Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Weblogtalk

Die mit den Sternen schreien

Vom Web Montag in Frankfurt

Nach dem Motto »Ich bin dann mal ’ne Runde networken« versammelten sich ca. 60 Web2.0-Interessierte in der Brotfabrik zu Frankfurt am Main. Diese liegt nicht gerade zentral, entpuppt sich aber, wenn man sie erst einmal gefunden hat, als perfekte Lokalität für ein Ereignis dieser Art.

Zunächst gab es allerlei Vorträge. Mehr oder weniger ausführliche Materialien dazu sind übrigens auf der Web Montag-Wikiseite verlinkt.

Thomas Wanhoff machte den Anfang mit einer Tour-de-Force durch das Podcasting, »Radio 2.0«, »Social Media« und »Rosenzüchterpodcast« habe ich mir als Schlagworte notiert. Eine knackige Einführung in die Materie.

Arne Klempert von Wikimedia Deutschland referierte dann, für meinen Geschmack ob des straffen Zeitplans und der sowieso vorhandenen öffentlichen Debatte über die Problematik, viel zu lange über den so genannten »Fall Tron«, ohne dabei etwas Neues zu erzählen.

Jens Grochtdreis, Pontifex Maximus der Kirche der Webstandards aka »Webkrauts«, stellte selbige Intiative und ihr (in meinen Augen wichtiges) Ziel, nämlich ein Bewusstsein zu schaffen für die Vorteile und Notwendigkeit der Webpage-Entwicklung in Webstandards, vor. Ich will keine Layout-Tabellen-Höllen mehr sehen, Jungs und Mädels! Auf Seiten, an denen ich beteiligt bin, gibt es selbige bereits seit 2002 nicht mehr, also gibt es 2006 keine Ausreden mehr!

Danach gab es einen Schwenk in die düstere Corporate-Web-1.0-Welt. Sebastian Werner stellte qooxdoo vor, ein eindrucksvolles GUI-Toolkit für die Erstellung von Web-Anwendungen, die nach traditionellen (Windows-)Desktop-Anwendungen aussehen und sich auch so verhalten (Modale Dialoge im Browser!). Vor drei Jahren hatte ich ein Projekt, wo ich so etwas sehr gut hätte gebrauchen können, mit Grausen denke ich an JavaScript-Orgien zum Abfangen von Events zurück, um liebe Kollegen an schlimmen Dingen zu hindern. Gute Sache. Für einen solchen Anwendungszweck, wie gesagt, eher Web-1.0-Corporate-Welt als schillerndes Web 2.0. Aber Ihr wisst ja, wo man wirklich das Geld verdienen kann…

Gerrit van Aaken spürte drei Trends im »Web-Fonthandling« nach, nämlich dem Anwachsen der Font-Families in den Stylesheets dieser Welt, den neuen Windows-Font (jene, die mit Windows Vista erscheinen, also gegen 2010, mit den komischen Namen), und den mehr oder weniger brauchbaren (in meinen Augen überflüssigen) technischen Tricks zum dynamischen Umwandeln von Text in Bildern oder Flash-Filme im Browser des Anwenders. Wem der Powerbook-Lüfter lustig zum rollenden Strandball ins Ohr säuselt, weil eine Blogseite mit 50 Überschriften jene mit sIFR als 50 Flash-Filme ausliefern möchte, wird sich in seiner Begeisterung über diese Technik kaum zügeln können. Ein guter, kompakter und zügiger Vortrag von Gerrit.

Rany Keddo stellte in einem amüsanten Vortrag seine very social Kalender-Applikation »fleavent« vor. Er gab Einblicke in seinen Entwicklungsprozess und begeisterte das Publikum durch purzlets. Man kann sich bei Rany übrigens für das Beta-Programm von fleavent registrieren lassen, das ist sehr web-2.0-ig. ;-)

Beate Paland führte das Publikum in die Welt der meistgehypeten Programmierumgebung unserer 2.0-Zeit ein, nämlich Ruby On Rails. Und das selbstverständlich so brilliant, dass sogar bekennende Nicht-Programmierer nun einen Eindruck gewonnen haben, was das ist und worum es da geht, und warum Rails toll ist.

Um Abschluss gossen fukami und Lars Stojny Wasser in den süßen Wein 2.0 und nahmen das Publikum mit auf eine Reise in die Welt der Exploits und Skript-Attacken, die das Leben im Web 2.0 zu einer mitunter gefährlichen Sache machen können. Selbstverständlich taten die beiden das mit einer expliziten White Hat – Attitüde. ;-)

Nach diesen schönen Vorträgen war es dann schon ganz schön spät. Und so leerten sich die Reihen zunehmend, es gab noch einige interessante Gespräche und, Jens sei Dank, mussten The Girl und ich nicht den mühsamen Weg per Bahn nach Wiesbaden angehen.

Was nehmen wir mit von diesem Web Montag? Mir hat es gefallen, es war schön alte Bekannte aus der Rhein-Main-Bloggerszene zu sehen und neue kennen zu lernen, wie z.B. Gerrit oder Leo. Beim nächsten Mal sollte es mehr Zeit für das Labern und Trinken ;-) geben.
Rany erzählte mir, dass Angestellter sein und Software-Entwicklung mit konsequentem GTD besser unter einen Hut zu bringen sind, das nehmen wir als Ansporn mit. Und die Erkenntnis, dass Web 2.0 vielleicht doch mehr als nur die Wiederkehr von AGs mit windigen Geschäftsmodellen aus der Zeit der Jahrhundertwende ist, wie uns das die ganz ganz schlauen Leute wie Hal Faber immer erzählen. Beim nächsten Web Montag bin ich wieder dabei.



1 Kommentar



Sebastian Werner am 08.02.2006:


Naja, bei qooxdoo waren wir bisher eher der Ansicht, dass wir das Web-4.0 programmieren. Ist ja nicht so, dass qooxdoo nicht die modernen Technologien der heutigen Zeit verwendet, nur merkt man davon als Nutzer nichts mehr. Keine CSS-Hacks etc.


Ich denke das selbst Gmail etc. mit qooxdoo besser zu realisieren wären. Und, ein häufiges Missverständnis: qooxdoo muss nicht aussehen wie Windows 95 (wohl eher XP ohne Luna) aber ok. Wir wollten nur erstmal sehen ob wir das nachbauen können. Mittels des neuen Appearance-Layers ist es auch kein Problem, dass ganze wie MacOS oder wie alles mögliche andere aussehen zu lassen.


Es geht im übrigen auch nicht nur um Layout. Z. B. ist die Tastatur-Navigation in allen aktuellen Browsern ja quasi nicht verwendbar. CSS-gestaltete Tabs kannst du immer noch nicht mit der Tastatur umschalten. Spätestens da braucht man dann JavaScript.


Außerdem kannst du Layouts mit qooxdoo erzeugen, die nicht mal mit CSS-3 machbar sein werden (jedenfalls nicht ohne ein ganzes Set von Hacks).

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