In getwitterten Stahlgewittern

»Aufgewachsen im Geiste einer materialistischen Zeit, wob in uns allen die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach dem großen Erleben. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. In einem Regen von Blumen waren wir hinausgezogen in trunkener Morituri-Stimmung. Der Krieg mußte es uns ja bringen, das Große, Starke, Feierliche. Er schien uns männliche Tat, ein fröhliches Schützengefecht auf blumigen, blutbetauten Wiesen. Kein schönrer Tod ist auf der Welt . . . . Ach, nur nicht zu Haus bleiben, nur mitmachen dürfen!«
[Aus: Ernst Jünger: »In Stahlgewittern«]

Die Zeiten ändern sich. Zog Ernst Jüngers Generation noch höchstpersönlich, von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugt, »in einem Regen von Blumen« in den Krieg, so hat die arbeitsteilige Gesellschaft des 21. Jahrhunderts dafür natürlich längst besoldete Stellvertreter, die in einem Regen von Tweets, aber nicht minder begeistert, los geschickt werden.

Ein Lehrbeispiel war der Libyen-Feldzug der NATO. Im Windschatten des »afrikanischen Frühlings« nutzte die libysche Oppostion die Gunst der Stunde und begann, mit getwitterten Splatter-Fotos und Gräuelberichten von unbekannter Authentizität die Social-Media-Öffentlichkeit des Westens zu beeinflussen, indem sie ihre Revolte als »Volksaufstand« dar stellte. Mit dem Gerücht über ein angeblich bevorstehendes Luftbombardement der libyschen Armee gegen die »Demokratiebewegung« liefen die twitternden und bloggenden Amateur-Strategen zur Hochform auf und schließlich wurde mit dieser Begründung das Eingreifen der NATO durch den UN-Sicherheitsrat gepeitscht. Das entsprach zwar wahrscheinlich nicht den Tatsachen (»Der Bundesregierung liegen keine detaillierten Informationen über Angriffe der libyschen Luftwaffe auf Zivilisten vor«, Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion am 21.4.2011), aber nun nahm das Geschehen seinen Lauf.

Ein großer Erfolg der Libyschen Opposition, Social-Media bewegt und mobilisiert. Qed. In Twitter brach ein Shitstorm gegen Westerwelle los, weil er einmal in seinem politischen Leben etwas richtig machte und sich gegen dieses militärische Abenteuer stellte. Man wollte dabei sein, man wollte in den Krieg, auf der Seite der Guten. Natürlich nicht persönlich, sondern mit dem Notebook auf dem Schoß.

Tweet von taz-Redakteur Mike Söhler am 19. März 2011

Nun, 7 Monate später, hat die NATO zu Ende bombardiert, Gaddafi ist tot, und was nun kommt in Libyen weiß noch niemand, wir werden es erleben. Die im Social-Media-Windschatten publizistisch mitmarschierenden Medien geben sich aber alle Mühe, das was kommen könnte schon einmal prophylaktisch schön zu schreiben.

Somit bleibt das erstaunliche Social-Media-Geschehen rund um den Libyen-Krieg der »Social-Media-Tiefpunkt« des Jahres 2011. Wir mögen tolle neue Technik haben und uns im alltäglichen Netzgeschehen als gesellschaftlich fortschrittlich gerieren, was haben wir doch gelacht und werden weiter lachen über die altmodischen Internet-Ausdrucker.
Letztendlich, das zeigte der März 2011, verhalten wir uns auch im Jahre 2011 wie Jüngers Generation 1914. Nur dass wir natürlich nicht mehr selbst los ziehen wollen, zu gefährlich, dem sei die arbeitsteilige post-industrielle Gesellschaft vor. Wir beobachten das lieber allzeit meinungsfreudig hinter dem Notebook und mokieren uns in Twitter und Co. über den Außenminister, weil er nicht fröhlich mit marschieren wollte. Die »trunkene Morituri-Stimmung« produziert nur noch Tweets.

twitter krieg libyen

Neues von der Linux-PowerPC-Front

Das alte PowerBook G4 mit seinem Debian Squeeze gedeiht noch stets auf das Allerfeinste. Es heilt sich sogar selbst! War der Kontakt, der beim Zuklappen des Lieblings-Mac normalerweise den Ruhezustand auslöst (unter OS X, mit Linux funktioniert das bei mir nicht) jahrelang kaputt, so funktioniert er neuerdings wieder einwandfrei! Das sind die heilenden Kräfte der Freiheit! ;-)

Auch wenn man so langsam merkt, dass PowerPC eine sterbende Plattform ist, so gibt es doch trotzdem auch noch brauchbare Linux-Softwareperlen (nicht nur) für die PPC-Plattform.

