Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.

Deutsche Bildungsmisere, oder: Das Grillen von Studenten

Internet

Soziologie ist eigentlich eine durchaus ernsthafte Wissenschaft, hat aber ein katastrophales Image. Dieses wird gefördert durch Unterfangen wie die Soziologische Modernisierungstheorie des Grillens. Dieses Projekt ist eine Fundgrube für abenteuerliche Thesen und unfreiwillige Komik, besonders herausragend ist dabei eine Untersuchung mit dem Titel Für welches Problem ist Grillen die Lösung? Der Gender-Aspekt beim Grillen (PDF). Zitat: »In einem Zeitraum von 14 Tagen, hat unsere Arbeitsgruppe das Grillverhalten von verschiedenen Gruppen (ab 5 Personen) am Seepark in Freiburg beobachtet. Dabei muß unser Ansicht unter zwei Arten des Grillens unterschieden werden. Zum einen das Grillen von Studenten, oder anderen jungen Leuten und zum Anderen das Grillen von Familien, wobei diese entweder einzeln oder im Familienverbund (2-3 Familien oder mehr ) grillten.« Das muß ein wahres Massaker im Seepark gewesen sein, ich hoffe die Studenten und Familien waren gut durch. ;-) Wenn das nicht die exemplarische Manifestation deutscher Bildungsmisere ist, dann weiß ich es auch nicht mehr. Die Autorinnen stellen gewagte Thesen über die Geschlechterverteilung bei der Tätigkeit des Grillens auf, zitieren Habermas und Luhmann (armer Kerl, er dreht sich wahrscheinlich im Grab um …), und ziehen den ganz großen Bogen von der Macht über die Grillgabel hin zu Frauen in Männerberufen und wieder zurück. Das famose Werk kulminiert in der Hypothese (Zitat): »Das Grillen stellt sich als einer der wenigen konfliktfreien Räume für die Geschlechter in unserer Gesellschaft dar.«


(Via Spiegel Online)