Netztand V: Redundanz

Okay, die Zeiten von »eine Frau, ein Blog« oder »ein Mann, eine URL« sind vorbei. Heutzutage sind wir im Netz verteilt, Twittern hier, legen Links dort ab, usw. Und kaum sind wir verteilt, wollen wir uns wieder vereinen. Dazu baut/installiert man sich einen Aggregator, der dann alles, was man erst verteilt, wieder zusammen fasst. Auch dagegen ist ja nichts einzuwenden. Wir wollen überall dabei sein, für jede Mikroanforderung ein spezialisiertes Mikrotool haben, aber dann doch irgendwie wieder eine Einheit mit uns selbst bilden.

Was aber nicht geht, ist: Alle Links in deli werfen, diese dann per Skript twittern, das Getwittere und die Links dann wieder in Blogeinträge aggregieren, daraus dann automatische Blogeinträge erzeugen, die dann automatisch getwittert werden. Und dann natürlich per Skript zu identi.ca übertragen werden. Wir sind Mensch 2.0, alles was wir tun muss überall sein. Und alles zusammen wird dann noch einmal in einen Feed aggregiert. Von manchen Herrschaften lese ich Links und Tweets bis zu vier Mal. Bei aller Sympathie für die sich dahinter verbergenden Personen: Da werde ich bald einmal massiv unsubskribieren müssen.

Versetzt Euch beim Kreuz- und Queraggregieren mehr in »normale« Leser und »Follower«, statt zu versuchen, jeden nur theoretisch auftretenden Fall, wo einer etwas »Wichtiges« verpassen könnte, abzudecken. Danke! ;)

Alle Artikel der »Netztand«-Reihe

netztand web2.0

Von Podcasts, Marathon und Chaos Radio Express

Der Start des Frankfurt-Marathons. Um dort einmal 42 km zu laufen, braucht es über Monate viele lange Trainingsläufe, so zwischen 2 und 4 Stunden. Und das kann ganz schön öde sein, so stundenlang im Wald herum zu laufen und mit sich selbst zu reden.

Und hier kommen dann die Podcasts ins Spiel! Ich habe so einige gehört in letzter Zeit, vorwiegend aus dem Nerd- und Mac-Themen-Spektrum.

Viele thematisch interessant wirkende Podcasts kranken an ihrer Ziellosigkeit. Menschen hocken sich vor ihre Aufnahmegeräte und problematisieren relativ ziellos um ein Thema herum. Das Ergebnis sind dann zähe Podcasts, mitunter in bescheidener technischer Qualität, in einer Länge zwischen 1,5 und 2,5 Stunden, die man wirklich nur hören kann, wenn man eh gerade stundenlang durch den Wald läuft. Man möchte manches Mal anhalten und auf dem Waldboden schauen, ob da vielleicht gerade der rote Faden der Podcaster aus dem kleinen iPod gefallen ist…

Eine rühmliche Ausnahme gibt es, die ich schon jahrelang höre und (glaube ich) noch nie in meinen Blog(s) erwähnt habe:
Chaos Radio Express, kurz »CRE«.

Thematisch zweifellos in der Nerd-Ecke angesiedelt, gibt es nun schon 100 Episoden zu so unterschiedlichen Themen wie die GNU General Public License, Blinde und Computer, Sprachen oder das Künstlerkollektiv Monochrom.

Vor ein paar Tagen gab es die Jubiläumssendung, die Nummer 100. Glückwunsch dazu, es ist schon bemerkenswert über so einen langen Zeitraum (für die schnelllebigen Web-Verhältnisse) am Ball zu bleiben:
CRE100: »Das Internet und die Hacker«

Der CRE-Podcaster Tim Pritlove bittet anlässlich des Jubiläums um Spenden (auch als Podcast), zweckgebunden an eine Bahncard 100, um die thematische Vielfalt des Podcasts zu erhöhen und um mit räumlich entfernteren Gesprächspartnern Sendungen aufzeichnen zu können.

Also, verehrte Zielgruppe: Hört Chaos Radio Express, wenn Ihr’s noch nicht gemacht hat, ruhig auch ältere Sendungen aus dem Archiv, die normalerweise nicht so schnell von der Realität obsolet gemacht wurden. Und wenn’s Euch gefällt, spendet ein Trinkgeld.

