Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Musik

»Ein Volk steht wieder auf, na toll, bei Aldi brennt noch Licht...«


Stammleser wissen um das Faible des Autors für deutschsprachigen Indie-Rock mit problematisierenden Texten vornehmlich Hamburger Provenienz. Da verwundert es natürlich niemanden, dass der erste Tag von »Das Fest« in Karlsruhe ein Pflichttermin war. Es hatten nämlich die Gitarren das Wort, und niemand anders als Kettcar gab sich die Ehre. Und die Herren um Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff, ihres Zeichens auch die Chefs eines der wenigen Labels, von denen man Platten kaufen kann, ließen sich nicht lumpen und brachten das zahlreich erschienene Publikum zum toben. Sie spielten fast alle Songs vom zweiten Album und ein paar Hits aus alten Zeiten. Erstaunlich, wie textsicher die Karlsruher Massen waren, die Choreinlage am Ende von »Stockhausen, Bill Gates und ich« (von wegen »der gebrochene Daumen von Carlos Santana« ;)) funktionierte hervorragend. Kettcar wurde übrigens nach Marcus’ eigenen Worten eingeladen, weil die Fans von Juli und Silbermond, die letztes Jahr eingeladen waren, zu wenig Bier tranken. ;) Und aus Getränkeverkäufen finanziert sich das »Das Fest«, denn ansonsten ist es umsonst und draußen. Wo kann man schon Bier trinken für einen guten Zweck?

Kettcar: Erik Langer Das Fest 2006: Kettcar Kettcar Kettcar: Reimer Bustorff Das Fest 2006: Kettcar

Danach spielten noch die alten Haudegen von der New Model Army. Ich war weiland nie ein großer Fan von ihnen, aber »Here comes the war« und andere alte Klassiker entbehren, live und äußerst wild vorgetragen, nicht ihres animalischen Reizes…

Das Fest 2006 - New Model Army

Das Fest ist badisch-effizient organisiert, Getränkezufuhr und Leergut-Abfuhr klappt ausgezeichnet. Eine strenge Kontrolle am Eingang verhindert (zu Recht), dass die Kiddies sich mit mitgebrachten brennbaren Getränken die Kante geben und bewahrt damit eine friedliche Atmosphäre. So kann man zwischen den Live-Acts entspannt über das Gelände schlendern und wunderliche Dinge, wie einen Turm aus leeren Desperado-Kästen, bewundern:

Und ewig leuchtet der Desperado-Turm...

Mein persönliches musikalisches Fest-Highlight ist mit Kettcar schon rum. Einen Geheimtipp für die Indie-Gitarren-Fraktion gibt es noch am Sonntag, wenn »Kate Mosh« auf der kleinen Bühne spielen. Ansonsten spielen u.a. noch Seeed (Rap und Hip-Hop ist nun einmal gar nicht mein Ding, werde ich zum »Konzertfotos üben« nutzen ;-)) und Skin, die ehemalige Sängerin von Skunk Anansie. Ihre durchaus goutierbare Musik wird leider durch ihre auf die Dauer exorbitant nervtötende Stimme relativ unhörbar gemacht.
Nun ja, wir werden sehen. Und in Zeiten des Web 2.0 geht es natürlich nicht ohne einen über das ganze Wochenende beständig aktualisierten flickr-Set vom Fest.



11 Kommentare



schneyra am 29.07.2006:


…Du weißt, Deiche brechen richtig oder eben nicht


Ich hab Kettcar dieses Jahr das erste Mal auf dem Rocco-del-Schlacko Festival live gesehen und musste mich von der Begeisterung des Publikums mitreissen lassen, trotz der verregneten Schlammschlacht während der Konzerts. Seit dem bin ich Fan :-)


Mein Geheimtipp aus der Ghvc-Crew ist aber immer noch der gute Olli Schulz…


Vielen Dank für die schönen Bilder!

dee am 29.07.2006:

Aber Herr Ralf, Seeed machen doch kein’ ‘ip’op :)
Ich hab schon die krudesten Gestalten zu Seeed tanzen sehen, bin also gespannt auf den Bericht.

andI611 am 29.07.2006:

Verdammt, warum ist Karlsruhe nicht um die Ecke…?
Als wenn Kettcar nicht schon der Hammer schlechthin wären, spielen da auch noch meine alten Helden von der New Model Army für lau und draußen. ich fass es nicht. Und, hat Herr Sullivan auch “51st State” zum Besten gegeben? Mann, ich beneide Dich!!

Ach ja, Seeed is kein Hip Hop, sag ich jetzt einfach mal so. Und sie sind großartig, sag ich auch mal so. ;-)

Ralf G. am 30.07.2006:

Klar, “51st Street” wurde natürlich auch gespielt, und weitere alte klassische Songs, bei denen ich ganz vergessen hatte, dass sie von New Model Army waren.

Seeed hat gesaugt. Es war viel zu voll, eine unangenehme Atmosphäre wg. eines zu starken Anteil an Goldkettchen- und Ärmellose-T-Shirt-Träger. Und zu allem Überfluss hätte ich mich, wenn ich es drauf angelegt hätte, in meinem gesetzten Alter noch, erstmals bei einem Live-Konzert, mit einer Goldkettchen-Visage schlagen können. So etwas ist mir nicht einmal bei Gigs der wildesten Thrash-Metal-Combos passiert. Ist halt doch ein anderes Publikum als bei Gitarrenbands. Ab auf die schwarze Liste mit Seeed. ;-)

andI611 am 30.07.2006:

Das ist natürlich bedauerlich. Aber ich würde das nicht unbedingt der Band vorwerfen. Ich bleibe trotzdem dabei: bei diesem Wetter ist die Musik von Seeed ziemlich passend. Wenn ich in einer Woche an die Ostsee fahre, ist Seeed auf jeden Fall auf meinem MP3-Player…;-)

Ralf G. am 30.07.2006:

Klar, deshalb war das mit der schwarzen Liste auch mit einem Smiley versehen. ;)

Willst Dir mit dem MP3-Player die Karibik an die Ostsee holen, wa? Temperaturen passen ja auf jeden Fall!

dee am 30.07.2006:

Was? Goldkettchenträger? Ich bin fassungslos. Sowas tanzt hier nicht zu Seeed.

andI611 am 31.07.2006:

na ja, irgendwie hab ich da immer Pech. Erst ist der Zeltplatz ausgebucht (wer reserviert schon ein halbes Jahr im Voraus einen Zeltplatz? Offensichtlich ne ganze Menge Leute…), dann soll das Wetter schlechter werden. Da brauch ich schon ein bisschen Karibik im Ohr…;-)

Ralf G. am 02.08.2006:

Verstehe ich! So spontan sind die Camper?

Mein einziger Camping-Urlaub war bei Y-Reisen, da wurde spontan durch die Reiseleitung entschieden, mitten im Wald zu campieren und Wachen aufzustellen. ;-)

Peter am 02.08.2006:

Ich hatte im Juni (oder so ähnlich) das Kettcar-Vergnügen. Das Konzert war sehr seltsam – so ganz ohne Show und Pogo. So ganz anders als alle anderen Konzerte. Es war irgendwie wohlig, so wie zu Hause im Wohnzimmer. Bei keinem Konzert habe ich bisher eine so positive Stimmung verspürt wie bei Kettcar. Einfach nett und lieb, die ganze Band. Und: Pogo wäre gar nicht angebracht gewesen. Genuss pur einfach. Die Platten kannte ich davor schon, ein großer Fan bin ich seit dem Konzert.

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