Hier sind die aus blognostalgischen Gründen archivierten Artikel meines ersten Weblogs das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war. Aktuellere Artikel hat die neueste Version der Uninformat im Angebot.

Archivierte Artikel mit dem Tag kfv

Rundesleder Momentaufnahme

Verfallende Historie: Das Stadion an der Telegrafenkaserne

KFV-Stadion Mitten in Karlsruhe verrottet mit dem »Stadion an der Telegrafenkaserne« des Karlsruher FV einer der historischen Orte des deutschen Fußballs. Ich habe es besucht, natürlich mit Kamera, das Ergebnis ist einem flickr-Set zu bewundern.

Der Karlsruher FV, 1891 gegründet, war einer der ruhmreichen Vereine der Frühgeschichte deutschen Kickerwesens. 1905 wurde das »Stadion an der Telegrafenkaserne« gebaut und war damals eines der modernsten in Deutschland. Während sich die Kicker an anderen Orten der frühen Fußballkunst nach getaner Arbeit an Waschschüsseln waschen mussten, gab es in Karlsruhe Wannen mit fließendem Wasser und entspannende Unterwasser-Massagen!

1910 wurde der KFV Deutscher Meister, im Jahr zuvor übrigens mit Phönix Karlsruhe der Lokalrivale und Vorläuferverein des heutigen Karlsruher SC. Der KFV hatte zu dieser Zeit mit Fritz Förderer, Gottfried Fuchs und Julius »Juller« Hirsch den gefährlichsten Sturm Deutschlands. Alle drei waren Nationalspieler, und Gottfried Fuchs hält mit 10 Toren in einem Spiel, erzielt beim 16:0-Sieg Deutschlands gegen Russland während der Olympischen Spiele 1912, den bis heute gültigen Rekord für deutsche Nationalspieler. Dieser Rekord wurde übrigens auch international erst 2001 überboten.
Berühmt wurden Fuchs und Hirsch aber weniger für ihre fußballerischen Heldentaten, sondern weil sie als Juden vom DFB in vorauseilender Anbiederung an die Nationalsozialisten 1933 aus allen Länderspiel-Statistiken gestrichen wurden (vgl. diesen Artikel von Hans Wille). Fuchs war schlau genug, rechtzeitig auszuwandern, Juller Hirsch blieb in Deutschland und wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Der DFB tat sich lange schwer mit der Aufarbeitung dieses dunklen und ruhmlosen Kapitels, erst in jüngster Zeit tat sich etwas in Sachen Aufarbeitung.

Und, um wieder die Kurve zum Stadion zu bekommen, in diesem Stadion rannten diese drei legendären Helden der deutschen Fußballgeschichte dem Ball hinter her. Ein historisches Länderspiel gab es auch an der Telegrafenkaserne, hier gelang der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit einem 1:0 über die Schweiz am 4. April 1909 vor 7.000 Zuschauern der erste Sieg in einem Länderspiel überhaupt.

Am Anstosspunkt

Haupteingang

KFV-Stadion: Die namensgebende ehemalige Telegrafenkaserne

KFV-Stadion: Blick auf die Haupttribüne

Aber die glorreichen Zeiten Karlsruher Fußball-Historie liegen fast 100 Jahre zurück, im Oktober 2004 fand der einst ruhmreiche Klub in den Niederungen der unteren Amateurligen ein ruhmloses Ende mit einer prosaischen Insolvenz. Seitdem rottet das Stadion an der Telegrafenkaserne vor sich hin.

Die meisten Zuschauer fanden sich an der Telegrafenkaserne am 19. Juni 1949 beim Wiederholungsspiel im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft zwischen Offenbach und Worms ein: 35.000 (lt. dieser Quelle). Wenn man in dem Stadion heute steht, kann man sich kaum vorstellen, wo die einst alle Platz gefunden haben. Die reguläre Kapazität war 4.000 Zuschauer, auch wenn sich in den Niederungen der Amateurligen manches mal gerade noch 20 einfanden…

Wie man dem Stadtwiki entnehmen kann, soll auf dem historischen Grund ein Seniorenheim errichtet werden. Darum, wenn Euer Freund aus Leder ist und Ihr mal in Karlsruhe seid: Werft einen Blick auf das alte Stadion an der Telegrafenkaserne, Ihr findet es in der Hertzstraße.

Mein Freund ist aus Leder.

fußball karlsruhe kfv telegrafenkaserne