Mirage

Mirage ist ein wirklich sehr schneller Bilder-Angucker für Linux. apt-get install mirage bringt es in das System und man kann auch große Verzeichnisse mit großen Bildern außerordentlich schnell durchschauen, neben sxiv das schnellste Programm seiner Art.

Minitube

Ein anderes Problem ist Flash. Das gibt es von Adobe schon lange nicht mehr für Linux/PPC, was natürlich mal wieder hervorragend belegt, wie hirnrissig das von den so genannten »Pragmatikern« stets gebrachte Argument, Flash sei zwar keine freie Software aber trotzdem praktisch frei verfügbar, in der Realität tatsächlich ist. Aber ich schweife ab. Ab und an möchte man mal ein Youtube-Video schauen, HTML5-Video ist dort aber noch in den Kinderschuhen.
Dafür gibt es Minitube. Auf PPC besorgt man sich den Source und kompiliert das Dingen selbst.

sudo apt-get install build-essential qt4-dev-tools libphonon-dev
sudo make install

Das war schon alles, nun kann man Youtube durchsuchen und Videos schauen. Da oben auf dem Screenshot, da wo das blaue Rechteck ist, da würde nun das Video laufen, der Screenshotter scrot mochte das laufende Video partout nicht mitknipsen. Das Video läuft auch in Fullscreen und so genügsam, dass auf der alten Kiste nicht einmal der Lüfter anspringt.

Browser-Krise

Wie erwähnt, PowerPC ist eine sterbende Plattform, die neuen scharfen Browser sind alle nach und nach nicht mehr für diese Plattform verfügbar, Intel-Monokultur rulez!

Weder der Opera 11 noch der Firefox 4 sind mehr für Linux/PPC verfügbar, Chromium/Chrome bekanntlich noch nie, weil deren V8-Engine zwingend einen Intel-Prozessor voraussetzt.
Noch gibt es brauchbare Alternativen wie Midori (installieren mit apt-get install midori), einen flotten Webkit-Browser im GTK-Kleid (sogar mit Werbeblocker, damit auch in der Praxis einsetzbar), aber letztendlich wird man in der Welt der freien Systeme früher oder später in eine veritable Browser-Krise geraten, wenn man ein System abseits der Intel-Monokultur benutzt. Zumindest im Browser-Bereich ist die Vielfalt der freien Software also eigentlich keine.

linux debian powerbook ppc powerpc midori minitube mirage

re:publica XI – Von jenen die hoffen die »Pro’s« zu sein und andere Abenteuer

Wie angekündigt ging es also zum fünften Mal zur re:publica nach Berlin.

tl;dr: Voll war es, noch voller als 2010, da aber schon angekündigt wurde, dass es zur nächsten Ausgabe neue größere Räumlichkeiten geben wird, wird in dieser Hinsicht wohl alles gut. Die Vorträge waren wechselhaft, einige informative und einige wirklich schlechte waren dabei. Und sehr schön war natürlich der »Klassentreffen-Aspekt«, also genau das, was bei den Relevanzfanatikern aller Art immer als »selbstbezogen« wahrgenommen wird.

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berlin republica re-publica rp11 re-publica11

re:publica XI - Die Rückkehr

Und da ist es auch schon wieder soweit: re:publica XI steht vor der Tür. Wie bei allen bisherigen Ausgaben werde ich auch dieses mal wieder mit von der Partie sein. Erwartungen habe ich keine großartigen, einfach mal schauen wie es da so sein wird. Und ebenfalls schauen, ob sich der Trend fortsetzt, dass all’ die schönen Veranstaltungen, wo einst nur »wir kühle BloggerInnen und Nerds« rum liefen und unseren Spaß hatten, nach und nach von den »Social Media«(sic!)-Borgs, Beratern, PR-Fraggles, Marken-Kommunikations-Replikanten u.ä. übernommen werden. Denn es hat noch keiner gemerkt: Niemand will mit seinem Getränk, Sommerreifen oder Hämorrhoidensalbe in einen »Social-Media-Dialog« treten und vernetzen, wir (wer immer das auch genau ist) wollen eigentlich nur einen (mittlerweile nicht mehr gar so) neuen Kommunikationsraum bevölkern und entwickeln.

