Hier sind die aus blognostalgischen Gründen archivierten Artikel meines ersten Weblogs das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war. Aktuellere Artikel hat die neueste Version der Uninformat im Angebot.

Liedgutderwoche

Olli Schulz und der Hund Marie - Und dann schlägt Dein Herz

Liedgutderwoche Musik

Olli Schulz und der Hund Marie
Und dann schlägt Dein Herz
Album »Das beige Album« – 2005

Aus Hamburg, von Grand Hotel van Cleef, kommt deutschsprachige Musik von Männern mit Gitarren. Z.B. Kettcar oder Tomte. Oder Olli Schulz, der sich von den Labelgenossen durch die Devise »Weniger bedeutungsschwanger problematisieren, dafür mehr Humor« unterscheidet. Das aktuelle Album von Olli Schulz und seinem treuen Helfer, dem Hund im Hasenkostüm namens Marie (alias Max Schröder von Tomte), heisst einfach »Das beige Album« und ist für mich eine der Überraschungen des Jahres. »Und dann schlägt Dein Herz« war auf einem Visions-Sampler vertreten, und ein Mann, der sich Verse zutraut wie »Weil Du dem Leben trotzt, tanzt Du den Diskofox
komm stell’ Dich in die Mitte, alte Plastiktüte«
dessen Album muss man einfach haben. Und welcher Musiker hat schon einen eigenen Antville-Fanklup?

Und mit jedem Anhören taucht der geneigte Hörer mehr in die schräge, humorvolle und tiefsinnige Welt des Olli Schulz ein. Olli erzählt in seinen Songs kleine Geschichten aus dem Alltag des Lebens, der Liebe und überhaupt.
Olli steht in dem Ruf, ein sehr unterhaltsamer Live-Künstler zu sein. Und das wird am Freitag überprüft, denn Olli Schulz und der Hund Marie befinden sich seit heute auf Deutschland-Tour. Und das, obwohl es in »Und dann schlägt Dein Herz« heisst, dass »dieses Land nicht für Rock’n Roll gemacht« ist. Vielleicht doch, ein bißchen! ;-)

ollischulz musik

Interpol - Obstacle 1 / Obstacle 2

Liedgutderwoche Musik

Interpol
Obstacle 1 / Obstacle 2
Album: »Turn On The Bright Lights« – 2002

Da es letzte Woche kein Liedgut gab (ich Schlamper!), gibt es diese Woche eine Doppelausgabe – eine Band, zwei Titel, zumal die beiden Stücke irgendwie zusammen gehören.

Im Windschatten der Strokes dringen allerlei Töne aus New York City ins alte Europa hinüber – Bands wie Radio 4, Nada Surf, und natürlich Interpol. Jeglicher Text, der Interpol den Ohren des geneigten Publikums näher bringen möchte, bemüht Remineszensen an Joy Division (was vom Sound her ein wenig hinkommen mag) und den Smiths (was in meinen Augen fast schon ehrenrührig ist). Interpol bieten einen Sound, der ebenso perfekt gestylt ist wie ihre dunklen Anzüge, mit denen sie sich bevorzugt im öffentlichen Raum aufhalten. Die Kunst, die Interpol beherrschen, ist es, trotz penibel gestylter Klangstrukturen die emotionalen Botschaften zu transportieren, ohne die Rockmusik keine Seele hat und zum bloßen Handwerk verkommt, oder, wie es der LAUT.DE-Biograf ausdrückt: »Stramm stehende Depressionen schweben über die Leichen des britischen Post-Punk und bleiben dabei rätselhaft an Melodien kleben, während ein Ian Curtis-Klon stilvoll gebrochen über die Leiden der Zwischenmenschlichkeit singt.«

Durch die NYC-Welle kam letztes Jahr »Turn On The Bright Lights« zu mir. Zunächst gefiel mir die Scheibe nicht übermäßig gut, aber je öfter ich sie hörte, desto mehr bohrten sich die filigranen Klangstrukturen in mein Ohr. Vor kurzem erschien übrigens das zweite Album von Interpol, »Antics«.

Die Songs der Woche drehen sich (schon wieder ;-)) um die Hindernisse (engl. Obstacle) auf dem Weg zum Glück, das landläufiger männlicher Meinung nach beim ewig lockenden Weibe zu verorten ist. Nichterfüllung resultiert im traurigen Sange, die Rockmusik lebt davon (Lyrics Obstacle 1): »It’s different now that I’m poor and aging, I’ll never see this face again, You go stabbing yourself in the neck« Und in rätselhaften Botschaften (Lyrics Obstacle 2): »Friends don’t waste wine when there’s words to sell«

Interpol-Links:

Rammstein - Amour

Liedgutderwoche Musik

Rammstein
»Amour«
Album: »Reise, Reise« – 2004

Eine neue Scheibe der »Ossi-Pyromanen« ;-) Rammstein ist immer ein Ereignis. Mit dieser Band verhält es sich wie mit dem FC Bayern – man liebt sie oder man hasst sie. Seit ich Anno 1996 zum ersten Mal »Asche zu Asche« gehört habe, bin ich dem Tanzmetal verfallen. Ersteres also, in meinem Fall. Die schwermütigen Texte, gepaart mit der brachial-stampfenden Musik, sind für manche Gemütszustände exakt der richtige Soundtrack.

