Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Linux

Debian vs. Ubuntu

Debian ist bekanntlich »der Felsen, auf den Ubuntu erbaut wurde«. Aber, die Popularität von Ubuntu stößt so manchem Debian-Urgestein sauer auf. Debian-Paketpacker »Madduck« hat einmal alles zusammen getragen, was Debian-Menschen an Ubuntu stört. Der einzige Punkt, den ich nicht unter »leichten Anflug von Neid« einreihen würde, ist der mit der Rücklieferung von Patches durch die Ubuntu-Paketmeister an die Debian-Paketpacker. Wer in diesem Punkt Recht hat, ist schwer zu beurteilen, ohne sich das en detail anzuschauen.

Madducks Liste hat natürlich eine Reaktion auf Ubuntu-Seite provoziert, die aber, ganz Ubuntu-like, sehr gemäßigt ausfällt.

Wie hängen Debian und Ubuntu eigentlich zusammen? Das kann man auf der Ubuntu-Site nachlesen, kurz zusammen gefasst: Wann immer, nach einem Ubuntu-Release, die Arbeit am nächsten Ubuntu-Release beginnt, nehmen die Ubuntu-Menschen einen Snapshot der Debian-Development-Pakete und bauen darauf ihre eigene Ubuntu-Paketstruktur auf, die dann irgendwann zum nächsten Release wird. Der Weg, den ein Paket vom eigentlichen Entwickler (denn die Software wird ja nicht »bei Debian« entwickelt, sondern nur für das apt-System zusammen gepackt) hin zum Release nimmt, ist bei Ubuntu dadurch deutlich schneller als bei Debian. Und deshalb benutzen die Leute da draußen lieber Ubuntu. Und damit haben einige Debian-Paketpacker ein Problem.

Letztendlich tut sich das Debian-Projekt mit solchen Beiträgen keinen Gefallen.
Die GPL ist eindeutig: Ubuntu dürfte die Debian-Pakete einfach nehmen, was draus machen, und bräuchte sich gar nicht weiter um einen Rückfluß an Informationen und Patches an Debian kümmern.
Und, die Realität ist: Debian-Releases sind sehr stabil, aber bereits am Release-Tag veraltet. Wenn ich sehe, das Debian Sarge noch stets kein PHP5 im Repository hat, und daran denke, wie viele Leute da draußen deshalb Backports aus obskuren Quellen benutzen oder, mit gesundem Halbwissen ausgestattet, PHP selbst kompilieren, führt die Realität den Stabilitäts-Fetisch von Debian ad absurdum.

Und, auch ein wichtiger Punkt, die »Community«. Irgendwo im Ubuntu-Land bekommt man in der Regel eine freundliche und hilfreiche Antwort, der Debian-Paket-Betreuer an sich aber wird sich alle Mühe geben, dem Fragenden ein RTFM an den Kopf zu werfen und ihm das Gefühl zu geben, ein »Klein-Doofi« zu sein. Das ist sein gutes Recht, aber auch deshalb ist Ubuntu erfolgreich.

Bei mir sind noch stets die Server mit Debian ausgestattet, aber der nächste, der aufzusetzen sein wird, wird ein Ubuntu-Server bekommen. Und auf dem Desktop ist Debian sowieso keine Option.



2 Kommentare



Sencer am 09.07.2006:


Hallo Ralf,


alles in allem, sehe ich das recht ähnlich wie du. Aber in einem Punkt (eventuell? oder auch nicht?) etwas anders:


> Die GPL ist eindeutig: Ubuntu dürfte die
> Debian-Pakete einfach nehmen, was draus
> machen, und bräuchte sich gar nicht weiter
> um einen Rückfluß an Informationen und
> Patches an Debian kümmern.


Ich glaube bei der Diskussion zwischen Debian/Ubuntu ging und geht es gar nicht darum was man “darf” und was nicht. Ich glaube keiner hat auch nur ansatzweise im rechtlichen Sinne Kritik geübt.


Es darf und soll aber IMHO durchaus auch Kritik an Verhalten stattfinden, dass sich auf nicht rechtliche Aspekte stützt. Zum beispiel auf moralische oder ethische. Ich finde gerade die Tatache positiv, dass bestimmte Dinge eben nicht in Lizenzen und rechtlich bindender Form festgehämmert werden, sodass dann alle davon betroffen sind. Sondern, dass man sich beim lizenz/rechtlichen Dingen auf ein Minimum beschränkt, und darüberhinaus gehendes eben versucht anders zu regeln – und sei es mit frotzeln, kritteln, o.ä.

Ralf G. am 09.07.2006:

Sehe ich auch so, Sencer. Es gibt schon genug Kram auf dieser Welt, der zu juristisch geregelt wird.
Ich wollte nur für die Unkundigen in diesen Dingen klar stellen, dass es keine theoretische “Verpflichtung” für Ubuntu gibt.

Eine Zusammenarbeit ist natürlich sinnvoll und sie findet ja auch statt, und ich denke dass die Beschwerden der Debian-Maintainer eher aus anderen Motiven gespeist sind als aus der Qualität der Patches.

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