Das Programm liest sich wie immer vielversprechend, wenn ich das richtig verstanden habe gibt es für Euch daheim gebliebene zumindest einen Livestream aus dem Friedrichstadtpalast.

Gebloggtes von mir zu den vergangenen vier re:publicas der Jahre 2007-2009 findet das geneigte Auge im alten Blog, im neuen gibt es Gebloggtes zur Ausgabe des Jahres 2010.

Und natürlich Bilder von den Vorjahren:

republica rp11 re-publica re-publica11 berlin

Weiter, weiter, immer weiter

Und es wird immer weiter gelaufen, der nächste Marathon wartet im Mai und will gut vorbereitet sein. Und wenn man so eine ganz schön lange Zeit durch einen langen Raum rennt, passt »Raumzeit« sehr gut. Diese Podcast-Reihe beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung des Weltraums. Die ersten Episoden liefen etwas zäh an, ab »Raketenantriebe« kann man getrost einsteigen, und der zuletzt konsumierte zum Thema »Planetenforschung« war ein erster Höhepunkt der Reihe.
Als Einstieg zum Thema kann ich auch "CRE156 »Das Sonnensystem« ":http://chaosradio.ccc.de/cre156.html und CRE »Mikrokosmos, Makrokosmos« empfehlen. Hat man das alles verdaut, ist man auf dem aktuellen Forschungsstand in Sachen Weltraum und kann über die absonderlichen Fehlgriffe des Boulevards zu solchen Themen nur grinsend sein Haupt schütteln…

podcast weltraum

Übers Schreiben

Ein guter Text über das »Comeback-Bloggen« von Matt Webb (gefunden bei Johannes):

»The last time I wrote on my blog with any kind of regularity was early 2008. […] I’ve tried to write since. It’s not come. I was finding myself over-thinking my words. They’d seem to me try-hard poetic, and I prefer to write the way I speak. Or I didn’t have anything to say. Anything I said was obvious. Or I’d over-explain.«

Das geht wohl allen so, die früher mal regelmäßig ins Netz geschrieben haben: Es ist schwieriger als man denkt, zurück zu der Regelmäßigkeit und Selbstverständlichkeit zu kommen, mit der man damals Zeug raus gehauen hat. Da kommt man, wie Matt schreibt, wohl nur durch’s »Drauflos-Schreiben« raus. Ist heute auch schwieriger, gerade »Aktuelles« ist nach kürzester Zeit in Twitter und Co. sowas von durchgenudelt, dass die innere Relevanzaxt das zarte Pflänzchen eines Blog-Textes gleich wegholzt. Da hilft nur, um noch mal Matt zu zitieren: »Okay, fine, do it anyway.«

weblogs egosachen

Der App-Store – Fanal für die Flucht zu Ubuntu?

Da ist er nun also, der neue »App Store« auf dem Mac. Im Moment nur eine Ansammlung von einigen alten Bekannten und ein Füllhorn gefüllt mit dem Zeugs, das man schon beim letzten Macheist nicht auf seinem Rechner haben wollte. Aber das kann und wird sich sicher ändern.

Die Reaktionen reichen von den $-Zeichen in den Augen manch eines Entwicklers über »haha, boah ey, sowas hatten wir bei Debian schon 1998« bis hin zu Untergangsszenarien wie beim geschätzten Bloggerkollegen:

»Erst stellt Apple sein (von mir) vielgenutztes Download-Verzeichnis ein, dann erfindet die Firma aus Cupertino (ab MacOS X 10.6.6) einen AppStore für Desktop-Macs. Der nächste Schritt wird sein, daß man — ähnlich wie bei iPad und iPhone — Software nur noch über diese AppStore beziehen kann. Ich glaube, es wird wirklich Zeit, daß ich mich mit Ubuntu beschäftige.«

Letzteres ist ja unabhängig vom Untergang immer eine gute Idee. Linux-Distributionen hatten in der Tat schon immer einen »App Store«, der heisst nur von alters her »Paketverwaltung« und beinhaltet die gesamte Software des Betriebssystem und keine Angebote von der Distribution unabhängiger Entwickler. Von daher hinkt dieser Vergleich ziemlich gewaltig.

