Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Mac Linux

Die »Unswitcher« und der große gelbe Vogel

(Meines Wissens) unbemerkt von der normalerweise alles Mac-Bezogene pedantisch sezierenden deutschsprachigen Mac-Blog-Szene hat sich in der internationalen Blog-Szene eine kleine Debatte um das »Switchen« weg vom Mac hin zu Ubuntu entwickelt.

Es begann alles mit einem Beitrag von Mark Pilgrim, in dem er in seiner unnachahmlich polarisierenden Art den Wechsel vom Mac zu Ubuntu verkündet. Und das nach was-weiß-ich-wievielen Jahre als Mac-User. Grund: Die Plattform Mac OS X ist ihm nicht frei (im Sinne von Freier Software) genug (Zitat):

»Mac OS X was ‘free enough’ to keep me using something that was not in my long-term best interest. But as I stood in the Apple store last weekend and drooled over the beautiful, beautiful hardware, all I could think was how much work it would take to twiddle with the default settings, install third-party software, and hide all the commercial tie-ins so I could pretend I was in control of my own computer. Beauty is in the eye of the beholder, and to my eye Apple isn’t beautiful anymore. I’ve worked around it or ignored it for a long time, but eventually the bough breaks.«

John Gruber zerlegte gewohnt wortreich Marks Argumente. Kurz darauf bloggte Cory Doctorow in »Boing Boing« ein identisches Ansinnen, worauf Jason Kottke meinte:

»If I were Apple, I’d be worried about this. […] Nerds are a small demographic, but they can also be the canary in the coal mine with stuff like this.«

Tim O’Reilly griff im »O’Reilly Radar« das Thema als nächstes auf. Und schon war, ob dieser Blogosphären-Schwergewichte, die Debatte vom Zaun gebrochen, spätestens als es eine Slashdot-Story wurde.

Rui Carmo, Autor von »The Tao Of Mac«, wähnt Tim O’Reilly von kommerziellen Interessen in Sachen Ubuntu motiviert und Cory Doctorow auf einem reinen »Me too«-Trip:

»The difference between Mark Pilgrim and Cory Doctorow where it regards switching from Mac OS X to Ubuntu is that Mark made an informed decision, whereas Cory will just be the loudest ‘me too’ parroting his beliefs from one of the most absurdly popular sites on the Internet.«

Und weil das so ist, liefert Rui gleich das passende T-Shirt-Design zur Debatte (Sorry, I had to steal this):

Und was machen wir nun aus dieser Debatte? Mark Pilgrim hat bereits eine »Software-Essentials«-Liste für den Switcher erstellt. Gibt es eine Gefahr für den Mac durch Ubuntu? Erstaunlich ist übrigens, dass fast überall von Ubuntu gesprochen wird, nicht von Linux.

Worum es eigentlich geht, ist die Sicherheit unserer Daten. Werde ich in, sagen wir, 5 Jahren noch das ganze Ordnungszeug von iPhoto in irgendeiner Form auslesen und benutzen können? Was ist, wenn ein Mac dann schon ein von der DRM-Knute geschütteltes Monstrum geworden ist, das man nicht mehr benutzen möchte?

Durchaus valide Fragestellungen (vgl. dazu noch einmal Rui Carmo). Ich habe hier auf meinem Notebook diverse lange Arbeiten von mir aus den 90er Jahren, die in Word für DOS geschrieben wurden. Angenommen, ich würde diese jetzt gerne noch einmal so ausdrucken wollen wie damals, oder überhaupt nur die Texte anschauen, was mache ich dann?

Die Antwort auf Fragestellungen dieser Art könnte »Open Source« heißen. Andererseits hilft das auch nur theoretisch. Wenn ich meine Musik in amaroK statt in iTunes organisiere, stecken die Metadaten halt in irgendeiner amaroK-Struktur statt in der iTunes-Datenbank. Da amaroK Freie Software ist, könnte ich mir theoretisch die Datenstrukturen anschauen und alles in was-auch-immer konvertieren, meine Daten wären sicherer. Praktisch ist das aber für 99% aller Anwender keine Lösung, da sie nicht gut genug Programmieren können, um die Datenstrukturen von amaroK zu verstehen und auslesen zu können. Ergo macht es für sie überhaupt keinen Unterschied, ob die Meta-Daten ihrer Musik in amaroK-eigenen oder im iTunes-eigenen Format gefangen sind.

Man darf auf den weiteren Verlauf dieser Debatte gespannt sein!

[Update 9.7.06]



12 Kommentare


Sencer am 05.07.2006:

> Praktisch ist das aber für 99% aller
> Anwender keine Lösung, da sie nicht gut
> genug Programmieren können, um die
> Datenstrukturen von amaroK zu verstehen
> und auslesen zu können.

Es ist insofern eine “Lösung”, als dass die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, dass jemand anderer es machen kann bzw. wird. Insbesondere wenn über DRM-Knebel genau diese Dinge illegal gemacht werden (von den technischen Herausforderungen des Reverse-Engineering einer Black-Box mal zu schweigen).

Ich finde gerade das Beispiel von Marc mit den Mails ist ziemlich einleuchtend. (Gerade die stille Umstellung find ich schon herb).

Disclaimer: Ich habe selber nie Erfahrung mit Macs gehabt, und war schon zu Ubuntu gewechselt bevor Marc es thematisiert hat. ;)

Ralf G. am 05.07.2006:

iTunes war ein blödes Beispiel, da iTunes die Meta-Daten in einem XML-File ablegt, das man leichter auslesen kann als die amaroK-DB. ;-)

Grundsätzlich hast Du Recht, als nicht-Kundiger musst Du aber das Glück haben, dass ein Kundiger ein identisches Bedürfnis hat, sonst bist Du aufgeschmissen.