Drei Jahre nach »Mutter« nun also »Reise, Reise«. Der erste Eindruck: Rammstein sind irgendwie lascher geworden, man wartet beim Hören darauf, dass jetzt endlich mal richtig die Post abgeht, aber von wenigen gewittrigen Passagen abgesehen, bleibt das ganz große Stahlgewitter aus. Man bekommt neuerdings von Rammstein sogar Chöre und Mandolinen geboten. ;-) Ein Song, »Mein Teil«, deutlich inspiriert vom hessischen Kannibalen, löste die wohl einkalkulierte Empörung bei den üblichen Verdächtigen der Boulevard-Presse aus. Aber man muß schon sehr ironieresistent sein, wenn man diesen Song mit seinen Knüttelversen ernst nimmt. Überhaupt, die Texte – sie klingen diesmal für meine Ohren ein wenig knüttelig gereimt, früher waren sie deutlich lyrischer. Richtig gut gefallen mir »Dalai Lama«, der Song erzählt die Erlkönig-Geschichte in einem Flugzeug, und das Liedgut der Woche, »Amour«.

Ja, schon wieder ein Song über die Liebe: »Die Liebe ist ein wildes Tier
In die Falle gehst du ihr
In die Augen starrt sie dir
verzaubert wenn ihr Blick dich trifft«
Songs über die Liebe mit deutschen Texten balancieren auf einem schmalen Grat, bei jedem noch so kleinen Fehltritt lauert der Abgrund des Kitsches (fragt mal Xavier Naidoo ;-)). Erstaunlicherweise treffen Rammstein genau den richtigen Ton, meiner Meinung nach ist »Amour« das gelungste Liebeslied auf deutsch seit Element Of Crimes »Schwere See«. Und der Song besticht durch eine realistische Einschätzung über die Natur der Liebe an sich, die letzte Zeile lautet: »Bitte bitte, gib mir Gift« … ;-)

Links:

The Libertines - Music When The Lights Go Out

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The Libertines
»Music When The Lights Go Out«
Album: »The Libertines« – 2004

Niemand, der die britischen Gitarrenrocker The Libertines ein wenig beobachtet hat, hätte wohl damit gerechnet, zwei Jahre nach dem grandiosen »Up The Bracket« mit »The Libertines« ein neues Album in den Händen halten zu dürfen. Die Libertines sind in erster Linie das Gesangs-, Gitarren- und Songwriterduo Pete Doherty und Carl Barât. Nach dem Erfolg des ersten Albums begannen die beiden sich öffentlich zu streiten, und Pete Doherty verfiel übelst den Drogen, saß im Knast, weil er in die Wohnung eines Bandmitglieds eingebrochen war, usw. usw. Die Nachrichtenübersicht zum Thema bei laut.de dokumentiert das ganze Theater vortrefflich.

Ich war sehr gespannt auf das zweite Album. Zweite Alben sind immer so eine Sache, die Erwartungen nach einem “Hammer-Erstling” steigen gewaltig an, und oft lauert die Enttäuschung im runden Aluminium. Umso schöner, wenn man, wie bei The Libertines, ein erstauntes “Wow!” in die Stille nach dem ersten Anhören werfen kann. Sie sind ein wenig ruhiger geworden, aber die Songs sind derartig gut, dass sie auch mehrfaches Hören überleben, ohne fad zu werden.

Ein Highlight des Albums ist das melancholische »Music When The Lights Go Out«, wie fast alle großen Pop- und Rocksongs ist auch dieser Kriegsberichterstattung vom großen Schlachtfeld der Gefühle (Lyrics): »Well I no longer hear the music when the lights go out
Love goes cold in the shades of doubt
The strange face in my mind is all too clear
Music when the lights come on
The girl I thought I knew has gone
And with her my heart it disappeared«
Wenn man diesen Zeilen voller bittersüßer Melancholie ergriffen lauscht, unprätentiös dargeboten von den vier wilden Jungs aus London, dann fragt man sich ein weiteres Mal, wie es möglich ist, dass (fast!) die ganze Weisheit des Lebens in ein paar Minuten Musik zusammengefasst werden kann. Das muß an der schlichten Konfiguration des Menschen an sich liegen. ;-)

Libertines-Links:

Das »Liedgut der Woche«

Musik Liedgutderwoche

Es wird zu viel problematisiert, und zu wenig über schöne Dinge gebloggt, wie z.B. Musik. Darum gibt es nun im Netzbuch, mehr oder weniger regelmäßig, inspiriert von Keith’ Song Of The Week auf Asterisk, das Liedgut der Woche. Alte, neue, kühle, wilde, sanfte Songs werden vorgestellt, auf dass sie vielleicht neue Hörerinnen und Hörer finden mögen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie gefallen mir. ;-)

In diesem Zusammenhang: Wäre es nicht schön, wenn die Musikverwalter dieser Welt keine Leidenschaft für Juristerei, sondern für Musik hätten, und man dieses Liedgut der Woche gleich mal als MP3 einfach an den Eintrag dranhängen könnte, ohne auf Post vom Anwalt warten zu müssen? Ja, ich weiß, nur ein schöner Traum von einer besseren Welt …