Einen Schritt weg von der reinen Paketverwaltung und damit am App-Store-ähnlichsten ist aber das »Ubuntu Software Center« (im folgenden USC genannt):

Interessanterweise ist im USC aber mitnichten nur die freie Software des Systems enthalten, sondern – das weiß kaum jemand – auch kommerzielle Software, auch wenn die Auswahl sehr bescheiden ist:

Und ganz wie bei Apple braucht man einen zentralen Account bei Ubuntu One, bei dem man seine Kreditkartendaten angibt und dann die Software kaufen kann. Kommt dem Mac-Nutzer irgendwie bekannt vor, es könnte sein dass die Flucht zu Ubuntu, weg vom gierigen Steve, vom Regen in die Traufe führt. ;)

Wie realistisch ist die vom Herrn Schockwellenreiter beschworene Gefahr überhaupt? Ist der App Store der erste Schritt hin zum abgeriegelten iOSifizierten Mac OS X? Ich kann es mir nicht so recht vorstellen. Apple verkauft eine Menge Alu an Entwickler und andere Anwender, die in Sachen Software Ansprüche haben, die mit dem Distributionskanal App Store und seinen Beschränkungen nicht abzudecken sind. Das hätte sich dann erledigt.

Der Ist-Zustand gibt noch keinen Grund zur Sorge. Der App Store ist derzeit lediglich eine Softwareliste mit Bezahlfunktion, wie z.B., s.o., das USC.

Und der Sog? Der scheint noch nicht gar so unwiderstehlich zu sein, wie die gierige Begeisterung einiger Entwickler uns glauben machen will.

Also, Fazit: Erst mal locker bleiben. Das nächste Release 10.7 »Lion« wird uns zeigen, wohin die Reise beim Mac geht.

mac osx ubuntu appstore

This Developers Life

Noch stets renne ich durch die Gegen und höre Podcasts. Die neueste Empfehlung:

This Developer’s Life

Ein Gesprächs-Podcast über das Leben als Software-Entwickler, immer an einem bestimmten Meta-Thema wie »Getting Fired« aufgehängt. Ich bin über die Episode »Homerun« darauf aufmerksam geworden und habe anschließend alle Episoden nachgeholt. Rob und Scott unterhalten sich über das Meta-Thema und reichern selbiges mit passenden Interviews mit großen und kleinen Helden aus der Szene an, schön dramatisiert mit passender Musik. Ein Hörbefehl, wenn man sich für Programmieren und Entwicklung interessiert.

podcast

Linux auf dem Powerbook G4 »Reloaded«: Debian GNU/Linux


Die guten alten Stammleserinnen und -leser werden sich erinnern: Vor fast zwei Jahren wurde mein Lieblings-Mac, das Powerbook G4, mit Gentoo-Linux einer zweiten Karriere zugeführt. Gentoo stellte sich aber als grandiose Fehlentscheidung heraus, ein Wirrwarr von undurchsichtigen Abhängigkeiten, verbunden mit grotesken Kompilierorgien, machte jedes Update einer noch so kleinen Komponente oder eines Stücks Software zu einer Geduldsprobe.

Abhilfe musste her! Ein erneutes Sondieren des GNU/Linux-Marktes für PowerPC brachte das Resultat, dass der Ubuntu-PowerPC-Build auch anderthalb Jahre später immer noch nicht booten wollte. [Und wenn schon die CD nicht sauber bootet, sollte man an eine Installation gar nicht erst denken]. Die Rettung kam dieses Mal vom Debian PowerPC-Build.

