Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Gtd Mac

Luther, die Konzentration und der Blockwriter

Martin Luthers Schreibtisch Martin Luther übersetzte im Jahre 1521 in gerade einmal 11 Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Das Bild zeigt das Zimmer auf der Wartburg, das sie uns Touris als jenes verkaufen, in dem Luther seine herkulische Fleißarbeit weiland vollbracht haben soll. Der Stuhl ist definitiv ein Fake, den hat im 19. Jahrhundert jemand da rein gestellt. Ist aber im Prinzip egal, denn betrachten wir Luthers Arbeitsplatz einmal unter dem GTD-Aspekt (wer hätte gedacht, dass der gute alte Luther am neuzeitlichem »whatsonyourdesk«-Mem teilnimmt), so finden wir hier eine ideale Arbeitsumgebung: Eine klar definierte Aufgabe, keine ablenkenden Gadgets, dank der praktischen Reichsacht keine Veranlassung, in der Weltgeschichte rum zu reisen – kurz und gut: Der Mann wusste, was zu tun war, er konzentrierte sich auf seine Aufgabe und erledigte sie.

Das hätte er nicht geschafft, wenn er einen Computer benutzt hätte. Er hätte Tage darauf verwendet, die »Connectivity« auf der Wartburg einzurichten, hätte dann, sobald er online mit dem Reich verbunden gewesen wäre, während der Arbeit ständig Rückfragen per IM und/oder E-Mail von seinem Kumpel Melanchthon empfangen, hätte zwischendurch einmal bei reichsacht.de nachgeschaut, ob er immer noch die Nummer 1 auf der Liste ist, und hätte in Google nachgeschaut, ob schon einmal jemand ein Stück Neues Testament übersetzt und in seinem Blog drüber etwas geschrieben hat. Wie man es auch betrachtet: Luther hätte länger gebraucht. Sein Glück, dass es noch etwa 430 Jahre dauern sollte, bis es so etwas wie Computer geben würde…

Wir, die Notebook-Nomaden des 21. Jahrhunderts, deren Scriptorium die ganze Welt ist, die es mit schlauer Technik geschafft haben, fast überall mit alles und jedem verbunden zu sein, haben ein gewaltiges Problem: Wir verlieren die Fähigkeit zur Konzentration auf die eigene Aufgabe. Unsere Rechner können zwar eine Menge Dinge gleichzeitig machen, wir aber nicht.

Diese Beobachtung machte auch Khoi Vinh, Autor des famosen Weblogs »Subtraction«. In einem Artikel zu dieser Beobachtung propagiert er die gute alte mechanische Schreibmaschine als Ausweg aus diesem Dilemma. Aber, ganz Kind des 21. Jahrhundert, natürlich nicht als Hardware, sondern als Software. Er wünscht sich einen Editor, der den »Rest« des Rechners abklemmt, und der keine Editor-Funktionen mehr hat, sondern einfach nur den Text entgegennimmt, eben wie eine Schreibmaschine: Der »Blockwriter«. Also der etwas absurde Versuch, das durch Technik verursachte Problem durch Technik zu lösen, statt das eigentliche Problem anzugehen: Die mangelnde Fähigkeit zur Konzentration auf eine Aufgabe.

Erstaunlicherweise hat bisher noch kein Entwickler diese Idee aufgegriffen. Wenn man einmal die seltsame Idee der »Schreibmaschinen-Funktionalität« außen vor lässt, ist aber ein Gedanke gar nicht so verkehrt: Das Schreibprogramm so zu öffnen, dass man das andere Zeug auf dem Schirm des Multitasking-System nicht sieht, sondern wie in guten alten DOS-Zeiten, seinen Text (und nur seinen Text) vor sich hat. Auch unser aller GTD-Halbgott Merlin Mann hat sich darüber schon seine Gedanken gemacht und eine etwas hanebüchene Lösung vorgestellt. Auf dem Mac gibt es allerdings schon diverse Programme, die diese Funktionalität vernünftig anbieten (absteigend nach Preis sortiert ;-)):

WriteRoom ist das neueste Projekt dieser Art, zur Zeit noch frei erhältlich. Für Khoi Vinh geht der Ansatz von WriteRoom noch nicht weit genug, und er propagierte seine Idee mittlerweile sogar im britischen Guardian. Man darf gespannt sein, ob es die Software-Schreibmaschine jemals geben wird. Es ist eigentlich absurd, ein technisches Problem durch mehr Technik lösen zu wollen. Wenn wir etwas von Luther lernen können, dann das: Konzentration auf die Aufgabe hilft. Das neue Testament in 11 Wochen zu übersetzen. Oder einfach »den Job« geregelt zu bekommen…



10 Kommentare



Gerrit am 30.06.2006:


Ich sollte tatsächlich mehr Bahn fahren und darauf hoffen, dass die Bahn niemals anfängt, bezahlbare Internet-Anschlüsse anzubieten. Denn im Zug kann ich herrvoragend arbeiten – offline. Nur Strom braucht man halt meistens und einen Sitzplatz mit Tisch.

