Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Armes Deutschland!

Der Tarifabschluß im öffentlichen Dienst bringt die journalistischen und professionellen Berufsskeptiker auf den Plan. Müllmänner, Busfahrer und Krankenschwestern sind und werden alles schuld sein, »[…] der Tarifabschluss [wird] zu einer Erhöhung des Haushaltsdefizits 2003 um knapp 0,2 Prozentpunkte führen« (Thomas Straubhaar in Spiegel Online), »dieser Abschluss wird Stellen kosten und das nicht zu knapp« (SZ), die FTD sieht »Scheitern als Chance« und verlangt Personalabbau. Und natürlich meldet sich auch der Schlimmste von allen, der notorische Hans-Olaf Henkel, zu Wort.

Armes Deutschland! Die gierigen öffentlichen Bediensteten treiben uns in den Ruin, schließlich konnte doch wirklich kein Finanzminister des Bundes oder eines Bundeslandes erwarten dass die Bediensteten eine Lohnerhöhung bekommen werden, dementsprechend überrascht schauen sie nun in die Kassenbücher. Das ist aber der Trend in diesen Zeiten: ArbeitnehmerInnen, der größte Teil jener Bevölkerung für die das ganze Spiel namens “soziale Marktwirtschaft” ja angeblich veranstaltet wird, werden nur noch als unnötiger Kostenfaktor wahrgenommen, alles andere ist wichtiger. Dementsprechend jubelt die Börse und der Kurs geht nach oben wenn ein Unternehmen Entlassungen ankündigt. Irgendetwas in unserem Wirtschaftssystem läuft grundlegend falsch, Stückchen für Stückchen delegitimiert es sich selbst.

Noch eine Anmerkung: Professor Thomas Straubhaar meint im oben erwähnten Spiegel-Interview zur Rolle der professoralen Experten: »Außerdem ist es ja gerade unsere Aufgabe, immer wieder unsere Stimme zu erheben und möglichst unabhängig von politischen Interessen auf Schwachstellen hinzuweisen« (Hervorhebung von mir). Unabhängig von politischen Interessen, der Mythos vom “unabhängigen Experten” als Gegenstück zum schmutzigen Geschäft Politik, in der Selbstwahrnehmung der “unabhängigen Experten” lebt und gedeiht er. Sie lieben es sich in der Aura des objektiven Experten als Hüter der einzig wahren Erkenntnis bei Sabine Christiansen und Maybritt Illner zu präsentieren, komischerweise geben sich die Herren aber stets als arbeitgebernahe Lobbyisten …