Und warum? Habe ich ja bereits damals geschrieben:

Mein schönes altes Powerbook G4 aber, dass noch stets als mein Zweitgerät für Reisen und Konferenzen aller Art am Start ist, wird demnächst von Apple offiziell zum alten Eisen erklärt. Man bemerkt schon, dass Apple einen rigorosen Strich ziehen möchte. Der »Snow Leopard« wird Gerüchten zufolge keine Unterstützung mehr für Power-PC-Prozessoren enthalten, und der aktuelle Leopard und neuere Programme überfordern das kleine Powerbook mit seinen 867Mhz und 640 MB RAM ein wenig. Man sieht trotz leistungsfördernder Massnahmen wie das Deaktivieren von Spotlight fast so oft den Strandball wie auf vergurkten Windows-Kisten die Sanduhr. ;)
Also entstand die Idee, mal wieder ein wenig in die nerdige Welt des Betriebssystem-Frickeln abzutauchen und das kleine Powerbook mit einem alternativen, schnelleren Betriebssystem für den Alltags-Bedarf unterwegs zu versehen.

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linux howto debian powerbook ppc powerpc

Technischer Status 2010

Ein gutes neues Jahr den Rest-Leserinnen und -Lesern, möge Euch das Jahr 2011!11 Gesundheit, Wohlstand und Erfüllung in jeglicher denkbarer Hinsicht geben!

Test, Test, Test – scheint zu funktionieren. Sie sehen ein frisch renoviertes Blogsystem, mein persönliches Dauerprojekt, rübergehoben auf Rails 3. Was nicht so einfach war, da es eben ein Dauersystem ist, steckt da noch Code drin, der mal für Rails 1.0 geschrieben wurde.

Eigentlich macht die Programmierung eines solchen Systems fast mehr Spaß als dann etwas damit zu schreiben, aber wir wollen nicht für die Galerie programmieren und es nun aber wirklich mal benutzen.

Wie der stets unverdrossen bloggende Kollege nebenan möchte ich zu Jahresbeginn mal kurz den technischen Stand der Dinge beleuchten.

Arbeitspferd ist noch stets ein Mac mit Mac OS X, mittlerweile sind wir bei einem Macbook Pro in der Größe 13 Zoll angelangt. Seit dem »Switch« 2003, damals, als einen Mac zu benutzen noch nicht dazu führte, den Nutzenden automatisch in den großen Klub der für kühle Produkte die Freiheit des Netzes durch vom Steve kontrollierten rigiden Entertainment-Kommerz abwürgenden Tech-Poser zu verorten, hat mich Mac OS X noch nie im Stich gelassen. Es gab keine Überraschungen durch nicht funktionierende Dinge nach Systemupdates. Es gab keine Ausfälle zum falschen Zeitpunkt.
Wenn mal eine Deadline etwas »dead« wurde lag es an mir, nicht an Problemen irgendwelcher Art mit dem System. Diese Grundzuverlässigkeit, meine Damen und Herren, ist bei der Nutzung von Computern das Allerwichtigste. Darum müsste Steve schon eine ordentliche Armada von Kontroll-Daumenschrauben neben dem bösen App-Store auffahren, um einen Systemwechsel für mein Produktionsmittel »Computer« bei mir herbei zu führen.

Was nicht heisst, dass man nicht über den Zaun schaut. Auch in Sachen Linux war ich einigermaßen aktiv, dazu mehr in einigen Beiträgen in der näheren Zukunft. Und Windows… [An dieser Stelle mögen Sie sich, verehrte Leserin, verehrter Leser, bitte ein hysterisches Gelächter denken!]

Von der Wolke aka »Cloud« halte ich für alles, was über »digitale Wegwerfware« wie Tweets hinaus geht, gar nichts. Nicht zuletzt die Amazon-vs-Wikileaks-Geschichte zeigt sehr deutlich, worauf man sich einlässt, wenn man die Herrschaft über seine digitalen Dinge in die Hände irgendeines Unternehmens gibt.

Mobil bin ich mit dem »bösen« iPhone unterwegs. Eigentlich ideologisch untragbar für einen Fanatiker wie mich, aber es gibt so recht keine Alternative. Was ich von Android gesehen habe, hat mich nicht überzeugt, es erinnert doch von der ganzen Anmutung fatal an diese vergangene Mobiltelefon-Welt, die Apple durch das iPhone zermalmt hat. Und mobiles Windows… [An dieser Stelle mögen Sie sich, verehrte Leserin, verehrter Leser, bitte ein hysterisches Gelächter denken!]