Stephan am 30.06.2006:

Du solltest auch Scrivener nicht vergessen: http://www.literatureandlatte.com/scrivener.html

weblars.de / blog am 01.07.2006:

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Konzentration auf das Wesentliche

Im Netzbuch gibt es einen Artikel über mangelnde Konzentration bei der Arbeit am Rechner.


„Wir, die Notebook-Nomaden des 21. Jahrhunderts, deren Scriptorium die ganze Welt ist, die es mit schlauer Technik geschafft haben, fast überall mit alle…

Peruns Weblog am 02.07.2006:

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Was ist Selbstmanagement?

Selbstmanagement ist die Summe der Maßnahmen, Artikel und Erfahrungen, die wir alle sehr gut Schätzen und Kennen, aber nicht anwenden . Mittlerweile kenne ich einige Ansätze, viele Tools, auch einige Bücher und Artikel. Manche Ansätze sind weniger gut…

Christoph am 03.07.2006:

Es gibt bereits einen Texteditor, mit dem man im wesentlichen nur schreiben kann, aber eben sehr schnell, da die Maus nicht benötigt wird: VIM. Er läuft in allen wesentlichen Betriebssystemen und kann Textteile “falten” und Text verschlüsselt speichern. Da das Programm seit über 20 Jahren existiert, kann man auch eine hohe Zukunftsfähigkeit voraussetzen.

Ich benutze nichts anderes mehr.

Christoph H. am 03.07.2006:

Wenn ich momentan an meiner Facharbeit schreibe, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich doch mal schnell in Bloglines lucke oder eine IM-Nachricht beantworte. Eine Lösung des Problems ist für mich einerseits die “Invisible”-Funktion von IM (man wird nicht mehr angeschrieben, die anderen, die mich sehen, verstehen wenn ich keine Zeit habe) und auch mal den Browser geschlossen halten. Bei Schularbeiten bei denen noch pure Handschreibarbeit angesagt ist, kommt das Notebook vom Tisch. Somit habe ich Platz und Ruhe. Toller Text, Ralf!

agenturblog.de am 03.07.2006:

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WriteRoom – Fokussierung durch Reduktion

Ein Tool wie eine mechanische Schreibmaschine hat sich Khoi Vinh gewünscht. Keinerlei Editierfunktionen soll es haben, nichtmal eine Löschfunktion. Dafür wünscht er sich starke Filter, die die permanente Informationsflut , die – wir…

Onno am 04.07.2006:

Es ist eigentlich absurd, ein technisches Problem durch mehr Technik lösen zu wollen.
Das ist nicht absurd, denn es ist ja kein technisches Problem, es ist schlicht nicht möglich, auf diese Art eine wirkliche Lösung herbeizuführen.

Der heutige I-Net Kontakt zu tausend Dingen und tausend Leuten fußt natürlich auf den technischen Möglichkeiten die es jetzt gibt. Und wird genährt vom steten Gefühl etwas verpassen zu können, wenn man nicht alle technischen Möglichkeiten einsetzt und allzeit nutzt. Nur ist das eine mentale Geschichte, eine Frage der Einstellung die wir leben, die Lösung liegt nicht in der Verwendung einer bestimmten Software. Hingabe und Konzentration kann Software nur marginal lehren.

Schulblog am 05.07.2006:

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Arbeitsmanagement & Jahrgangsseite

Gerade die neue Jahrgangsseite fertiggestellt – mitten in der Nacht, bzw. am frühesten Morgen.

Da hat doch Gerrit mit seiner ICE-Arbeit eine bessere Zeit getroffen.


Recht haben sie allerdings alle, mich hat in der Zeit niemand angeschrieben, ange…

Ralf G. am 05.07.2006:

Korrekt, Onno, da habe ich mich etwas unglücklich ausgedrückt, genau das, was Du geschrieben hast, meinte ich. Eben das mangelnde Fähigkeit zur Konzentration kein technisches Problem ist. Und deshalb auch nicht technisch lösbar.

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