Unterstützt unabhängige Podcast-Anbieter, die, als Einzelkämpfer gegen gebührenfinanzierte Giganten antretend, den wahren Geist des Podcastens repräsentieren. Podcasts wurden erfunden, um unabhängigen Stimmen Gehör zu verschaffen, und nicht, um Radiosendern eine Abspielstation im Web anzubieten…

podcast marathon cre chaosradioexpress

Freiheit statt Angst 2008

»Menschen, die sich ständig beobachtet und überwacht fühlen, können sich nicht unbefangen und mutig für ihre Rechte und eine gerechte Gesellschaft einsetzen. Massenüberwachung setzt damit die Basis einer demokratischen und offenen Gesellschaft aufs Spiel. Massenüberwachung gefährdet auch die Arbeit und das Engagement von Organisationen der Zivilgesellschaft.«

»Freiheit statt Angst 2008« – Berlin, 11. Oktober 2008

»Kom daarom naar Den Haag, om te protesteren of om je te laten overtuigen dat alle privacy schendende maatregelen van de laatste jaren niets aan onze veiligheid bijdragen, maar alleen afbreuk doen aan de moeizaam door onze voorouders verworven burgerrechten, en zorgen voor het langzaam verdwijnen van onze vrijheid!«

VOLKSOPSTAND »Freedom Not Fear« 2008

Mehr: »Freedom Not Fear 2008«

stasi2.0 überwachungsstaat vorratsdatenspeicherung

Barcamps und so

flickr-Bild: Barcamp Stuttgart - Der Session-Ende-Quitsch-Pinguin

Auch wenn es für mich dieses Mal nur ein »halbes« Barcamp war (das nächste Mal dann wie üblich wieder das volle Programm ;)) , das Barcamp Stuttgart war eine Reise wert.

Wie immer war es schön, Leute aus den Weiten des Web Zwo (wieder) zu treffen und ein bisschen zu plaudern. Die Organisation war exzellent, und die leibliche Versorgung derartig herausragend, dass es zu einem »Foodcamp« erklärt wurde. Ein »Danke schön« an die Organisatoren und Sponsoren, das hat Spaß gemacht.

Im Wiki gibt es eine Liste mit anderen Fazits und Bildern.

Da man es aber mit den guten Sachen nicht übertreiben soll, war das erst einmal meine letzte Veranstaltung dieser Art für dieses Jahr.
Ich kann nach re:publica, Barcamps und diversen Web-Montagen eine gewisse Müdigkeit gegenüber den »üblichen« Zwo-Themen nicht verhehlen. »Bunte« Sessions wie der amüsante Zauberer und die Podcasting-Jungstars und die Atmosphäre an sich ließen zwar dieses Mal keine Langeweile aufkommen, aber es wird trotzdem Zeit, auch mal andere Landschaften zu bereisen.

Mein Programm an Veranstaltungen mit potenziellem Interessensgehalt für die verehrte Zielgruppe für den Rest des Jahres:

  • Macoun’08, eine deutsche Mac-Entwickler-Konferenz, das Thema interessiert mich gerade. Schließlich hat man als »Pragmatic Programmer« jedes Jahr eine neue Programmiersprache zu lernen, dieses Jahr ist halt Objective-C dran. ;)
  • Das iPhonecamp Europe im Dezember in Paris. Zumindest höchstwahrscheinlich. Nehme ich teil, meine ich.
  • Und natürlich wie jedes Jahr zum Ausklang der Congress in Berlin.

barcamp barcampstuttgart bc0711 macoun iphonecampeurope 25c3

Barcamp Stuttgart

Wir Karlsruher fahren bekanntlich nur ausnahmsweise nach Stuttgart, was in der Regel ja auch das Beste ist ;).

An diesem Wochenende lohnt es sich aber, denn es ist mal wieder Barcamp-Zeit. Nach dem eher familiären Barcamp in Offenburg wird es dieses Mal voller werden, über 200 Leute haben sich für Samstag angemeldet. Es verspricht wie immer ein interessantes Zusammentreffen von Web-Verrückten aller Art zu werden. Ein paar Themen-Vorschläge sind auch schon da.

Lt. Website sind sogar noch einige Plätze frei, wer also jetzt spät auf den Geschmack gekommen ist, möge sich nach Stuttgart aufmachen. Man sollte sich nicht durch einiges kursierendes Geblogge über die Natur von Barcamps täuschen lassen. Barcamp ist immer das, was man daraus macht, und ich habe meine bisherigen Barcamp-Besuche, trotz ausgeprägter »Start-Up-Geblubber-Allergie«, nicht bereut.

Also, auf nach Stuttgart!

