Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

Arbeitswelt 2.0, oder: Der Dot-Com-Tod ist wieder da!

Die Älteren unter den drei LeserInnen dieses kleinen Blogs werden sich noch an die so genannte »Dot-Com-Tod-Phase« zu Beginn des Jahrtausend erinnern. Nun, in den Zeiten der ökonomischen Rezession, fallen zwischen den kippenden Dominosteinen des Banken- und Autokonzernmonopolys auch Arbeitsplätze in »coolen Internetunternehmen« vom Spielbrett, und die »coolen Internetunternehmen« zeigen ihre hässlichen Seiten.

So zum Beispiel Yahoo bei der selbst für Ami-Unternehmen besonders stillosen Entlassung des bei flickr für »The Commons« zuständigen George Oates (siehe auch »The Tragedy Of The Commons«). Derartiges Verhalten scheint bei Yahoo! wohl auch kein Einzelfall zu sein, unangenehmer Laden.

Wie gesagt, das hatten wir ja alles schon einmal. Ende des letzten Jahrtausends kamen sie, die ein Geschäft witterten, an, zu jedem der »Internet« sagen konnte:
»Arbeite für uns, hey, hier, coole Internet-Projekte, und hey, das ist »New Economy«, wir haben nicht mehr die alten Hierarchien und Grenzen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wir arbeiten alle als große Familie an coolen Sachen und sind alle Freunde«. Bis etwa 2000 und 2001, dann gab es reihenweise die »Du hast 5 Minuten, Deinen Schreibtisch auszuräumen«-Shows zu bewundern, die »Freundschaft« war beendet.

In der Web-2.0-Blase wiederholt sich das. Die Arbeitswelt sieht nicht mehr so aus wie auf dem Bild ganz oben. Heute gibt es coole Büros (Bild nicht ganz oben), Sitzsäcke, ’nen Mac auf dem Schreibtisch, und auch ’ne Wii für die Pause. Und wieder sind wir eine große Familie die coole Internetprojekte baut. Bis zu dem Zeitpunkt, wo das Geld ausgeht, dann unterscheiden sich die Arbeitswelten auf den beiden Bildern nicht mehr. Die Frage der Macht in Arbeitsverhältnissen ist unverändert und glasklar und hat sich seit der Industrialisierung nicht geändert.

Das bedeutet: Auch wenn Ihr in coolen zwonulligen Startups oder sich zwonullig gebenden Alt-Unternehmen mit ja ach so flachen Hierarchien arbeitet – achtet auf klare vertragliche Regelungen des Arbeitsverhältnisses, macht Euch Eure Rechte als Arbeitnehmer bewusst. Zieht eine klare Grenze zwischen der abhängigen Arbeit und dem »Rest des Lebens«, auch wenn die Arbeit Spaß macht.
Gründet vielleicht ab einer bestimmten Größe des Unternehmens Betriebsräte – ja, ist so gar nicht neu, bunt, cool und zwonullig und scheinbar ja so total altmodisch. Aber es kann der Tag kommen, wo man froh sein könnte über solche ach so altmodischen Sachen. Glaubt es einfach einem alten Mann ;), der so manches ruhmlose Ende einer »coolen« Internet- oder IT-Unternehmung und die damit einhergehenden Verwerfungen miterlebt hat.

[Bilder: Bundesarchiv und jiry@flickr.]

Und passend zum Comeback des digitalen ökonomischen Sensemanns ist auch DotComTod 2.0 da. ;)



3 Kommentare


Plasma am 18.12.2008:


Es wird auch Zeit dass ein paar Konzepte dieser ganzen sozialen Vernetzungsscheiße (Entschuldigung) mitsamt den dahintersteckenden und angeblich ach so millionenschweren Betrieben über die Klinge springen.

Das ist natürlich schade für die unteren Zehntausend die ihren Job dabei verlieren, aber insgesamt ist die IT-Branche doch recht krisensicher was den Stellenbedarf angeht. Nur ausgewechselt wird halt schneller, aber mit entsprechenden Referenzen kommt man so schnell nicht unter die Räder.

andI611 am 18.12.2008:


Wie Recht der alte Mann doch hat. Helmut Schmidt wäre stolz auf Dich. Und das nicht ironisch gemeint.
Ich bin ja ungefähr genauso lange im “Netz” wie Du. Wenn auch unter anderen Vorzeichen. Klar, ich war nir selbständig. Aber dennoch hab ich ganz gut mitbekommen, was da so abgeht. Und ich sehe jetzt wieder, was da so abgeht. Manchmal kommt da – zugegeben – etwas Neid auf. Aber am Ende der Tafel bin ich froh, dass ich fest in den Fängen des Öffentlichen Arbeitgebers bin. Nenn es konservativ. Mein Gott. Dann ist es das. Aber noch lange nich im Kopf. ;-) Und sollen wir den Öffentlichen Sektor Leuten ohne Vision überlassen? Wo wir wieder beim Schmidt wären….

Ralf G. am 19.12.2008:


Man muss ja nicht gleich in den öffentlichen Dienst ;), aber wachsam bleiben. Gelingt nicht immer, ich weiß, es sind da draußen auch einige sehr überzeugende Blender unterwegs.

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