Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

reboot9 - Human?

Barcamps, Webmontage, (Un-)Konferenzen allenthalben, alles mit ähnlicher personeller Besetzung und zunehmender Beteiligung von Gästen, denen nicht in erster Linie die Sache selbst am Herzen liegt — der im deutschsprachigen Raum ein wenig ausufernde »Konferenzzirkus 2.0« sorgt bereits für erste öffentlich geäußerte Frustrationen. Es schien an der Zeit, einmal einen Blick auf das internationale Geschehen zu werfen. Da traf es sich gut, dass zu den Kalenden des Juni 2007 in Kopenhagen die »reboot9« statt fand. Unter dem Banner der kurzen, aber potenziell bedeutungsschwanger dräuenden Frage »Human?« trafen sich ca. 500 Menschen, die sich mit dem Leben im Netz beschäftigen.

Auch wenn das nun schon wieder über eine Woche her ist, möchte ich noch auf die beiden Tage des Diskutieren, Inspirieren und Philosophieren über die verschiedenen Aspekte des Menschseins in diesen digitalen »Zeiten 2.0« zurück blicken.

reboot ist anders…

»reboot« fand bereits zum neunten Male statt. Aus einem lokalen dänischen Ereignis wurde in den letzten beiden Jahren ein internationaler Treffpunkt mit Teilnehmern aus vielen Teilen der Welt, von dem in den einschlägigen Blogs nur Gutes berichtet wurde. Mit der demonstrativen Betonung des »Unconference-Selbstorganisations-Ansatzes« hebt sich reboot bewusst von den anderen, inflationär stattfindenden gewinnorientierten Ereignissen ab, die durch inhaltlich dünne »Promi-2.0-Vorträge« und horrende Teilnahmegebühren (nur was viel kostet, ist »viel gut«) um die Teilnehmer buhlen. reboot interessiert sich für die Sache, andere für die Gewinnmaximierung mit der Sache

Die Themen werden im Rahmen des bewusst vagen übergeordneten Mottos von den Teilnehmern selbst vorgeschlagen und dann kurzfristig im Programm realisiert. Oder auch nicht.

Das reboot anders ist, bemerkten die Teilnehmer schon bei der Ankunft. Statt des obligatorischen Werbegedöns gab es eine kleine Tüte mit einem grünen, extra für reboot9 aufgelegten Notizbuch zum Notieren von Themen, Kontakten und Gedanken. Nach dem nicht-repräsentativen Augenschein zu urteilen, wurde dieses Büchlein rege benutzt. Man muss kein Prophet von biblischen Fähigkeiten sein um zu prognostizieren, dass dieses Büchlein bei den meisten Teilnehmern noch einen Ehrenplatz hat, wenn das sonst übliche Startup-Werbe-Gedöns bereits längst vom Grünen Punkt geschreddert wurde…

»We think we’re humans and we think that’s a good thing« (Adam Arvidsson)

Was gab es bei reboot9 an interessanten Themen zu entdecken?

Das Motto »Human?« wurde in überraschend vielfältiger Weise interpretiert. Gleich zu Beginn verpasste ich leider einen nach Teilnehmereinschätzung vorzüglichen Vortrag von Jeremy Keith, der sich auf die Spuren von nichts geringerem als der Seele machte. Jeremy interpretierte die Seele als »Geschichte, die wir uns selbst erzählen« (vgl. die Notizen von Stephanie Booth). Ein großer Teil dieser Geschichte wird in diesen modernen Zeiten online erzählt. Und Technik soll uns helfen, die verwirrenden Fäden der Geschichte zusammen zu halten. Ich hoffe sehr, dass bald die Videoaufzeichnung dazu verfügbar ist.

Das Verstehen jener Geschichten im Netz setzt voraus, dass wir die Sprache verstehen. Das Problem ist aber, dass fast jedes Land seine eigene Sprache spricht (manche sogar mehrere), dadurch verharren wir im Netz in »sprachlichen Silos«. Stephanie Booth gab in ihrem Vortrag While We Wait For The Babel Fish eine Einführung in die Problematik und skizzierte die Richtung, die Softwareentwicklung einschlagen muss, um den Umgang mit verschiedenen Sprachen im Netz zu erleichtern. Ich hatte mir den Vortrag etwas »kultureller« vorgestellt, er tendierte mir zu stark zur Skizzierung von Problemen der Lokalisierung von Websites.