Was wir 2010 ausgelassen haben: Das iPad, keinen rechten Bedarf dafür gefunden. Für den kleinen Datenhunger zwischendurch reicht das iPhone, für die große Datenmahlzeit gibt es das Macbook. Auch ein denkbarer Einsatz als Gerät für die Teilung der digitalen Arbeits- und Freizeit des selbständigen WebWorkers kann mich nicht so recht überzeugen, weder die künstliche Trennung noch der Einsatz des iPads als »Flachbildfernseher mit interaktiver Komponente«.

Schauen wir also, was uns Zwanzig11 bringt. Vielleicht auch ein paar Blogeinträge…

weblogs egosachen

re:publica 10 - Tag 3 und Fazit - Alles ist Beta und das vereinnahmende Wir

Kalkscheune, Veranstaltungsort der rp10

Foto: Kalkscheune bei der rp10 von alice_c

Da ist sie auch schon wieder Geschichte, die re:publica 2010. Und weil die re:publica immer größer wird und »everyone a publisher« ist, gibt es im Anschluss eine wahrhaft exorbitante Flut von Rückblicken, Analysen und Schmähschriften aller Art zu lesen, zu hören und zu schauen. Durch dieses ergiebige digitale Konvolut habe ich mich, bedingt durch das nach drei Tagen fast schon logische postkonferenzielle Aufmerksamkeitsdefizit, noch nicht mal ansatzweise durchgewühlt.

Auch am dritten Tag gab es überraschenderweise noch Vorträge zu sehen und zu hören. Deren Besuch war leider nicht nur von individuellen Interessen, sondern auch durch schnöde Verfügbarkeit von Raum gesteuert. So landete man mitunter in Sessions, in die man eigentlich gar nicht wollte, aber trotzdem rein ging, weil dort die Verfügbarkeit von Plätzen lockte.

»Jean Luc und die Singularität vorm falschen Fenster« eröffnete meinen Session-Reigen an Tag 3. In der Gegenwart leben heisst, die Zukunft vergangener Zeiten zu erleben, und diese Session wollte, thematisch anknüpfend an den »Think Tank« Atoms and Bits unter Rückblick auf Zukunftsvisionen vergangener Zeiten sollten Visionen für unser Leben in der technischen und gesellschaftlichen Zukunft ausgearbeitet werden. Neue Formen der Arbeit wie Coworking und die durch das Internet gegebene Unabhängigkeit der Arbeit vom großen Raum »Firma« wurden darunter verstanden. Die Diskussion drehte sich um diese, in meinen Augen für den klangvollen Titel voller lockender Utopien eher gegenwärtigen allzu konkreten Themen, ich hätte mir mehr »Vision« (fliegende Autos, nahrungssynthetisierende Realweltdrucker und anderen utopischen Kram) gewünscht. Nichtsdestotrotz gab das Stündchen durchaus Denkanstöße und eine Literaturlist zum Thema »Zukunftsvisionen«.

flickr: Foto vom Vortrag von Miriam Meckel bei der rp10

Foto: Miriam Meckel bei der rp10 von Mario Sixtus

Danach ging es in den großen Saal, zum Vortrag von Miriam Meckel. Die allenthalben darüber zu lesende getwitterte Begeisterung kann ich leider überhaupt nicht teilen, viel mehr begannen mich ihre in einem furiosen Wortschwall viel zu ausufernden Ausführungen über die im Grunde recht banale Tatsache, dass menschliches Verhalten dann am besten ist, wenn es nicht vorhersehbar ist, recht schnell zu langweilen.

Um »Maptivism«, also Aktivismus mit Hilfe von Karten und Geodaten, ging es beim Vortrag von Christian Kreutz. Dabei wurden verschiedene Projekte vorgestellt, die mit Hilfe im Netz verfügbarer Karten und Daten ein Hilfsmittel bei der Verfolgung sozialer Anliegen aller Art zur Verfügung stellen. Ein schönes Beispiel dafür ist »Frankfurt gestalten«, ein »hyperlokales« Portal hinunter auf Straßenebene, wo mit auf die Karte gemappten Daten lokale Entscheidungen und Geschehnisse transparent gemacht und zu »bürgerlicher Partizipation« eingeladen werden soll. »Hyperlocal« ist eh das nächste große Ding, sagen alle. ;) Sachen aus diesem Bereich werden wir in den nächsten Jahren einige sehen, und daraus wird ein Druck entstehen an die »öffentlichen Hände«, die Daten dafür rauszurücken, Stichwort »OpenData«.