In dem Zusammenhang noch mal der »Klassiker« für Barcamp-Neulinge:
Johannes’ Einführung für Barcamp-Anfänger.

barcamp barcampstuttgart bc0711

Der arme Tim Berners-Lee ist neben der Spur

Der WWW-Erfinder Tim Berners-Lee hat natürlich seine ewig leuchtenden Verdienste.

Aber nun ist er komplett neben die Spur geraten: So fordert Berners-Lee doch tatsächlich eine Art »Web-Behörde«, die entscheiden soll, ob auf einer Website die Wahrheit steht oder nicht. Das mit der »Wahrheit« ist ja so eine Sache, schon Thomas von Aquin befand zwar, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Sache und Verstand sei, aber darauf kann man wohl kaum ein »objektives« Bewertungssystem für Websites aufbauen. Abgesehen davon wäre das eine Steilvorlage für die Schäubles dieser Welt.

Kurz und gut, eine ziemliche Schnapsidee. Findet auch The Inquisitr:

»He [Berners-Lee] may have created the world wide web, and for that he deserves a lifetime of praise, but the idea that his creation be rated based on rankings around truths needs to die quickly before repressive governments, and those that nearly are, use his words as an excuse to censor and filter the internet further.«

(Via Johannes’ Friendfeed)

timberners-lee seltsames stasi2.0

freedom 0

The freedom to run the program, for any purpose (freedom 0).
The Free Software Definition

Das eigentlich Erstaunliche an der Geschichte von Almericas vom iPhone-AppStore-Hüter abgelehnter Podcast-Anwendung ist doch, dass sich plötzlich viele drüber wundern. Ja Leute, was erwartet Ihr eigentlich von einer geschlossenen Software-Welt mit Türwächtern, wo nicht einmal die »freedom 0« selbstverständlich ist? Das, was da passiert, ist konsequent und logisch. So geht’s zu auf einer Plattform, wo Bequemlichkeit (für Anwender) und Kommerz (für Anbieter) eine unheilige Allianz eingehen. Es ist das, was Ihr haben wolltet, in aller Konsequenz zu Ende gedacht. Bequemlichkeit hat einen Preis, und der ist Unfreiheit.

iphone apple freiheit freedom0

»Basarpfeile« in iTunes 8 abschalten

Seit es das iPhone gibt, zieht im Hause Apple zunehmend eine Basarmentalität ein. Ähnlich den Strandpromenaden mediterraner Urlaubsorte steht buchstäblich überall einer herum und möchte zum Kaufen im Store animieren.
Neuestes Husarenstück in dieser Richtung: Das brandneue iTunes 8 führt die »Shop-« aka »Basar-Pfeile« (siehe Bild) wieder ein, die man in den Vorversionen abschalten konnte. Nun aber nicht mehr, der Basar darf nicht aus den Augen geraten. Ein falscher Klick, und man landet im Store. Und überhaupt, was ist das für eine Mentalität, die einem in der täglichen Benutzung einer Software ständig »Kaufen, Kaufen, Kaufen, Kaufen, Kaufen« ins Gesicht schreit?

Um das los zu werden, hat man zwei Optionen:

(1) Man kann die Pfeile in Verweise auf die eigene Bibliothek umbiegen, dazu öffnet man das Terminal und tippt ein:

defaults write com.apple.iTunes invertStoreLinks -bool YES

Das habe ich bei einem Fast-Namensvetter gefunden.

(2) Man kann die Pfeile auch gleich ganz abschalten, gefunden bei macosxhints, dazu tippt man ins Terminal:

defaults write com.apple.iTunes show-store-arrow-links -bool FALSE

Wer sich in der putzigen neuen »Kachel-Ansicht« der »Genre-Ansicht« entledigen möchte, kann diesen »macosxhint« beherzigen.

Weg sind die Pfeile, und es kann wieder Musik gehört werden. iTunes an sich finde ich ausgezeichnet, es verwaltet seit Jahren zuverlässig meine digitalisierte Musik-Sammlung und entlastet mich von der Notwendigkeit, Hunderte von Alben in selbstgewählten Verzeichnisstrukturen händig zu verwalten, was nur Windows-Frickler toll finden. Wofür hat man denn einen Computer?

Auch am iTunes-Store ist nichts auszusetzen, sofern man sich für die DRM-freien Titel entscheidet. Aber diese Penetranz, mit der Apple in neuen Produkten an jeder Ecke dem Benutzer die Kaufmöglichkeit ins Gesicht schleudert, nervt.

itunes macosx osx musik osxcli

Frische Sonnenseiten!

