Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.

Die bittere Traube der Typographie: Comic Sans

Webworking

Seit sie Vincent Connare 1995 in Diensten von Microsoft entwarf ist sie ein Hassobjekt aller, die irgendwie mit Design zu tun haben, aber nichtsdestotrotz beliebt bei Jung und Alt. Ob Speisekarte, Einladung zum Kindergeburtstag oder Aufruf zur Betriebsversammlung des Betriebsrats: Die Schrift »Comic Sans MS« ist allgegenwärtig. Ursprünglich einmal für den grandiosen Fehlschlag einer Benutzeroberfläche namens »Bob« entwickelt, war sie schnell erste Wahl bei allen PC-Gestaltern, wenn etwas infantil oder gar lustig wirken sollte. Der Design Observer beleuchtet die unterschiedlichen Reaktionen von Gestaltern und Laien in Sachen Comic Sans. Schrift-Designer Vincent Connare rechtfertigt sich dafür im Netz, eine flickr-Gruppe legt vielfältiges Zeugnis vom mannigfaltigen Gebrauch der grausigen Schrift ab, und das Internet wäre nicht das Internet, wenn sich nicht irgendeine Gruppe von Leuten zu einer Aktion hinreißen lassen würde: »ban comic sans«. Aber man kann ihr sowieso nicht mehr entrinnen, egal ob im Obstregal oder am schwarzen Brett, und auf manchen »spaßig« gestalteten Websites und Blogs, sie ist überall. Manchmal schleicht sie sich sogar über ein fieses span einfach irgendwo ein, wo sie nie vorher zu sehen war… ;-)



7 Kommentare



Boris am 25.07.2006:


Wirklichen typografischen Sinn macht die Comic Sans ja erst, wenn die Textabsätze, die in ihr gesetzt sind, zentriert ausgerichtet sind.
Aber geradezu typografisch veredelt wird sie im engen Zusammenhang mit “Deppen Leer Zeichen”, “Deppen Apostrophen” und falsch gesetzten Komma’s. ;-)

Roland am 25.07.2006:

Och schade, wenn man sowas im RSS-Reader liest, Lust bekommt, selbst was dazu zu bloggen und eine diebische, sich steigernde Freude, den Beitrag in Comic Sans zu setzen – und dann am Schluss feststellt, dass du die idee schon hattest! ;-) Mal schaun, vielleicht schreib ich ja trotzdem was drüber…

Dirk am 25.07.2006:

Igitt, wie fies! Mach das weg :)

Comic sans has to be abolished!

Fontwerk am 25.07.2006:

Trackback von Fontwerk:
Typosuppe 15

Da sich Jürgen Siebert vom Fontblog und Ralf vom Netzbuch gerade mit der Thematik beschäftigen, möchte auch ich ein geradezu unglaubliches Beispiel für die Fehlverwendung der von Vincent Connare entworfenen Schrift Comic Sans hinzufügen. Das Lange…

Daniel am 2006-07-26 19:30:52 +0200:

Grml sogar in Ubuntu Linux ist diese Schriftart installiert :-!

Einfach mal löschen…
Am besten auch gleich bei allen Schulrechnern; jeder (auch die Info-Lehrer) nehmen fast nur Comic Sans für alles

andI am 27.07.2006:

Als erbärmlicher Nicht-Designer frage ich mal ganz vorsichtig: Was ist denn so schlimm an der Schrift? Und vor allem: wenn sie so schlimm ist, warum mögen dann die Leute die Schrift so gerne und mögen sog. Designer sie deshalb nicht?

Ralf G. am 28.07.2006:

Der ästhetische Aspekt: Sie ist hässlich ;). Und so wie man nicht im Clownskostüm in die Oper geht, so schreibt man keine Etiketten oder Speisekarten oder Einladungen (es sei denn, es geht um Kindergeburtstag) in einer infantilen Schrift. Eine Schrift ist ja nicht einfach da, sie hat eine Botschaft wie Farbe oder jeder andere designerische Aspekt auch. Und da passt sie halt im 99% aller Fälle, in denen man sie findet, nicht.

Der funktionale Aspekt: Sie ist, wie mein Text zeigt, schlecht zu lesen, da der Abstand zwischen vielen Buchstaben unseren »normalen« Lesegewohnheiten widerspricht.

Und warum mögen die Leute sie? Weil die Leute in allen Dingen, die mit Geschmack zu tun haben, so sind. Man schaue sich die Single- oder Bücher-Charts an, oder was die meistverkaufte Zeitung ist. Noch Fragen? ;-)

comicsansms typographie