tags und Geodaten, das sind die interessanten Sachen. Wenn man sich ein Skript schreibt und sie aus flickr per API ausliest, was stellt man dann damit an? Dann müsste man sich sein eigenes flickr programmieren, wo man die Daten reinwirft. Das ist dann halt nur ohne all die anderen. ;-)

Ich waret zunächst mal ab, was sich da tut. Eigentlich mag ich flickr ja. Aber in Zukunft werde ich mehr Vorsicht walten lassen. Ich glaube mittlerweile, es ist keine gute Idee einem noch so niedlichen knuddeligen Startup mitten aus der Community, mit dessen Gründer man letztens auf der Konferenz noch einen Kaffee getrunken hat, wichtige komplexere Daten anzuvertrauen. Eines Tages werden sie gekauft und dann ist rum.

Lazerte am 14.06.2007:


Danke, Ralf. Werd es ausprobieren. So sorgfältig wie du bin ich leider nicht. Natürlich sind alle meine flickr-Bilder auch hier auf der HD und im Backup, aber eben nicht getaggt… :(

Außer nach dem Tool auch gleich noch nach der Alternative zu fragen, schien mir zu vermessen. Picasa hieße ja den Teufel mit Belzebub austreiben. Und mit den kleinen knuddeligen Startups ist genau, wie du sagst. Ich hab keine Lust, in einem halben Jahr nochmals alles umzutopfen, weil deren Zug plötzlich in eine unerfreuliche Richtung fährt.

Am Ende werd ich vermutlich auf den ganzen Community-Kram verzichten und die Bilder ganz stumpf auf den eigenen Server schubsen…

Boris am 14.06.2007:


@Lazerte … und dann kommt Schäubland irgendwann daher und entlässt ein (Telekommunika..blah..ergänzungs..-) Gesetz aus dunklen Höhlen, nachdem jeder Telediensteanbieter (oder wie wir alle vor dem Kadi inzwischen heißen) seine auf eigenen Webseiten veröffentlichten Bilder maschinenlesbar “bewerten” muss.

Denn merket: Jugendschutz ist Schutz vor Terroristen!

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