Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Zeugs

Das Lieblingsbuch: Franz Kafkas Sämtliche Erzählungen

[Franz Kafka 1917] “So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.”
(Franz Kafka: Das Unglück des Junggesellen)


Habe ich der verehrten Zielgruppen schon einmal von meinem uneingeschränkten Lieblings-Buch erzählt? Ich denke nicht, und weil heute Sonntag ist, will ich genau das einmal tun!

Es ist klein und unscheinbar, ein zerlesenes Taschenbuch aus dem Jahre 1987, von Franz Kafka: “Sämtliche Erzählungen”. Es liegt immer (neben anderen Lieblingsbüchern, die allerdings nicht solch ein Lieblingsbuch sind wie das Lieblingsbuch) im unteren Fach des Corras und wird immer mal wieder gelesen. Letzte Nacht vor dem Einschlafen war Kafka-Zeit, natürlich musste als erstes mal wieder “Der Kübelreiter” her, nach dem Kübelreiter kommt gleich “Der Geier” (selbige Parabel kann man hier im Netzbuch lesen wenn man auf Mehr klickt, da Kafka lange genug tot ist darf man das veröffentlichen). Aber gut sind sie alle, in diesem Lieblingsbuch kann man kreuz und quer blättern und findet immer mal wieder einen Text zum neu oder wieder entdecken.

In Zeiten in denen die Bohlens dieser Welt Bücher schreiben und diese sogar verkauft werden muß man mal wieder verstärkt auf “richtige” Literatur aufmerksam machen, daher:

Kafka im WWW:

Franz Kafka: Der Geier

Es war ein Geier, der hackte in meine Füsse. Stiefel und Strümpfe hatte er schon aufgerissen, nun hackte er schon in die Füsse selbst. Immer schlug er zu, flog dann unruhig mehrmals um mich und setzte dann die Arbeit fort. Es kam ein Herr vorüber, sah ein Weilchen zu und fragte dann, warum ich den Geier dulde. “Ich bin ja wehrlos,” sagte ich, "er kam und fing zu hacken an, da wollte ich ihn natürlich wegtreiben, versuchte ihn sogar zu würgen, aber ein solches Tier hat große Kräfte, auch wollte er mir schon ins Gesicht springen, da opferte ich lieber die Füsse. Nun sind sie schon fast zerrissen. “Daß Sie sich so quälen lassen,” sagte der Herr, “ein Schuß und der Geier ist erledigt.” “Ist das so?” fragte ich, “und wollen Sie das besorgen?” “Gern,” sagte der Herr, “ich muß nur nach Hause gehn und mein Gewehr holen. Können Sie noch eine halbe Stunde warten?” “Das weiß ich nicht” sagte ich und stand eine Weile starr vor Schmerz, dann sagte ich: “Bitte, versuchen Sie es für jeden Fall.” “Gut,” sagte der Herr, “ich werde mich beeilen.” Der Geier hatte während des Gespräches ruhig zugehört und die Blicke zwischen mir und dem Herrn wandern lassen. Jetzt sah ich, daß er alles verstanden hatte, er flog auf, weit beugte er sich zurück, um genug Schwung zu bekommen und stieß dann wie ein Speerwerfer den Schnabel durch meinen Mund tief in mich. Zurückfallend fühlte ich befreit, wie er in meinem alle Tiefen füllenden, alle Ufer überfliessendem Blut unrettbar ertrank.