Webkrauts können auch anders! Nicht immer müssen wir der »großen Full-Service-Multimedia-Agentur von nebenan« ihre erbarmungswürdige Code-Wüste um die Ohren hauen!
Deshalb gibt es nun eine schöne neue Sommer-Serie mit dem ebenso schönen Titel »Sonnenseiten«. Den Auftakt macht Kollege Nicolai und widmet sich der Begrüßung.

Auch von mir wird es dort demnächst etwas Lobendes zu lesen geben. Und von vielen anderen berühmten Webkrauts. Also auf, Lesen über die Sonnenseiten des Webs!

webkrauts webstandards

Adminpedia?

Sehr schöner süffisanter Artikel der futurezone – »Im Reich der Wikikraten«:

»Und Qualitätssicherung, so der promovierte Mathematiker [Wikimedia-Vorstandsmitglied Philipp Birken, RG], habe für ihn vor allem etwas mit Löschen zu tun. [..] In letzter Instanz entscheiden die 200 Administratoren über den Verbleib eines Artikels; meist Männer, alleinstehend, zwischen 20 und 35 Jahre alt […].«

Es ist mein Eindruck, dass viele der in Wikipedia aktiven »Löschfreunde« dort Kompensation, für was auch immer, suchen. Wikipedia ist auf einen unguten Weg. Und das nicht nur wg. der Löschfreudigkeit, kommerzielle Aktivitäten und Personalrochaden mit »Geschmäckle« kommen hinzu. Es scheint, dass die besten Zeiten der Wikipedia vorbei sind und sie sich auf einem durch ihren eigenen Erfolg begründeten Weg in den Abgrund befindet. Die Spiegel-Bertelsmann-Geschichten sind nur eine »Geschmackssache«, das wirkliche Problem sind die »Männer, alleinstehend, zwischen 20 und 35«, die sich mit ihrer administrativen Macht eine Wikipedia nach ihrem Gutdünken formen.

wikipedia adminpedia

»Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.« Zum 80. Geburtstag von Ernesto Che Guevara.

Heute, am 14. Juni, wäre Ernesto »Che« Guevara 80 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht die Büttel des so genannten »Freien Westens«, die von der CIA tatkräftig unterstützten Regierungstruppen der bolivianischen Militärdiktatur, am 9. Oktober 1967 ermordet hätten. So wurde Che, nicht zuletzt durch das legendäre Foto von Alberto Korda, in den 60ern, 70ern und 80ern eine Ikone des Aufbegehrens gegen die verkrusteten Strukturen des »Freien Westens«. Und dann schließlich in diesem Jahrtausend vorwiegend eine Pop-Ikone, die von unpolitischen jungen Leuten auf ihrem T-Shirt spazieren getragen wird, ohne dass sie auch nur den leisesten Schimmer hätten, wer das ist und wofür er stand. Die Konsumgesellschaft rezipiert halt nur noch ironisierend oder stilisierend.

Che dient darüber hinaus aber auch heute noch als Reibungs- und Projektionsfläche für das konservative Spektrum. Exemplarisch dafür ist das Essay des bei seinem politischen Flankenwechsel, von ganz links außen kommend, mittlerweile an der rechten Seite bei Springers WELT angekommenen Thomas Schmid. Comandante Che als Ventil zur nachträglichen Abrechnung mit den eigenen Jugendsünden.

Selbstverständlich darf man das Wirken Ches, wie das jeder historischen Figur, nicht losgelöst von seiner Zeit betrachten. In den 50ern und 60ern gefiel sich der »Freie Westen« in seiner antikommunistischen Hysterie in der Unterstützung von dem Kapitalismus wohl gesonnener brutaler Militärdiktaturen in Südamerika. Nur in diesem Kontext ist seine Härte im Umgang mit Gegnern der Revolution zu verstehen und zu bewerten, und nicht aus der heutigen Perspektive des mit der Welt in seinem Laptop verbundenen Couchtheoretikers des globalisierten Kapitalismus, der mit dem Ende des Staatssozialismus in Osteuropa auch den Lauf der Geschichte für abgeschlossen hält und sich nun anschickt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seine Akteure nachträglich in »Gut« und »Böse« einzuteilen. Weil bekanntlich immer der Sieger die Geschichte schreibt.

