Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Musik

Metallica sind wieder da! Und wie!

[Cover: Metallica - St.Anger] Rückblende, so etwa 1983/1984: Gymnasiast ralle lauscht gern und oft den harten Klängen dieser Zeit. Die damals “herrschenden” Bands des Heavy Metals hießen Saxon, Judas Priest oder Iron Maiden, und waren vor allem eines: Auf die Dauer recht eintönig. Immer das gleiche: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Gitarrensolo, Strophe, Refrain. Dann, wie heiße Ware, machten auf dem Schulhof Tapes die Runde. Ganz neue harte Klänge, vornehmlich von der Westküste der USA, Namen wie Venom, Dark Angel, Slayer und: Metallica! Diese Bands legten eine damals unbekannte Aggressivität, ungeheure Wucht und irres Tempo in ihre Musik und leiteten eine neue Ära der harten Musik ein. Völlig undenkbar damals dass so etwas jemals im TV zu sehen sein würde. Metallica legten mit “Kill`em all”, “Ride the Lightning” und “Master Of Puppets” drei epochale Meisterwerke vor und gingen dann den Weg vieler ehemals harter Bands: Den des “Wimping Out”. Die Alben der Neunziger sagten mir überhaupt nicht mehr zu, es fehlten einfach der Druck und die Aggressivität die sie berühmt gemacht hatte, sie klangen furchtbar fad` …

Zeitsprung: Das Jahr 2003, ralle sitzt gelangweilt vor dem Fernseher und schaltet rum, bleibt bei einem Musiksender hängen, und hört die neue Metallica Single “St. Anger”. Und kann es nicht fassen. Da war sie wieder, diese Wucht, hämmerndes Schagzeug, ratternder Bass, Tempowechsel und ein James Hetfield der seine Wut (worauf auch immer) in die Welt hinaus schreit. Am nächsten Tag: Plattengeschäft, neues Metallica-Album “St. Anger” kaufen! Denn es ist, wie der geniale Jan Wigger in seiner Spiegel Online-Rubrik “Abgehört” schreibt: »Niemand, der etwas auf sich hält und Metallica für “Master Of Puppets” oder “Ride The Lightning” geschätzt hat, wird sich gerne an “Re-Load” erinnern, das letzte Studio-Album von Metallica aus dem Jahre 1997. Und doch sind James Hetfield und der Rest noch die größte existierende Metal-Band, denn keiner konnte Gegenteiliges beweisen – Pfeifen wie P.O.D oder Linkin Park, die sich während Metallicas Absenz dumm und dämlich verdienten, schon gar nicht.«

Nun sind sie also wieder da, nach diversen Jahren Pause, Entziehungskuren, Psycho-Behandlungen und was-weiß-ich-noch-alles, und das mit einem Album, das, wie ein Plattenmanager anmerkte, “kommerzieller Selbstmord”(Spiegel) sei. Was aus einem solchen Munde ja einem Gütesiegel gleichkommt. So manches Milchbübchen, das sich nach “Load” und “Reload” ein Metallica-Shirt anzog und “hart” durchs Leben lief, wird sich nun die Öhrchen reiben. Denn es geht zur Sache auf “St. Anger”, derbe zur Sache.

Harte Zeiten wie diese verlangen nach harter Musik, Metallica liefern sie. Im Gegensatz zum LAUT-Kritiker gefällt mir der ausgesprochen rohe Sound von “St Anger” sehr gut. Anspieltipps sind die Single-Auskopplung “St. Anger” (Nr.2), “Invisible Kid” (Nr. 5) und “Unnamed Feeling” (Nr. 9). Aber die Scheibe ist durchgängig gut, einfach reinlegen, Lautstärkeregler aufdrehen und die Gläser im Schrank bei jedem Schlag von Lars Ulrich auf seine Drums hüpfen sehen …

Heutzutage erlebt man in Sachen Musik nicht mehr häufig angenehme Überraschungen, “St. Anger” ist eine. Jedem Freund harter aggressiver Klänge uneingeschränkt zu empfehlen, aber nichts für “Turnbeutelvergesser.” Für mich bis jetzt das Album des Jahres!