Davon abgesehen habe ich natürlich nur auf die Datensicherheits-Geschichte, es gibt genug Argumente, die für Open-Source sprechen. Aber gerade das mit der Zukunftssicherheit der Daten ist kein üßberzeugendes in meinen Augen.

Christian am 05.07.2006:

iTunes ist ein interessantes Beispiel – dadurch, dass es so viele User hat, wird sich „im Notfall“ sehr viel einfacher jemand finden, der ein Konvertierungsprogramm schreibt als für z.B. amaroK. Ist natürlich nicht immer die beste Idee, der Masse hinterherzulaufen, aber der Sourcecode alleine reicht auch nicht immer.

michael am 05.07.2006:

Naja, zerlegt hat Gruber Marks Argumente nicht. Er hat nur gesagt er wisse nicht ob Mark für sich die richtige Entscheidung trifft, ansonsten hat er eher das “warum” angesehen, und so ungefähr kam da raus, dass er was Mark macht eigentlich nicht schlimm findet, auch seine Argumentation ist schlüssig.

Er meinte aber auch, dass es für jeden je nach dem was er macht die Argumente anderes Gewicht haben. One Size Fits It All gibt’s halt auch bei Betriebssystemen nicht.

Gerrit am 06.07.2006:

Nun ja, bei Open-Source-Apps sind die Daten in den meisten Fällen schon “sicherer” aufgehoben, weil fast alle Open-Source-Apps sich bemühen, möglichst anerkannte und offene Standards zu verwenden, falls es sie gibt. Sollte es also ein standardisiertes Format für Playlisten geben, so würde ich mich wundern, wenn amaroK es nicht verwenden würde. Probleme treten natürlich dann auf, wenn es für eine bestimmte Datensorte keinerlei offene Standards gibt.

andI am 06.07.2006:

Auch wenn ich noch nie in meinem Leben einen Mac bedient habe, ist die ganze Geschichte wirklich interessant. Offensichtlich scheint sich ja Ubuntu immer mehr hin zur Standard-Linux-Distri zu entwickeln. Um so erstaunlicher, dass ich sehr selten Leute treffe, die mit “Ubuntu” irgend etwas anfangen können.
Die Essentials sind auch für mich als Windows-Switcher ziemlich ergiebig, weil ich Sachen wie den Democracy Player oder GnomeDeskbar nicht kannte. Und ich wurde mal wieder dezent darauf hingewiesen, mich mit rsync auseinander zu setzen…;-)

stralau am 06.07.2006:

Ich würde da trennen.

Offene Formate und offener Quellcode sind ziemlich verschiedene Dinge. Der negative Beigeschmack, den Closed-Source-Software in dieser Hinsicht hat, kommt doch vor allem von Microsoft-Office.

Daß das nicht so sein muß, zeigt auf der einen Seite Itunes, auf der anderen Seite Mozilla, die das Kunststück geschafft haben, ein quasi unlesbares Datenbankformat zu schaffen, welches dennoch ein ASCII-Format ist.

Sascha am 2006-07-06 18:34:57 +0200:

Hmm, also so ganz verstehe ich die Debatte nicht. Die meisten gehen immer davon aus, dass man die Ursprungs-Dateien archiviert und hofft die irgendwann wieder lesen zu können. Das ist meistens ein vages Spiel mit der Zukunft, vor allem je älter die Dateien werden und auch (sic!) die Datenträger auf denen sie liegen.

Viel praktikabler scheint mir der Ansatz zu sein eine “Migrations-Strategie” zu verfolgen und die Daten bei einem Softwarewechsel der eine Umstellung des Formats notwendig macht zu konvertieren. Das ist auch nicht so einfach, zugegeben, aber sicherer als zu hoffen, dass ihr die Daten übermorgen noch irgendwo einlesen könnt.

Ich hab’ das mal für ein Unternehmen untersucht und bei den Archivaren setzt sich die Ansicht durch, dass man bei der “Historischen-Strategie” auch die Hardware mit archivieren muss.

c0t0d0s0.org am 06.07.2006:

Trackback von c0t0d0s0.org:
Unswitching?

Eine interessante Diskussion, die da hochgekocht ist: Unswitching scheint wohl ein neuer Trend zu sein. Wieder zurück auf Linux. Weil es nicht frei genug ist. Nun gut, das ist ein valider Grund einen solchen Switch zu tun. Aber trotzdem nicht wegweisend.

Ralf G. am 09.07.2006:

stralaus Beispiele sind schon treffend. Es gibt selbstverständlich gute Gründe, auf Freie Software zu setzen, aber die Sicherheit, auch in fernerer Zukunft die damit produzierten Daten lesen zu können, ist im Grunde keiner, da muss man schon sehr genau auf den Einzelfall schauen, auch “Closed-Source”-Software kann “offene” Formate verwenden.

Mark Pilgrim wäre sowieso nicht geswitcht, wenn er ein Backup eines Home-Verzeichnisses gehabt hätte. ;-)

at am 2006-07-11 12:20:10 +0200:

“Da amaroK Freie Software ist, könnte ich mir theoretisch die Datenstrukturen anschauen und alles in was-auch-immer konvertieren, meine Daten wären sicherer. Praktisch ist das aber für 99% aller Anwender keine Lösung, da sie nicht gut genug Programmieren können, um die Datenstrukturen von amaroK zu verstehen und auslesen zu können.”
Und das übrige Prozent bastelt sich eigene Lösungen, von denen dann die Hälfte veröffentlicht wird. Und plötzlich gibt es vom kleinen Skript über die GUI-Anwendung bis hin zum PlugIn für den designierten Nachfolger des Programmes alles, was das Herz begehrt.
Merke: Open Source heißt nicht, es selbst machen zu müssen, sondern es zu dürfen.

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