Weitere Vorträge drehten sich um die ideale Arbeitsumgebung, um neue Interaktionsrituale oder um Generative Art. Oder es gab eine computergeneriertes Live-Kino zu bewundern. Diese kurze Aufzählung von Themen zeigt schon das große Spektrum an Themen und Herangehensweisen, die in den Vorträgen zu bewundern waren.

Quantenmechanik und Web-Design

Ein überraschender Vortrag von Dan Dixon (Dan wurde im Vorfeld von Nicole Simon interviewt) drehte sich um den auf den ersten Blick überraschenden Zusammenhang zwischen »Quantenmechanik und Web-Design«. Auf der Suche nach der großen einheitlichen Theorie für die Probleme des Web-Designs machte sich Dan auf einen Parforceritt durch die moderne Physik und Geistesgeschichte. Seine persönliche »M-Theorie«: Die Physik als Erfahrungswissenschaft gibt uns die Werkzeuge für die Aspekte 1 und 2 des Web-Designs, der »Informationsarchitektur« und dem »Interaktions-Design«. Die Geistesgeschichte, die Phänomenologie, welche versucht, die Welt anhand ihrer Erscheinung zu verstehen, soll das Rüstzeug für die Aspekte 3 und 4, die »soziale Architektur« und das »Narrative Design« (Design, das seine Botschaft in Form einer Geschichte »rüber« bringt) beziehen. Noch ein Vortrag, den man auf Video sehen muss. Schön, dass es bei reboot auch Platz für solche Themen gibt. Auch der Mensch im Web lebt nicht vom Brot alleine…

Das Web als immerwährender Spaziergang durch die Nachbarschaft?

Ein großes Thema, auch auf dem Hof ;-), war Twitter & Co. Bloggen im Miniaturformat, immerwährende Kommunikation mit dem Draußen. Der überraschende Erfolg dieser kleinen simplen kommunikativen Web-2.0-Anwendungen regt zum Nachdenken an. Lisa Reichelt hat für ihre Überlegungen den nur schwer ins Deutsche (»fließende Intimität«, oder so) übersetzbaren Begriff »Ambient Intimacy« vorgestellt. Ihre Folien sind bereits samt einer kleinen Zusammenfassung verfügbar, Zitat:

»[…] Ambient Intimacy is a term to describe that sense of connectedness that you get from participating in social tools online that allow you to feel as though you are maintaining and, perhaps in fact, increasing your closeness with people in your social network through the messages and content that you share online – be it photographs or text or information about upcoming travel.«

Lisa verglich unser kommunkatives Bestreben, wenn wir »twitter«, »flickrn« oder »bloggen«, mit dem Sonntagsspaziergang im Park vergangener Zeiten, als das soziales Umfeld der Menschen noch auf einen gewissen Raum beschränkt war. Man sah und sprach mit Leuten, von denen man viele nur Sonntags nachmittags sah, aber sich bewusst war, dass diese »da« waren. Heutzutage ist die ganze Welt unser Park, und unser engeres und weiteres soziales Umfeld verteilt sich geografisch so weit, dass die elektronischen Mittel der Ersatz des Sonntagspaziergangs vergangener Zeiten werden. Wobei das als Ergänzung zu den bestehenden sozialen Kontakten gesehen werden soll und Lisa ihre »Theorie« nicht als Munition für die Fraktion des »Internet macht einsam« verstanden wissen möchte.

Ade reboot!

Das Fazit nach zwei Tagen reboot, meiner ersten: Eine schöne (Un-)Konferenz in angenehmer, entspannter Atmosphäre. Nicht nur das »offizielle Programm«, sondern auch und gerade das »Abhängen« und »Plaudern« im Kopenhagener Sonnenschein trugen zur angenehmen Atmosphäre massgeblich bei. Unbedingt zu empfehlen, und es ist durchaus wahrscheinlich, dass ich das Schiff nächstes Jahr wieder gen Kopenhagen besteigen werde, wenn zur »reboot10« gerufen wird…

Was bleibt, sind Links! Bilder erst einmal:

Einschätzungen, Themen, weitere Links:

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