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Berlin-Hauptbahnhof - Mehdorns Shopping-Gruft

Traditionell war der Bahnhof einer Großstadt »ein Schleusenraum für die Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Verkehrsräumen, dem der Stadt und dem der Eisenbahn. Er verändert Menschen, zumindest vorübergehend: Sie unterwerfen sich dem Bahnhof für eine kurze Zeit und verlassen ihn bald wieder in einer anderen Stimmung« (Alfred Gottwaldt, »Der Bahnhof«, in: Geisthövel u. Knoch (Hg.) »Orte der Moderne«, S. 22). Wer im letzten Jahr im neuen Berliner Hauptbahnhof angekommen oder abgefahren ist, ist auch verändert: Als Reisender fühlt man sich dort überflüssig, gehetzt, verloren…

Im Freitag hat Rainer Fischbach zum einjährigen Jubiläum der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs einen großartigen »Erfahrungsbericht eines Reisenden« verfasst:

»Ohnehin schon Mitglieder einer Minderheit, erfahren Bahnfahrer in diesem Bahnhof erst recht ihre Bedeutungslosigkeit. Er gibt sich als in Beton, Stahl und Glas verdichtete Verachtung ihrer wesentlichen Bedürfnisse zu erkennen. Aus welcher Perspektive auch immer, der Bahnhof bietet sich mehr wie ein an Piranesis Carceri erinnernder Architekturalptraum dar denn als ein begehbarer, den Zielen der Reisenden dienender Zweckbau. «

Wer dort schon einmal rumirrte, z.B. auf der Suche nach einem Becher Kaffee, wird es erlebt haben: Man ist dort ein Gehetzter, ständig ist man auf der Suche, nirgends ein Ort zum Verweilen.

»Wer von Süden oder Norden kommend im Tiefbahnhof aussteigt, findet sich in einer Gruft, die den Charme einer Aussegnungshalle ausstrahlt. Der Blick nach der Bahnhofsuhr, mit dem der Passagier die Uhr am Handgelenk überprüft, geht ins Leere. Die Uhren sind gut hinter Stützen und Fahrstuhlschächten versteckt« (Freitag).

Es gab Zeiten, da war die Uhr an Bahnhöfen allgegenwärtig, denn »Zeit« und »Raum«, sprich, eine klare Struktur zur Orientierung hin zum wesentlichen – das Gleis, wo der Zug abfährt – sind die wesentlichen Elemente eines Bahnhofs. Darum steht er da. Der Berliner Hauptbahnhof ist ein Symbol (nicht nur durch den Orkan anfang des Jahres) für das, was uns Bahnfahrern droht, wenn Mehdorns aberwitzigen Monetarisierungsfantasien zur »Börsenbahn« kein Einhalt geboten wird. Die Bahn-Infrastruktur ist ein wichtiges Zukunftsgut für das gesamte Land, das nicht privatisiert werden darf. Und die Bahn muss von der Politik wieder auf ihre primäre Aufgabe zurück geworfen werden: Bahnverbindungen. Nicht Immobilienmonetarisierung. Bahnhöfe. Keine Plastik-Shopping-Moloche…



1 Kommentar


Boris am 28.05.2007:


In neoliberalen Zeiten ist halt auch ein Bahnhof vorrangig ein selbstbeweihräucherndes Schaustück der ökonomischen Großartigkeit seines Betreibers.

Der Bahnreisende ist (wie die Beschäftigten) reine Wirtschaftsmasse, es geht längst nicht mehr um seinen Transport. Könnte man anstelle mit Fahrkarten mit Eintrittskarten für das Gebäude selbst die erwünschten Gewinne erwirtschaften, gäbe es darin nicht einmal mehr Bahngleise, geschweige denn Züge.

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