Um das ominöse »Leistungsschutzrecht«, das die Verlage der sterbenden Medienkonzerne in ihren glitzernden Glaspalästen gerne vom Staat als Geschenkle hätten, ging es beim Diskussionspanel unter dem schönen Titel »Let’s screw up the entire Internet to save newspapers«. Die einführende Mindmap des Moderators Matthias Spielkamp ist bei irights.info verfügbar. Irritierend war für mich bereits die erste Prämisse, die mit dem vereinnahmenden »Wir« als Metaargument behauptete, das System der Verlage, Medienhäuser und Verleger, dass die selbsternannte »Vierte Gewalt« aka Medienlandschaft in Deutschland ausmacht, sei an sich schon einmal als wünschens- und erhaltenswert zu betrachten. Das sehe ich z.B. nicht so, ich wäre da mal vorsichtig mit dem dauernden »Wir«.
Die Diskussion war recht kurzweilig, krankte aber daran, dass es keinen Befürworter des Leistungsschutzrechts auf der Bühne gab. Und natürlich an der simplen Tatsache, dass man über das Leistungsschutzrecht außer einer nebulösen Absichtserklärung aus dem schwarz-gelben Koalitionsvertrag und einiger polemischer Auftritte seiner Befürworter aus dem Hause Springer nicht sonderlich viel Konkretes weiß. Ergebnis gab es eigentlich keins. Alles Beta.

flickr: Foto von der Diskussion zur Freiheit im Internet bei der rp10

Foto: Diskutanten beim Freiheits-Panel bei der rp10 von bosch_hh

Zum Abschluß musste man sich bei der Diskussion »Kann denn Freiheit grenzenlos sein?« über die, wie der Name schon andeutet, Grenzen der Freiheit im Internet, erst einmal tüchtig aufregen. Die Veranstaltung wurde von einer Horde SPDler heimgesucht, deren Partei, ich sage nur »Otto-Katalog« und begeisterte Mittäterschaft am »Zensursula-Komplex«, in den letzten Jahren nicht unbedingt für eine Politk stand, die im Zweifel primär für die Freiheit einsteht. Argumentativ wollte die geballte sozialdemokratische Wir-Weisheit uns erzählen, »wir« (schon wieder!) hätten uns als Gesellschaft darauf geeinigt, dass es Inhalte gäbe, die »wir nicht sehen wollen«, und dass diese deshalb aus dem Internet weg müssten, oder zumindest vor unseren deutschen Wir-Augen verborgen werden müssten. Auch der staunende Moderator konnte sich an diese Übereinkunft des sozialdemokratischen Über-Wir mit der Gesellschaft über unerwünschte Inhalte nicht so recht erinnern.
plomlompom übernahm die Rolle des Verteidigers der totalen Freiheit im Netz und mahnte Ausbau von Kompetenz im Umgang mit dem Medium Internet als erfolgsversprechendere Alternative zu einer typisch sozialdemokratischen Verbotsorgie an. Herrlich, wie die Befürworter von Zensur und Kontrolle in polemische und stammtischeske Tiraden abglitten und plomlompom trotzdem ruhig auf seinen Standpunkt beharrte. Eine lehrreiche Veranstaltung, nicht wg. der Erkenntnistiefe bezüglich des Themas (auch Beta), sondern eher wg. der diskursiven Natur des »Wir«.



Video von GillyBerlin auf Youtube

Und zum Abschluss wurde dann »Bohemian Rhapsody« gesungen…

Und was bleibt als Fazit? Wir stecken mittendrin in der Revolution, Erkenntnisse über deren Natur und Richtung müssen deshalb naturgemäß immer vorläufig sein. Diesen Status der andauernden Entwicklung inmitten einer großen sozialen, ökonomischen und politischen Vorläufigkeit kann man wohl am besten als »Alles Beta, Baby« beschreiben. »Nowhere« ist so gesehen wohl nur die Beta-Phase von »Everywhere«.

