Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Webworking Techkram

Riya, oder: Keine Fotos mehr auf Bloggertreffen und Konferenzen

Riya ist die »Schily-Schäuble-Beckstein-Variante« von flickr und Konsorten. Also eine Bilder-Hochlade-Community, die alle Bilder mit Personen drauf einer automatischen Gesichtserkennung unterzieht. Damit der freiwillig selbstgeschaffene Große Bruder auch effektiv funktioniert, fordert das System nach der Registrierung (http://www.riya.com/groundTruth) dazu auf, mal eben 1.000 Bilder aus dem Fotoordner hoch zu laden und die vom System erkannten Gesichter mit Namen zu taggen. Ziel der ganzen Aktion ist es, nach Menschen und Orten und Kombinationen davon zu suchen.

Verblüffend finde ich die Reaktionen, die bisher dazu zu finden sind. Die meisten finden das »cool«. Hat denn niemand mehr auch nur ansatzweise ein Gespür für Datenschutz und Privatsphäre? Wenn das einmal Mainstream ist (im Moment ist es glücklicherweise viel zu viel Arbeit, das System zu trainieren, als dass wir in absehbarer Zeit einen Foto-Big-Brother-2.0 haben würden), muss auf Bloggertreffen und Konferenzen leider gelten: Keine Fotos, bitte. Und es muss Aufgabe der Blogosphäre werden, die (vorwiegend jüngeren) Leute, die allzu naiv mit persönlichen Daten umgehen, ein wenig zu sensibilisieren.



11 Kommentare



Simon Müller am 23.03.2006:


Das habe ich mir im ersten Moment auch gedacht. Aber auf der anderen Seite haben auch Foto und Filmaufnahmen unser Leben verändert und überwachbarer gemacht… Und welchen Unterschied macht es, ob Dich Personen in flickr gegen Deinen willen ‘tag’en oder eine Maschine? Die Geheimdienste greifen doch sowieso schon auf Gesichtserkennung zurück, die Überwachung, bzw. die leichtere Auffindbarkeitsmachung wird nun eben auch zivil nutzbar. Ob hier der Vorteil oder die Gefahr überwiegt kann ich schwer einschätzen, es gilt eben der Grundsatz, überlege Dir immer gut, was die Öffentlichkeit sehen darf und was besser nicht. Aber das war ja schon bei flickr so.
Außer dem – Erschrecktsein, ob der Möglichkeiten der Technik – kann ich den Qualitativen Unterschied der Überwachung von riya im Gegensatz zum handge’tag’ten in flickr nicht sehen.

Ralf G. am 23.03.2006:

Ich denke, der entscheidende Unterschied ist: Bei flickr hat man es unter Kontrolle, denn wer mich nicht kennt, kann mich auch nicht taggen. Bei Riya musst Du aber nur zufällig auf einem Foto sein, schon taggt Dich die Maschine und macht Dich im zeitlichen und örtlichen Kontext abrufbar. Das ist IMHO schon ein gewaltiger Unterschied.

Aber andererseits hast Du natürlich auch wieder recht, daher gilt ja z.B. beim Kongress des CCC auch der Grundsatz “keine Fotos ohne Erlaubnis, und schon gar nicht öffentlich”. Guter Grundsatz!

Simon Müller am 23.03.2006:

Bei Riya musst Du aber nur zufällig auf einem Foto sein, schon taggt Dich die Maschine und macht Dich im zeitlichen und örtlichen Kontext abrufbar. Volle Zustimmung! Habe ich übersehen.
Allerdings tifft das auf öffentliche Veranstaltungen zu und ich hätte nicht unbedingt ein Problem damit, dass jemand weiß wann und wo ich war oder bin, viel eher habe ich ein Problem mit der Zuordnung meines Namens zu Photos von mir. Da musste ich auch schon bei flickr öfter korrigierend eingreifen ;)
Es wird wohl tatsächlich in Zukunft vermehrt ‘fotofreie Zonen’ geben, was aber der Gesamtentwicklung (ungefragte Webveröffentlichung – Verletzung des Persönlichkeitsrechts) geschuldet ist.
Aus meiner Sicht wäre so eine Software OFFLINE sehr sinnvoll. Denn es kommt häufig vor, dass mich jemand nach Bildern von ihr/ihm fragt, nach dem Motto: “du machst doch immer soviele Bilder, schick mir mal welche von mir”. Das ist bei einem Katalog, der rund 60.000 Fotos umfasst eine relativ zeitraubende Angelegenheit. Hierfür würde ich mir Auto-tagging als Katalogfunktion wünschen :)
P.S. Namensge’tag’te Fotos lade ich bei flickr zum Beispiel nur ‘public’ hoch, wenn die abgebildete Person ihr Einverständnis dafür gegeben hat, alles andere ist ‘privat/friends/family’.

Ralf G. am 23.03.2006:

Daran habe ich auch schon gedacht, diese Technik in iPhoto, das wäre eine richtig gute Sache.

Was öffentliche Veranstaltungen angeht: Stell’ Dir vor, Du sagst $mensch “ey, habe heute abend keine zeit, muss arbeiten”, und der foto-big-brother hat dich aber im publikum der “miss-wet-t-shirt-party” lokalisiert. Üble Sache! ;-)

Simon Müller am 23.03.2006:

Darum lüge ich nicht! Denn man kann sich doch nie alles merken was man sagt. :)

Kristof am 23.03.2006:

Ich lüge schon. Und nur mit Lügen funktioniert Gemeinschaft. Deshalb finde ich sowas (wie alle andere Datensammelei) ziemlich doof.
Hier gilt deshalb auch: Mitmachen und mit falschen Daten überhäufen, Unschärfe erhöhen, Verwirren.

Simon Müller am 23.03.2006:

War auch gelogen, aber ich versuche so selten wie möglich zu lügen, denn ich bin sehr vergesslich. ;)
Zum Thema habe ich noch was bei Wired gefunden.
Ich befüchte wir werden uns in naher Zukunft auf die Probleme der Digitalisierung/Tracking/googling einstellen müssen und unsere Lebensweise entsprechend verändern, dazu gehört auch: Masken tragen. Oder Bilder mit Nicknames taggen. Dann kann man zwar eine Reihe von Bildern der gleichen Person finden, aber diese nicht zuordnen.

Ralf G. am 23.03.2006:

Masken tragen ist gut. Wenn Ihr beim nächsten Bloggertreffen Spiderman seht: Das bin ich! ;-)

andI am 23.03.2006:

Ich dachte, Du wärst Batman.

foobla – das Weblog von Norbert Wigbels am 24.03.2006:

Trackback von foobla – das Weblog von Norbert Wigbels:
Riya und Folgen…

Ralf kommentiert im Netzbuch die Eröffnung von Riya.

Riya besitzt die Fähigkeit der Gesichtserkennung auf Fotos. Konkret: Person A auf Foto 123 ist mit dem Tag “Vorname” versehen; Riya versucht jetzt in allen anderen Fotos 1..n die Person…

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