Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

2.0 tötet die große Form

Bloggen ist auf dem absteigenden Ast. Es wird getwittert, getumbled oder alles in einen großen Feed geworfen. Die große Form aber, der durchdachte brilliant polemische subjektive erkenntnisfördernde Blogeintrag, ist irgendwie »weg«.

Dieses Bild da oben ist übrigens »voll die Visualisierung«, dachte ich mir, als ich nach einem Dekobild gesucht habe.
»Stricken« steht für die funktionierenden vitalen thematischen Nischen der Blogwelt, die Tonne davor für den Rest, das allgemeine traditionelle rundverlinkende Bloggen-Bloggen. Es beschweren sich ja sogar schon die ersten Barcamp-Veranstalter, dass zu wenig gebloggt wird. Und der Durchgang, da weiss man halt nicht wo es hin geht, was ist hinter der Mauer? Aber man muss durch, wenn man nicht in die Tonne hüpfen will.

Genug problematisiert, die unangekündigte Sommerpause, in dem nur die an ihre Eintragsfrequenzmindestanforderung geketteten Kommerzblogger das thematische Nichts des Netzgeschehens mit Einträgen aus den Tonnen da oben gefüllt haben, ist nun mal langsam beendet.
Rinjehauen, losgebloggt! Rettet die große Form des digitalen Publizierens. Oder ist 140 Zeichen alles, was wir noch zu Stande bringen, wenn uns nicht die Knute des Kommerzes zum Schreiben zwingt?



4 Kommentare


Robert am 09.09.2008:


Dre Dinge dazu aus meiner Sicht:

  1. Die große (polemische) Form ist sehr riskant geworden, seitdem die Anwälte das Web entdeckt haben. Ich vermute einen Teil Selbstzensur. Twitter ist nicht auf dem Radar.
  2. Die große Form lebt in anderen Branchen, die Techblogs dünnen aus und hypen zuerst alle Chrome, jetzt alle WP 2.6.2. Aber Kultur oder Politik werden immer noch ausreichend in Langform behandelt.
  3. Wann, dann gilt deine Beobachtung nicht für UK/US.

Boris am 09.09.2008:


Es gibt ja einige in ihrer Themenwahl politisch orientierte Blogger, die nach wie vor die lange Form nicht scheuen. Dasselbe ist durchaus auch bei eher literarisch und/oder kulturell orientierten Blogger zu beobachten.

Ich habe das Gefühl, dass viele Themen rund um die Web-2.0-Welt kaum die lange Form vertragen. An vielen Produkten oder Diensten aus diesem Bereich ist vielleicht einfach zu wenig inhaltliche Substanz, um längerer Erörterungen herauszufordern.

Vielmehr ist es doch der kurze Hype, der die Stimmungen (und die ökonomische Bedeutung, um die es letzten Endes bloß geht) bewegt, und überdies könnte die Gefahr zu groß sein, dass man sich an einen längeren Artikel zu einem neuen Web-2.0-Trend setzt, und am Ende des Artikels ist der Trend längst wieder vom Markt verschwunden.

Ralf G. am 10.09.2008:


Kultur und Politik betrachte ich auch eher als Blog-Nische wie das Stricken, diese Nischen leben unabhängig vom großen Blogosphärentheater ganz hervorragend.

Ich meinte eher das »allgemeine« Bloggen. Wenn Barcamp oder andere Veranstaltungen dieser Art anstanden, haben die Teilnehmer drüber gebloggt, und man bekam eine Menge mit, auch wenn man nicht vor Ort war. Heute wird nur noch getwittert »Das Essen ist lecker«, »Kalle ist auch da« oder »Gleich gibt es einen Vortrag«, was schade ist.

Damit meine ich mich selbst natürlich auch, letztens habe ich was über ein Thema einer Veranstaltung von vor ein paar Jahren gesucht und fand es ausgesprochen praktisch, von der Veranstaltung damals ausgiebig gebloggt zu haben. Dafür waren Blogs ja schließlich ursprünglich mal gedacht. ;)

Boris am 10.09.2008:


Vielleicht ist dieses Twittern anstelle des ausführlicheren Bloggens gemäß deiner Beobachtung bei Web-2.0-Veranstaltung ja insoweit verräterisch, dass es zeigt, welches tiefer gehende Interesse die Teilnehmer wirklich haben?

Twitter-Belanglosigkeiten wie die genannten Beispiele “kosten” einfach weniger intellektuelle Energie als ein sinnreicher Beitrag, aber sie halten einen trotzdem im Tagesgespräch.

Das Gespräch hat zwar keinen wirklich nennenswerten Inhalt, aber wen interessiert das denn?

weblogs problematisieren web2.0