Die fachliche Dimension mit der Jagd nach der Erkenntnis ist aber natürlich nur ein Aspekt, der andere ist das »social« sein mit allerlei Netzbekanntschaften im Rahmen einer solchen Konferenz. Und so hat es dem Autor dieser Zeilen auch bei der vierten Ausgabe eine Menge Spaß gemacht, die drei Tage vergingen im Fluge. Deshalb sage ich Danke und Danke, ein Riesen-Kompliment an alle »Macher«. Die Woche im April 2011 für rp11 ist schon vorgemerkt. ;)

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re:publica 10 - Tag 2 - Volle Räume, große Themen

Die re-publica hat in ihrer vierten Auflage langsam das Problem, das auch die letzten Ausgaben des CCC-Congress zur Hölle gemacht hatte: Es wird zu voll. Aus 700 Besuchern 2007 sind mittlerweile 2.500 geworden, gerade die kleinen Räume platzen aus allen Nähten und es geht dort zu Beginn der Veranstaltungen zu wie bei der Eröffnung von Elektronik-Discountern in Berlin. Da ich irgendwann bei einem der letzten Congresse für mich festgelegt habe, dass kein Vortrag es wert ist, wie ein Pendler in der U-Bahn von Tokyo zu stehen, musste ich auf einige mich thematisch interessierende Vorträge verzichten.

Am Morgen ging es in die Rotlichtatmosphäre des »Quatsch Comedy Club«, wo Geert Lovink über »Radical Critique Of Free Culture« reden sollte. Leider war der Vortrag nur eine kommentierte Übersicht über die Projekte seines »Institute Of Network Cultures und eine Literaturübersicht zu Netzkultur-Pessimisten von Frank Schirrmacher über Nicholas Carr bis hin zum notorischen Jaron Lanier. Etwas enttäuschend, da konnte auch San Precario, der Schutzpatron der Digitalen Bohème, nichts mehr raus reißen.

re:publica 10 - Bre Pettis mit dem MakerBot

Bre Pettis stellte den »MakerBot« vor, einen schon vom Congress bekannten 3D-Drucker. Das Dingen ist eine Art programmierbarer Heißklebestift, der in der Lage ist, dreidimensionale Objekte aus Plastik zu erstellen. Durchaus beeindruckend, was damit alles hergestellt wird, wie z.B. der MP3-Player in den Zeitläuften angemessener Handgranetenform auf dem Bild. Nach dem Vortrag konnte ich das Dingen mal aus der Nähe bei der Arbeit betrachten. Da fehlt nicht mehr viel, und bald können wir dreidimensionale Objekte genaus einfach »ausdrucken« wie ein Dokument auf ein Blatt Papier.

re:publica 10 - Daniel Schmitt von Wikileaks

Mittags sprach Daniel Schmitt über Wikileaks, die seit dem Irak-Video neulich fast jedermann bekannte Plattform für das Befreien von irgendwen aus irgendwelchen Interessen vor der Öffentlichkeit verborgenen Dokumenten, dem sogenannten »Whistleblowen«. Der Vortrag ähnelte ein wenig einem Verkaufsvortrag mit Slogans wie »your premier supplier for fresh documents«. Wikileaks wurde als »Partner« der etablierten Medien angepriesen, dort könne man Dokumente sicher ablegen, die sonst vielleicht zu einer Redaktionsdurchsuchung führen könnten. Das Interview mit Daniel Schmitt aus der Berliner Morgenpost erzählt im Grunde das, was auch im Vortrag gesagt wurde.

Zum Abschluss gab es noch eine Diskussionsveranstaltung der Fußballblogger. Die Profivereine tun sich noch ein wenig schwer, die Blogs als »richtige« Medien anzuerkennen, der Umgang mit den Emporkömmlingen aus dem Web ist, je nach Verein, sehr unterschiedlich und reicht von totaler Ignoranz bis hin zu vorsichtiger Partnerschaft.

Und zwischendurch trifft man neue und alte Netzbekannte und schimpft über das langsame WLAN, also wie immer auf Veranstaltungen dieser Art.

republica rp10 re-publica re-publica10 berlin