Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Weblogtalk

Rettet das Bloggen!

Yeah, Frau dee! Exaktement getroffen, Lesebefehl! Es wird Zeit für: Blogosphäre, reboot!



8 Kommentare



Boris am 02.03.2006:


Recht hat sie ja schon, die dee.
Aber auch oder gerade wegen ihrer Argumente bleibe ich beim üblichen Bloggen und werde nicht in etwas Neues flüchten… »tumblen«…
Es wird nämlich genau dieselbe Leier werden, wir werden dann bald »Tumble-Lesungen« bekommen, Profi-Tumbler werden sich mit der Journaille herumstreiten über Qualitäts-Tumbeln usw… wir kennen das doch.


Es geht doch gar nicht darum, wie man das Tierchen werbewirksam nennt (damit Gugel und Konsorten gleich ein neues Geschäftsfeld draus machen kann) und wer sich in seinen einsamen medialen Höhenflügen pseudoprofessionell als Premiumblogger profilieren muss – es geht schlicht darum, dass man schreibt, wie es einem gefällt, über Themen und Ereignisse, die einem irgendetwas bedeuten. Erschöpfend lang oder verlinkend kurz, gerade, wie es kommt und passt.


Und dann liest man dort, wo sich jemand wirklich »echt«, persönlich, äußert und nicht irgendeinen vermeintlich wichtigen oder gar investigativen Infomations-Blogdienst anbietet.

dee am 02.03.2006:

Bei mir war’s problematisch, weil ich mich hab korrumpieren lassen von dem Gequatsche statt einfach zu bloggen, wie mir die Finger gewachsen sind. Mir sind kurze Einträge lieb. Und wenn ich mal einen langen schreiben will, mach ich das auch. Aber schon allein dieses “Überschriften ausdenken”: Da sitz ich. Denk über “aussagekräftige Titel” nach. Der witzige Doppelsinn kippt gemächlich nach hinten. Was, wenn jetzt lauter Frisöre mein Blog besuchen und mit meinem Eintrag nichts anfangen können? Im Keller rattert die Bartaufwickelmaschine. Hat nicht der und der mal das und das gesagt – Semantik und Wiederauffindbarkeit? Ach. Leg ich den Eintrag erst mal auf “draft”. Und da liegt er immer noch. DAS, hat mich genervt, Boris. Ich hatte eine “publish”-Hemmung.

Ralf am 02.03.2006:

Das mit der Überschrift ist doch ein typisches Beispiel, wie die in den letzten zwei Jahren einfallenden Problematisiererhorden das Bloggen kaputt machen. Wenn ich z.B. so etwas lese, denke ich mir direkt mal für den nächsten Beitrag einen besonders kryptischen Titel aus. Und wenn jemand etwas dann nicht liest, und, dann? Wer so oberflächlich ist, in seiner ach so schlimmen Zeitknappheit die Substanz eines Artikels nach der Überschrift in seinem Reader zu beurteilen, ist eh kein Verlust. Geht weg! Pech für oberflächliche Nicht-Leser.

Obwohl, für die Kasse sollte ich mir mal einen Text ausdenken, der eine Übernachtungsmöglichkeit in der Hauptstadt Japans beinhaltet. Vielleicht sollte man die Waffen derer, die “wir Alten” in der Blogosphäre eigentlich nicht wollen, nutzen. ;-)

Boris am 02.03.2006:

Wirklich interessante Diskussion… bringt zumindest mich schon mal wieder zurück auf die Frage, was ich da so schreibe und warum das und nicht was anderes. Interessant aber finde ich auch die ausführlichen »meta-bloggenden Forschungen« von Jörg Petermann. Ich nutze sie zur Reflexion über das, was ich (wir?) da so tun und was das in einem größeren Zusammenhang bedeuten mag.

Ich klemme übrigens tatsächlich auch immer wieder an dieser »Titel-Frage«. Folge ich dem Impuls und nenne den Beitrag einfach so, wie es mir unvermittelt in den Sinn kam, oder prüfe ich ihn auf allgemeine Verständlichkeit, gar Google-Freundlichkeit?

Im Grunde suche ich doch irgendwie nach einem Weg, all diese Konventionen, Moden usw. zu erkennen und zu verstehen, um einen eigenen Weg zu finden, mich da irgendwie unkompromittiert durchzumanövrieren.

Boris am 02.03.2006:

@dee: Irgendwie kommen wir doch aus diesem Spannungsfeld zwischen (vermeintlichen) äußeren Ansprüchen und ursprünglichem persönlichen Wollen nicht heraus. Wir sind Teil von etwas (nennen wir es mal »Blogosphäre«) und natürlich gibt es sofort und unmittelbar all diese mehr oder weniger wichtigen Daseins-Diskussionen. Bis hin zu dieser leidigen Journaillen-Qualitätsdebatte.

