Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Internet

Alle gegen Brockhaus

Der Teil 2 der von mir schon hier gewürdigten Telepolis-Reihe über Wikis und die Wikipedia ist heute erschienen: Alle gegen Brockhaus. Interessant ist dabei die Betrachtung der Wikipedia-Philosophie, des Neutral point of view (NPOV). Der NPOV hat zur Konsequenz dass alle Meinungen zu einem Thema dargestellt werden dürfen, so lange man diesen seinen Standpunkt nicht als den einzigen darstellt. So wird z.B. der Holocaust-Revisionismus in all seinen Meinungsfacetten dargestellt. Ganz im Sinne der “Idee” von Meinungsfreiheit: Man nimmt alle Meinungen und Fakten zur Kenntnis und bildet sich dann im Idealfall eine eigene. Nur hat man damit Probleme in Ländern wo die Meinungsfreiheit zwar in der Verfassung steht, aber durch die “Jugendschutzkeule” beliebig eingeschränkt werden darf, z.B. Deutschland. Daher merkt Telepolis-Autor Erik Möller auch süffisant an:


»NPOV wirft auch philosophische Fragen auf. Kann man es z.B. jugendlichen Lesern zumuten, offen mit bestimmten Argumenten konfrontiert zu werden oder muss eine Enzyklopädie moralisch Stellung beziehen? Landet Wikipedia womöglich in Deutschland auf dem geheimen Index jugendgefährdender Schriften, weil blasphemischen oder sexuell freizügigen Ansichten nicht zur Genüge Einhalt geboten wird? Während die Amerikaner ihre verfassungsmäßig geschützte Meinungsfreiheit genießen, müssen die deutschen Wikipedianer hoffen, dass nicht der ein oder andere Regierungspräsident von dem Projekt Kenntnis nimmt .. « (ebd.).


Das man sich darüber überhaupt Gedanken machen muß wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland …