Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion der Uninformat im Angebot.

Geschwindigkeit als Tugend 2.0

Wann immer in der Welt etwas Schlimmes passiert, trompetet es durch das Netz: »Jaaaa, wir hier im Web 2.0 sind ja soooooo viel schneller als diese ganze komischen langsamen Hanseln in den alten Medien.« Twitter, everybody’s web darling – zumindest, wenn es gerade nicht an Skalierungsschmerzen leidet – wird in diesem Zusammmenhang stets besonders lobgepriesen. Ob Erdbeben in China oder Rauch über Berlin, über Twitter erfährt man sofort davon.

Die Frage ist nur: Was habe ich davon, ist Geschwindigkeit überhaupt eine unumstrittene Tugend auf dem weiten Feld der Information?

Rückblende: 2002, der so genannte »11. September« war noch frisch. Drei- bis viermal im Monat gab es auf dem (oft auch »so genannten«) Nachrichtensender n-tv ein journalistisch entwürdigendes Spektakel zu bewundern. Wann immer in den USA irgend etwas passierte, bspw. ein brennendes Auto an einem Flughafen (was dann letztendlich nur ein Unfall war), wischte n-tv sein Programm beiseite und hing sich, ganz Zweitverwerter, an die stundenlangen Übertragungen der sensationslüsternen amerikanischen TV-Networks, offenkundig von der Hoffnung beseelt, das »nächste große Terror-Ding« live auf dem Sender zu haben. Letztendlich aber wurde eine Menge Sendezeit für irrelevantes Zeug geopfert.

Zurück in das Jetzt. Es ist die Zeit des »benutzererzeugten Inhalts«, und wenn Frau oder Herr Bürger, ausgestattet mit technischem Equipment zur direkten Übertragung in Ton, Wort und Bild, etwas Aufregendes erlebt, so geben sie in der Regel dem Drang nach, der Welt davon zu erzählen. Und in den Zeiten 2.0 kann man »der Welt davon erzählen« durchaus wörtlich nehmen.

Aber es hat einen guten Grund, dass nicht für alles und jedes die Programme unterbrochen werden: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Fakten sammeln und Einordnen des Geschehens. Ohne natürlich die Opfer verhöhnen zu wollen (man weiss ja, alle kriegen alles in den falschen Hals), aber es ist egal, ob ich von einem Erdbeben in China jetzt, in der nächsten Tagesschau oder erst am nächsten Morgen aus der Zeitung erfahre. Dass Twitter schnell ist, ist schön. Aber wertlos, so lange der Bürgerjournalimus 2.0 nicht einordnet, sondern lediglich die »Klein-Fritzchen erlebt auch mal etwas Aufregendes«-Perspektive durch die technischen Möglichkeiten in die ganze Welt befördert. Das Glorifizieren der Geschwindigkeit ist lediglich ein Berauschen an der plötzlich zufallenden technischen »Macht«.

So weit, so gut. Man muss lernen, im Kult des Schnellen Dinge zu ignorieren.
Was aber viel schlimmer ist: Dieses »schnell schnell, was Aufregendes!«-Gehabe ist schon lange auf den »richtigen« Journalismus übergesprungen. So krass, dass sich die deutschen Auslandskorrespondenten in einem Buch über diese Mentalität beschweren. Ein Zitat aus dem FR-Artikel darüber:

»So berichtet Jörg Armbruster, der bis 2005 für die ARD im Nahen Osten war, wie ihn ein Tagesschau-Redakteur aus dem Bett klingelte. Gegen zwei Uhr morgens habe der von einem Anschlag erzählt. Eine Diskothek brenne, Hotels seien zerstört und westliche Touristen getötet worden. ›Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte wenig‹, schreibt Armbruster. Hamburg habe ihm die ersten Informationen einfach durchgegeben, die er dann als ›Jörg Armbruster live aus Kairo‹ ausgab.«

So läuft das, und das ist untragbar. Kann man das Werten von Geschwindigkeit als Primärtugend den Laien im Web verzeihen, geht das bei Journalisten nicht. Geschwindigkeit mag eine Tugend sein. Aber Informationsqualität ist auch eine. Und nicht einmal die unwichtigere. Es ist an uns Zuschauern, diese Qualität einzufordern und zu honorieren.



5 Kommentare


mehlstaub am 03.06.2008:


Im Radio ist das ja auch immer besonders auffallend. Da kommen immer erstmal schnell irgendwelche Skandalmeldungen, die dann eine halbe Stunde später wieder revidiert werden müssen.
Trotz der (sicherlich berechtigten) Kritik an Tagesschau ist es da mal interessant, über den Tag die Top-Schlagzeilen aus den Radionachrichten mit denen der Tagesschau am Abend zu vergleichen. Da sind viele Themen, die “schnell mal” als wichtig erachtet wurden gar nicht mehr drin.

Ralf G. am 03.06.2008:


Ich denke, das kommt drauf an, welchen Sender Du hörst. Es gibt ja diese lokalen »Das Schlimmste der 70er,80er,90er und der Abfall von heute«-Wellen, für die schon eine Katze auf einem Baum ein gewaltiges Event ist. Da man bei berufslustigen Kommerzradioplaudern eh nicht von Journalismus sprechen kann, sehen die Nachrichtensendungen halt entsprechend aus. ;)

Wohingegen so etwas im Deutschlandradio eher selten passieren wird, die sammeln, checken und filtern den ganzen Kram weg, der nur im ersten Moment wichtig erscheint.

mehlstaub am 04.06.2008:


Hier noch ein weniger schönes Beispiel von der Tagesschau-Seite:

„EU-weiter Alarm gemeldet

Nach einem Zwischenfall im Kühlsystem des slowenischen Atomkraftwerks Krsko hat die EU-Kommission laut Agentur AFP europaweiten Alarm ausgelöst.”

Keine weiteren Informationen. Ich meine was soll ich jetzt mit der Meldung? Fenster zumachen? :P
Bevor man dazu nix näheres weiß sollte man solche Meldungen lieber weglassen. Dient schließlich nur der Verunsicherung der Bevölkerung.

Ralf G. am 04.06.2008:


Ganz genau, daran habe ich gerade auch gedacht. Es gab nur eine Meldung einer Agentur, das hauen dann alle, aber wirklich alle, einfach so raus. Hauptsache schnell dabei bei der Sensation. Wenn das keine Verfallserscheinung ist, dann weiß ich es auch nicht.

Konstantin am 06.06.2008:


Ich will ja jetzt nicht über die Kollegen des angesprochenen Senders lästern. Aber ganz allgemein erledigt sich die eine oder andere Aufregung ja auch schon mal durch Nichtstun bzw. Abwarten. So gesehen hat die Tagesschau es auch einfach, nicht jeder durch Dorf getriebenen Sau hinterherhecheln zu müssen: Redaktionsschluss ist 19:45 (oder wann auch immer er ist), und wozu es keine Bilder gibt, ist ohnehin nicht so wichtig.

Nach Auskunft von Marlon, 6 Jahre, schwarz, vierbeinig und selbst Kater, ist eine Katze auf dem Baum aber durchaus ein gewaltiges Event. Wenn nur damals nicht diese Operation gewesen wäre…

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