Che mahnt uns mit der ganzen gnadenlosen Härte und Konsequenz seines Handelns dazu, sich auch im 21. Jahrhundert nicht mit einer ungerechten Welt abzufinden, sondern an einer besseren zu arbeiten. In diesem Sinne: Cumpleaños Feliz, Comandante!

Noch ein paar Links:

[Bild: Wikimedia Commons]

che ernestoguevara revolution

Geschwindigkeit als Tugend 2.0

Wann immer in der Welt etwas Schlimmes passiert, trompetet es durch das Netz: »Jaaaa, wir hier im Web 2.0 sind ja soooooo viel schneller als diese ganze komischen langsamen Hanseln in den alten Medien.« Twitter, everybody’s web darling – zumindest, wenn es gerade nicht an Skalierungsschmerzen leidet – wird in diesem Zusammmenhang stets besonders lobgepriesen. Ob Erdbeben in China oder Rauch über Berlin, über Twitter erfährt man sofort davon.

Die Frage ist nur: Was habe ich davon, ist Geschwindigkeit überhaupt eine unumstrittene Tugend auf dem weiten Feld der Information?

Rückblende: 2002, der so genannte »11. September« war noch frisch. Drei- bis viermal im Monat gab es auf dem (oft auch »so genannten«) Nachrichtensender n-tv ein journalistisch entwürdigendes Spektakel zu bewundern. Wann immer in den USA irgend etwas passierte, bspw. ein brennendes Auto an einem Flughafen (was dann letztendlich nur ein Unfall war), wischte n-tv sein Programm beiseite und hing sich, ganz Zweitverwerter, an die stundenlangen Übertragungen der sensationslüsternen amerikanischen TV-Networks, offenkundig von der Hoffnung beseelt, das »nächste große Terror-Ding« live auf dem Sender zu haben. Letztendlich aber wurde eine Menge Sendezeit für irrelevantes Zeug geopfert.

Zurück in das Jetzt. Es ist die Zeit des »benutzererzeugten Inhalts«, und wenn Frau oder Herr Bürger, ausgestattet mit technischem Equipment zur direkten Übertragung in Ton, Wort und Bild, etwas Aufregendes erlebt, so geben sie in der Regel dem Drang nach, der Welt davon zu erzählen. Und in den Zeiten 2.0 kann man »der Welt davon erzählen« durchaus wörtlich nehmen.

Aber es hat einen guten Grund, dass nicht für alles und jedes die Programme unterbrochen werden: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Fakten sammeln und Einordnen des Geschehens. Ohne natürlich die Opfer verhöhnen zu wollen (man weiss ja, alle kriegen alles in den falschen Hals), aber es ist egal, ob ich von einem Erdbeben in China jetzt, in der nächsten Tagesschau oder erst am nächsten Morgen aus der Zeitung erfahre. Dass Twitter schnell ist, ist schön. Aber wertlos, so lange der Bürgerjournalimus 2.0 nicht einordnet, sondern lediglich die »Klein-Fritzchen erlebt auch mal etwas Aufregendes«-Perspektive durch die technischen Möglichkeiten in die ganze Welt befördert. Das Glorifizieren der Geschwindigkeit ist lediglich ein Berauschen an der plötzlich zufallenden technischen »Macht«.

So weit, so gut. Man muss lernen, im Kult des Schnellen Dinge zu ignorieren.
Was aber viel schlimmer ist: Dieses »schnell schnell, was Aufregendes!«-Gehabe ist schon lange auf den »richtigen« Journalismus übergesprungen. So krass, dass sich die deutschen Auslandskorrespondenten in einem Buch über diese Mentalität beschweren. Ein Zitat aus dem FR-Artikel darüber:

»So berichtet Jörg Armbruster, der bis 2005 für die ARD im Nahen Osten war, wie ihn ein Tagesschau-Redakteur aus dem Bett klingelte. Gegen zwei Uhr morgens habe der von einem Anschlag erzählt. Eine Diskothek brenne, Hotels seien zerstört und westliche Touristen getötet worden. ›Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte wenig‹, schreibt Armbruster. Hamburg habe ihm die ersten Informationen einfach durchgegeben, die er dann als ›Jörg Armbruster live aus Kairo‹ ausgab.«

So läuft das, und das ist untragbar. Kann man das Werten von Geschwindigkeit als Primärtugend den Laien im Web verzeihen, geht das bei Journalisten nicht. Geschwindigkeit mag eine Tugend sein. Aber Informationsqualität ist auch eine. Und nicht einmal die unwichtigere. Es ist an uns Zuschauern, diese Qualität einzufordern und zu honorieren.

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