Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.

Werber mit Demokratiedefiziten

Weblogtalk

Der Demokratiepreis, Ausgabe Januar 2006, geht an Jean-Remy von Matt, der sich fragt, lt. Jens: »Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?« Dem Mann kann geholfen werden, er schaue nach bei Artikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik: »Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]« Erstaunlich, wie wenig jemand von den Grundsätzen eben jener freien Gesellschaft hält, in der er dank jener verbürgten Freiheit seine bezahlten Werbebotschaften frei herumtragen darf und dadurch zu Wohlstand und Ansehen kommen konnte. Und das ist kein bedauerlicher Einzelfall, denn vor fast genau einem Jahr wurde sein Agenturkollege Peter Kabel bei Heiko Hebig mit den Worten zitiert: »But it’s no good that every citizen finally has a voice. It’s OK for renowned journalists to raise controversial issues. Knowing that ordinary citizens finally have the same power is not necessarily a good thing.« Scheint eine Berufskrankheit zu sein…



4 Kommentare



Boris am 20.01.2006:


Scheint wirklich so. Ist auch nachvollziehber, denn solche Leute leben (und arbeiten) offenbar im Rahmen eines Selbstverständnisses, dass die Exklusivität der Wahrheit ihrer Top-Down-Kommunikation zum einzig gültigen Leitmotiv erhoben hat. In solchen »Kommunikationsmodellen« respektive den zugrunde liegenden Weltbildern ist der »normale« Mensch bloß Konsument und Rezipient dessen, was im Marketing für inhaltliche Information gehalten wird – und doch bloß Werbung ist.

Und solcherart (vermeintlich) elitäre Haltung geht irgendwie mit wirklichen demokratischen Gepflogenheiten (und entsprechendem Menschenbild) nicht so recht zusammen…

andI am 22.01.2006:

Boris, ähm, hä? :-)

Jetzt verstehe ich auch die hier vor sich gehende de/reKonstruktion. Die Gestaltung virtueller Klowände dauert halt…;-)

Lyriost am 23.01.2006:

Das kommt davon, wenn man Schweizer in Deutschland Werbung machen läßt. Ist das eigentlich durch das Grundgesetz gedeckt? Vielleicht sollte man beantragen, daß ein Passus ins Grundgesetz eingefügt wird, nach dem jeder Ausländer in Deutschland erst dann ungefragt seine Meinung auskotzen darf, wenn er vorher an einem Grundkurs zur deutschen Verfassung teilgenommen hat. Und mindestens drei Tage vor jeder Äußerung auf jeglichen Verzehr von Schweizer Käse verzichtet.

Fred am 25.01.2006:

Weblogs als die Klowände des Internets zu bezeichnen, zeugt auch nicht gerade von einem gesunden Bezug zur Realität der modernen Medien.

Kritik zu ernten war vielleicht jahrzehntelang für die Werber nicht gerade üblich, denn wenn man den Leuten auf der Straße mit einer Kampagne auf die Nerven geht, erhält man eher selten direktes Feedback.

Nun gibt es einen mehr oder minder direkten “Online-Rückkanal” und endlich bekommen Leute wie er einmal offen gesagt, was die Bevölkerung bisher eher im stillen Kämmerlein dachte.

Da kann er noch so bitterlich weinen. Da muss er jetzt durch. Und wenn er das nicht will, hätte er besser einen Beruf mit weniger Außenwirkung wählen sollen. So einfach ist das.

vonmatt kabel