Hier sind die aus blognostalgischen Gründen archivierten Artikel meines ersten Weblogs das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war. Aktuellere Artikel hat die neueste Version der Uninformat im Angebot.

stuttgart

Die Schönheit der Chance

Weblogtalk

Web-Montag in Stuttgart

Man ist seinem Ruf einiges schuldig. Darum führte die nächste Station der Web-Montag-Tournee nach Stuttgart, für mich persönlich die dritte Web-Montags-Stadt nach Frankfurt und Karlsruhe. Jeder Web-Montag hat seinen ganz eigenen Charakter. Frankfurt ist das Geek-Treffen im alternativen Ambiente der Brotfabrik, Karlsruhe das Familientreffen der lokalen Szene, die sich im Prinzip sowieso kennt, und Stuttgart erinnert an eine akademische Veranstaltung.

Natürlich gab es auch Vorträge, die Jan Theofel, als Mann mit Notebook und Netz-Verbindung zum Live-Protokollanten ausgeguckt, bravourös live mitgebloggt hat.

Dirk Baranek, Online-Journalist, eröffnete den Abend mit einem Vortrag zum Thema Online-Journalismus. Und präsentierte sein angeblich wichtigstes Arbeitsgerät (nein, nicht Strg-V bzw. Apfel-V ;)): Ein prächtiges altes analoges Telefon mit Wählscheibe. Kenne ich noch aus eigener Nutzung, wir hatten ja damals nix. Die Präsentation des Telefons symbolisierte mit dem visuellen Hammer, wo die Reise seines Vortrags hingehen sollte: Hier die klassischen Journalisten, bestens ausgebildet und von der eigenen journalistischen Ethik angehalten zu Recherchetiefe, Nachfragen, Zurückstellen der eigenen Meinung und der strikten Trennung von Kommentar und Information. (Es bleibt dem Leser vorbehalten, dieses hehre Bild an der Realität einer beliebigen von Journalisten befüllten Online-Publikation zu überprüfen.) Dort die Blogger in ihrer puren Subjektivität, die sich einbilden, ihr Treiben wäre so etwas wie Journalismus. Was Journalisten können, können nur Journalisten. Das ist wohl die amtliche Sichtweise der Profession. Ich fürchte, Journalisten nehmen das, was derzeit im Web passiert, nicht unbedingt als »Chance« wahr…

Der direkt folgende Vortrag von Oliver Gassner, zum Thema “User Generated Content” passte perfekt dazu. Oliver referierte über die Krisensymptome der Zeitungen, die das Feld des Lokaljournalismus aus Kostengründen nach und nach verlassen. Somit entstehen Städte und Kreise, die keine Medien mit lokalen Themen mehr haben. Im Gegenzug »boomen« Weblogs, alle 18 Monate verdoppelt sich ihre Anzahl. Zeitungsverlage bauen Weblogs in ihre Online-Angebote ein, und lassen sie zumindest teilweise von »Nicht-Journalisten« befüllen. Freiwillige unbezahlte Blogger übernehmen die Rolle der bezahlten Lokaljournalisten. Aber auch ohne Verlag dahinter haben Weblogs Potenzial in den Gebieten, die bisher von Journalisten besetzt waren: Sie können als »Anti-Gatekeeper« fungieren, als Bürgerjournalisten, Watchblogging betreiben oder Agenda-Setting betreiben.
Agenda-Setting? Kein Journalist einer lokalen Zeitung wohnte im offiziellen Auftrag der Veranstaltung bei. Die redaktionellen Gatekeeper haben entschieden: Thema irrelevant. Hier kommen nun die Blogger als Anti-Gatekeeper ins Spiel (Zitat Oliver Gassner): »Wenn wir alle drüber bloggen, haben wir ’nen Effekt.« Und werden wahrgenommen. Agenda-Setting ohne die selbsternannten hauptamtlichen Agenda-Setter!

Diese Gegenüberstellung war für mich der interessanteste Aspekt der Vorträge. Was es sonst noch so gab hat, wie gesagt, Jan bereits bestens zusammengefasst. Generell wirkt der Web-Montag in Stuttgart ein wenig »akademisch« überorganisiert. Man sollte daran denken, dass ein Web-Montag eine Veranstaltung von Mitwirkenden für Mitwirkende ist, und keine »von oben« gesteuerte Veranstaltung, in der ein Zentralkomitee zählt und bestimmt, wie viele technische und untechnische Vorträge gehalten werden dürfen.

webmontag stuttgart webmontag20060731