Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

Auf der Suche nach dem Brüllr 2.0

Es gibt so Tage. Du sitzt vor dem Rechner, alles was Du hast, ist so alt und gewöhnlich, und Du denkst: »Boah, habe ich jetzt mal Lust, mich bei einem richtigen schönen neuen Web-2.0-Brüller-Dienst anzumelden.«

Einst, 2004, habe ich mich bei Flickr und deli angemeldet und bin mehr als zufrieden. Das funktioniert, auch über die Jahre, und ist einfach gelungen und gut.
Aber das ist bald drei Jahre her, es muss ja auch mal was Neues und Tolles geben. Das zu finden kann ja kein großes Problem sein, denkt man, die Blogs sind voll von Meldungen, wie toll »MeeToor« oder »Geklontes Angebotr« sind.

Aber schon nach kurzer Zeit stellt sich ein Gefühl der Ernüchterung ob des Zustandes 2.0 in den Weiten des Webs ein. Wohin man schaut, ganz tolle Klons von deli, flickr oder YouTube. Und dann klingelt es in der Mailbox. Der 37. deli-Klon aus deutschen Landen fordert mich auf, mir eine LamerBar 2.0™ (siehe Abb. oben) zuzulegen und ihren Klon selbstverständlich zu berücksichtigen. Meine verehrten gegelten Freunde, eher ziehe ich los und lasse mir in einer Piercing-Stube einen Ring durch die Nase ziehen…

Also, die Anforderung für die nächste 2.0-Anmeldung wird spezifiziert: Keinen tumben Klon. Ich will was Neues! Es muss doch in fast 2.5 Jahren Web 2.0 etwas Neues geben.

Mal weiter gucken. Oh, was haben wir denn da beim Herrn Kottke? »I do the right thing«, eine Kopie von digg mit ethischer Komponente. Bei jedem Link soll ich bewerten, in welcher Hinsicht der Link die Menschheit weiter bringt und die Welt verändert. Nicht schlecht, das ist endlich mal was Neues. Aber der Anspruch, jegliches Ding in den weiten des Webs müsse eine inhärente Weltverbesserungskomponente besitzen, erscheint mir bei näherem Nachdenken doch etwas arg anspruchsvoll.

Also geht die Suche weiter. Und was finden wir da:

Twitter. Wie wir auf dem Bildchen oben (CC von david roessler auf flickr) unschwer erkennen können, sind alle Wichtigen dabei. Das muss einfach etwas sein, sonst wären nicht alle Heroen der Web-Welt da drin. Etwas Neues! Also gleich mal angemeldet. Und ein wunderhübsches Gadget für den Mac gibt es auch dafür. Hurra, endlich mal ein neuer Dienst 2.0!

Nun bin ich also drin. In Twitter. Wieso heisst das eigentlich nicht Twittr? Und wozu ist das eigentlich gut? Sagt es mir, ich kann es nicht erkennen.

Okay, ich gebe auf. Oder Du, verehrte Leserin, verehrter Leser, sagst mir nun, was der nächster Brüllr 2.0 ist. Wo soll ich mich anmelden? Aber: Keine Klons, und keine (das ist wohl eine Spezialität in Deutschland) Startups mit dem Geschäftsmodell »Ihr macht gratis die Arbeit, wir nehmen die Kohle, und nennen das dann User-generated-Content und einen Akt der publizistischen Partizipation«. Und?



9 Kommentare


Jens am 27.01.2007:


Hmmmm… wenn man gerne Musik hört und neue entdecken will, dann http://www.last.fm

Patrick am 27.01.2007:


es hiess frueher (als es noch was fuer coole und kein mainstream war ;) noch twttr.com – absolut laecherlich. so was haben gute web2.0-dienste doch nicht noetig ;)

Dirk am 27.01.2007:


Twitter ist mir ein bißchen zu viel George Orwell, muss ich da zugeben. Zumindest, wenn man deren Beschreibung nimmt (what are you doing?). Am besten noch mit plazes kombinieren…


Do the right thing gefällt mir von der Idee her da schon besser. Aber nicht viel :)

Sebastian am 27.01.2007:


Kann man hier eigentlich nicht trackbacken?


Naja, egal, Netz-Kultur hat den entsprechenden weiterführenden Artikel ;-)

Seabstian Werner am 28.01.2007:


Also ich probiere gleich mal Stikkit aus. Das ist doch mal eine Web-2.0 Innovation. Mal schaun wie nützlich das in Real-Life ist. Sieht jedenfalls erstmal sehr smart aus.

Boris am 28.01.2007:


Was erwartest du? Ich sehe kaum, dass da bisher irgendetwas war außer leeren Hülsen gemäß den “Geschäftsmodellen”, die du im letzten Absatz umschreibst.


Ich sehe da nicht so arg viel mehr als weggelassene Vokale vor “r”. Mit “Beta” draufgepappt.

Boris am 28.01.2007:


Oh, mein erster obiger Satz kein Verb…
Da fehlt ein “entstanden ist”.


Jetzt lasse ich schon ganze Verben weg, wo doch Vokale vor “r” reichten… ;-)

Ralf G. am 30.01.2007:


Sebastian 1: Trackback ist tot, verstorben auf dem Altar des Mammons. Technisch wäre das ja kein großer Akt, aber ich habe gerade keine Lust mir neben dem Stammspammer noch eine weitere Front zu eröffnen.</p> <p>Sebastian 2: Stikkit ist zwar auch von zweifelhaftem Nutzen, aber wirklich putzig gemacht, kannte ich noch nicht.


Dirk: Alles muss mit allem kombiniert werden, denn, wir sind im Netz, da ist alles öffentlich. Wie <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/84463">Schäuble sagte</a>, es gibt keim Schlafzimmer im Web. ;-)</p> <p>Patrick: Das hieß ja tatsächlich mal twittr. Mit dem Einfügen des E sind sie auf Web 1.92 zurück gegangen!


@Boris: »Leere Hülsen« ist ja auch übertrieben, flickr oder deli oder auch yousevenvideotubeloadgoogle haben ja durchaus ihren Wert, wenn man den Dienst benötigt.

web2.0 delicious flickr twitter