Ich bemerke bei mir tatsächlich eine Schreib-Hemmung genau dann, wenn ich mit Beiträgen zu bestimmten tagespolitischen Ereignissen konfrontiert bin und dann die eifrige Qualitätsjournalisten-Blogmühle losdrehen sehe. Mit ihren unvermeidlichen scharf beobachtenden »SpOn«-Bezügen und dergleichen. Oft (noch nicht immer) habe ich dann genau das richtige Signal aus dem Inneren: »Nein, lass’ es! Schreib’ nicht, weil dazu angeblich jetzt etwas geschrieben werden muss, weil du auch Teil von … bist. Bleib’ einfach bei dem, was dich wirklich interessiert. Oder was dich gerade eben ganz direkt persönlich angestochen hat.«

Wenn das meine Hemmung ist, dann setze ich ihr ein Mützchen auf, stelle sie ins Regal und pflege sie jeden Tag… weil ich sie nicht verlieren will.

Kristof am 02.03.2006:

Weiss ja nicht. Wenn man solche Probleme hat, dann sieht man’s wohl etwas verkniffen. “Ich mag nicht, wie sich Offline- und Online-Leben vermengen.” Pech. Ich mag’s gerade, wenn sich das Leben und das Blog als Stichwortgeber / Notizbuch vermengen.

Wenn ich das so sehe, hatte ich schon immer ein Tumbleblog, bloß ohne Purzeln.

2.0 – Notation, wer’s mag.

dee am 02.03.2006:

@Kristof – Definitiv – habe ich das verkniffen gesehen. Aber das war ja nicht immer so. Und da will ich wieder hin.
Das mit der Vermengung von on und off habe ich anscheinend missverständlich ausgedrückt. Es geht mir nicht um den Themenmix sondern um Vergleiche mit herkömmlichem Journalismus, z.B. – plötzlich kommen so Offline-Typen daher und vergleichen Blogs mit Presse – Äpfel mit Birnen. Nervt Dich das nicht? Ich bin kein Journalist und wollte es niemals sein. Ich stimme mit Boris überein, wenn es darum geht, dass man sich daraufhin schwer locker machen kann.

Oder: Ich mag Blogtreffen wirklich sehr gern aber manche haben Größendimensionen angenommen. Puh. Es fühlt sich – vereinsmäßig und ein bisschen dörflich an. Für mich ist das nichts. Und manchmal kommt mir das vor wie eine Demonstration der Daseinsberechtigung als Blogger (nicht: Mensch). Ich glaube nicht, das wir – die Blogosphäre – das nötig hat.

Kristof am 02.03.2006:

Mich nervt das nicht. Es kommt auch einfach nicht bei mir an. Probleme haben vermutlich die typischen “Vieltextblogger” oder “Anspruchsblogger” (zu denen ich dich einfach auch mal zähle). Nur wenn mir Bloggen Mühe macht, kann’s mich nerven, nur wenn ich glaube, dass es eine Blogosphäre gibt, kann mich der Vergleich mit dem Journalismus treffen. Wer so vor sich hin purzelt, dem ist das egal, der kann auch ein Bloggertreffen besuchen wie einen Opernabend. Und 95% der Blogger tumbeln nur rum, und sie tun damit genau das Richtige.

Blogs sind ein Medium, keine Philosophie. Zu vergleichen mit dem Telefon (bloß praktischer). Völlig selbstverständlich, dass das ein wichtiges Medium für anspruchsvolle Journalisten ist, genauso wie für die Unternehmenskommunikation. Aber zu 99% wird es für banales Geschwätz verwendet, und keiner würde hier von Missbrauch sprechen. Im Gegenteil, das Geschwätz ist wie das Geschwätz auf der Strasse ein wichtiger gesellschaftlicher Meinungsbildungsprozess. Genauso ist das mit den Kätzchen-, Strick-, Sponlinker- und Purzelblogs.

Käme jetzt jemand daher und sagte zu mir: “Ach, die Fernsprecherei ist nicht mehr zeitgemäß, das ewige Reden fällt mir immer schwerer. Ich weiss schon nicht mehr, wie ich mich originell melden soll. Ich höre mit dem Fernsprechen auf und melde mein Telefon ab. Oder warte auf das neue Phone 2.0, da soll alles leichter und lustiger sein.” Da könnte ich doch nur sagen “Du bist bekloppt. Behalte das Telefon, ruf halt weniger an, melde dich dumm mit Hallo, und mach einfach schneller wieder Schluß, wenn Muttern anruft.”

Die meisten Diskussionen über Blogs zielen auf die 5% Vieltextblogs und gehen somit am Kern vorbei. Natürlich bestimmen diese 5% die Diskussion. Aber in wirklichkeit interessiert es kaum jemanden, ob irgendeinen Don die Lust am Bloggen verloren geht oder nicht.

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