Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

re:publica: Von Filmen und alten Schlachten

Hier liegen noch Notizen von zwei Veranstaltungen auf der re:publica im Editor herum, die ich ob der lockenden Alternativen Sonne und Bier noch nicht verbloggt habe. Eigentlich schon »alt«. Andererseits soll hier im Blog mal wieder der alte Gedanke der Ego-Dokumentation im Web das ausufernde Gelaber ersetzen. Darum kann man nach der Klickpause Notizen lesen zu zwei Panels:

  • Bewegte Bilder. Wie das Netz die Film-Branche verändert.
  • Entwicklung der Weblogs in Deutschland.

Bewegte Bilder. Wie das Netz die Film-Branche verändert.

Oliver Lysiak begrüßt Mario Sixtus, Stefan Kluge und Bertram Gugel zum Thema: »Bewegte Bilder. Wie das Netz die Film-Branche verändert.« Die Runde stellt sich zunächst vor. Mario fragt Filmemacher Stefan Kluge nach seinen Einnahmequellen. Dieser antwortet: »Spenden!« Darauf Mario: »Das ist aber kein sehr zukunftsträchtiges Modell.« Dieser Einschätzung kann man schwer wiedersprechen, wenn man sich den Kontostand anschaut… Stefan und seine Mitstreiter hatten keine Lust auf die klassische Filmförderung und wählten statt dessen den Weg der freien Veröffentlichung unter CC-Lizenz.

Bei Marios Elektrischen Reporter war die CC-Lizenz von vornherein Teil des Konzepts. Nicht allein der moralischen Konsequenz wegen, sondern auch bewusst als Mittel zur Förderung der Reichweite. Mario disst die Videokonzepte der Medienkonzern im Web. Tenor: Die kippen ihren Müll ins Web und hoffen, dass er zu Geld wird. Schon lange meine Rede: Warum soll ich mir auf irgendeinem missratenen Portal den ganzen Kram kostenpflichtig (und in irgendeinem DRM-verseuchten Windows-Format) anschauen, den ich schon auf den 300 Kanälen meines Digitalreceivers nicht sehen wollte?

Für Mario tut sich gerade ein Markt für unabhängige Bewegtbilderproduktion auf: »Wenn man eine Idee im Kopf, eine Kamera in der Hand und einen Sascha Lobo in sich hat.« Denn die fantasielosen Medienkonzerne gieren nach neuen Ideen aus dem Netz´und würden dann bereitwillig die Schatulle öffnen.

Bertram Gugel: Der einzige Weg zum Video-Erfolg im Netz ist das Freigeben und Verteilen im Netz, die falsche Strategie wäre es, mit Filmen Benutzer auf Gedeih und Verderb auf die eigene Plattform zu locken. Jemand aus dem Publikum: Kann man einen Film kollektiv erstellen wie Wikipedia oder Open-Source-Software? Mario ist skeptisch: Das würde in kreativen Prozessen nicht funktionieren.

Die Debatte plätschert dann ein wenig rund um die bekannten Bezahlmodelle und -ideen im Web. Mario wartet darauf, dass endlich die »Mittelsmänner« aus dem Produktionsprozess verschwinden, also keine »Handaufhalter« mehr zwischen Produzenten und Konsumer stehen. Er »ahnt«: Das wird kommen!

Fazit: Eine etwas müde Debatte und die Erfahrung, dass fähige Film- und Netzmenschen nicht unbedingt die begnadeten Diskutanten und Idealbesetzungen für ein Panel sind.

Entwicklung der Weblogs in Deutschland

Don Dahlmann und Jörg »Schowckwellenreiter« Kantel gaben einen Abriss der Historie der deutschsprachigen Blogosphäre unter dem Titel »Entwicklung der Weblogs in Deutschland«.

Don erzählt zunächst seine eigene Bloghistorie, wie sich der Stil und Inhalt seiner Blogaktivitäten im Laufe der Jahre veränderte. Dann erzählt der Schockwellenreiter »vom Krieg«, aus den Zeiten, als man Vernetzung noch mit Webringen realisierte und man bei »editthispage.com« bloggte. Tja, das waren noch Zeiten!

Eine Frage von Don ob der stetig wachsenden Zahl von Weblogs: Wenn alle Blog-Leser an ihrer Kapazitätsgrenze operieren, wer soll dann noch alle Blogs lesen, die in Zukunft dazukommen werden? Der Schockwellenreiter sieht das nicht als Problem, da es bekanntlich auch immer mehr Bücher gibt, als man lesen kann. ;-)

Don: Es gibt keinen Zwang, aber vielleicht bräuchte man einen Drang zur Professionalisierung? Der Schockwellenreiter dazu: Es braucht den Besitz der Produktionsmittel, von wg. der »Credibility«. Aber man muss auch davon leben, daher muss man schauen, woher Geld kommen könnte. Glaubwürdigkeitsprobleme gibt es erst, wenn Inhalte für Geld erstellt werden, aber das merkt das Publikum schnell: »Man kann nichts geheim halten.« Anfangs sollte der Schockwellenreiter eine Kunstfigur sein, von der Person Jörg Kantel getrennt. Aber das lies sich nicht durchhalten.

A-Blogger setzen keine Trends, sagt Don. Ein einzelner Blogger hat keine Relevanz, erst wenn der Verlinkunsprozess in Gang gekommen ist, erreicht das gebloggte Thema Bedeutung. Am Ende krankt die Veranstaltung daran, dass viele im Publikum »Professionalisierung im Weblog« ausschließlich unter monetären Gesichtspunkten, nicht aber unter inhaltlichen, wie ich Don eigentlich verstanden hatte, sehen.

Fazit: Ein nettes Plauderstündchen, eine unterhaltsame Reflektion der deutschen Webloggeschichte, die ich ja zu großen Teilen sowieso miterlebt habe. Aber Veteranen hören schließlich gerne tausendmal erzählte Geschichten aus den alten Tagen… ;-)

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