Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Zeugs

Bahn-Horrortrip

Ich fahre ja nun wirklich gerne Bahn, aber es gibt Tage, da hätte ich nicht übel Lust mir den erstbesten Menschen in Bahn-Uniform zu schnappen und grausam zu foltern …

Am Wochenende war ich in Mönchengladbach, meine Familie besuchen. Da ich Sonntag abend noch einen wichtigen Termin hatte (19:00, Grand Prix von Kanada) hatte ich alles bestens geplant, mit 1,5 Stunden Spielraum. Das müsste reichen, denkt man sich so naiv. Da Mönchengladbach, wäre die Erde eine Scheibe, am Rand der Scheibe, kurz vor dem großen Abgrund, liegen würde, muß man zweimal umsteigen, also sah der Fahrplan folgendermaßen aus: Mönchengladbach ab: 15:24, S8, nach Neuss, Ankunft 15:41. Dort dann 15:53 ab nach Köln, Ankunft dort 16:19. Und dann 16:29 ICE nach Wiesbaden, Ankunft 17:31. Wunderbar, Zeit genug. Denkt man so naiv.

In Mönchengladbach ging es los, S8 fiel einfach so mal aus. Saftladen! Also mit Eltern per Auto nach Neuss, um den 15:53 zu bekommen. Wg. irgendwelcher, im Fahrplan im Web nicht angekündigter Bauarbeiten, fuhr er (a) 15 Minuten später los und brauchte (b) bis etwa 16:55 nach Köln. Tschüss ICE! Den nächsten nach Frankfurt-Flughafen haben wir natürlich gleich mit verpasst. Voller Mordlust lief ich durch den Kölner Hauptbahnhof. Naja, laufen kann man da nicht, an den unpassendsten Orten lungern dort verhärmte Gestalten, beladen mit 37 Koffern und 12 Rucksäcken, herum. Selbstverständlich immer unmittelbar vor und neben den Aufgängen und Treppen, ist ja sonst kein Platz in so einem Bahnhof. Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt dass ich Bahnfahrer mit Rucksäcken für die achte biblische Plage halte?

Nach einem mörderischen Slalom zwischen die eben erwähnten Verhärmten hindurch erwischte ich dann einen weiteren verspäteten ICE. Planmäßig sollte er um 16:55 fahren, de fakto verließ er Köln um 17:10. Fabelhaft, zwei Stunden unterwegs und immerhin schon von Gladbach nach Köln gekommen. Der ICE fuhr natürlich nicht nach Wiesbaden, sondern nach Frankfurt-Flughafen. Da war ich dann um 18:15. Es verblieben also 15 Minuten um zum Regio-Bahnhof zur S-Bahn nach Wiesbaden zu gelangen. Schafft man normalerweise locker. Tja, an der Rolltreppe abwärts in den Tiefbahnhof schaffte es ein vollständig unfähiger Idiot von einem Touri den Gepäckwagen am Ende der Rolltreppe zu verkanten, was zur Folge hatte dass die hinter ihm laufenden üppigen Reisebegleiterinnen, von der Rolltreppe nach unten geschoben, gegen den vom Idioten verkanteten Wagen gepresst wurden und umfielen wie Kegel. Ich näherte mich der Szenerie auf der Rolltreppe, ging rückwärts die Rolltreppe hinauf um nicht in die üppigen älteren Damen zu rauschen, in der Hoffnung der Idiot würde es irgendwann mal geregelt bekommen seinen Gepäckwagen beiseite zu schieben und den üppigen Damen auf zu helfen. Von oben näherte sich der nächste Touri mit seinem Wagen. Aufkommende Panik ließ mich meine gute Erziehung vergessen und ich schrie den Idioten an dass ich ihm umgehend eine batschen würde wenn er nicht endlich seinen bescheuerten Wagen beiseite schieben würde, damit die üppigen Damen sich endlich von der Rolltreppe wälzen können. Unaufhaltsam näherte ich mich der grausamen Szenerie, endlich war der Wagen weg und mit einem beherzten Sprung über die Damen hinweg war ich gerettet. Nachdem ich mich überzeugt hatte dass die Damen noch mehr oder weniger lebendig waren sauste ich runter zur S-Bahn, genau 1 Minute vor der Abfahrt war ich drin. Ermattet von all den Unbillen fiel ich dort hinein. Gegen 19:00 fiel der Blick auf die Armbanduhr, mit Tränen in den Augen ;-) dachte ich wehmütig an die Motoren der 20 Boliden die nun in Montreal angelassen würden um den Grand Prix von Kanada in Angriff zu nehmen. Um 19:15 war ich endlich in Wiesbaden, genau 1 Stunde und 45 Minuten zu spät. Ich rannte zum Taxi-Stand und um 19:25 hatte ich endlich meinen mir zustehenden Platz vor dem Fernseher eingenommen …

Was lernen wir daraus? Reist man in die Provinz, immer mindestens 3 Stunden vorher fahren. Und niemals im Flughafen die Rolltreppe benutzen, diese unfähigen Touris mit den Gepäckwagen sind eine große Gefahr.

Wenn ich an den Zustand des Nahverkehrs in der niederrheinischen Provinz denke und dann in der Zeitung lesen muß dass die SPD in NRW Milliarden ausgeben will für den vollständig überflüssigen Metrorapid (und deshalb auch die Koalition platzen lassen will) kommt die kalte Wut in mir hoch. Diese Milliarden wären in das marode Schienennetz abseits der Großstädte wahrhaftig besser angelegt, damit man auch dann ankommt wenn man ankommen will …