Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Bundestagswahl: Wiesbadener Kandidatenauswahl

Am Sonntag findet bekanntlich die Bundestagswahl statt (das ist mal eine Neuigkeit, wa?). Neben der wahlentscheidenden Zweitstimme, mit der man tunlichst keine Experimente machen sollte (sonst greifen einem, ehe man sich versieht, ein Professor aus Heidelberg und ein alter Rocker aus dem Sauerland in den Geldbeutel), hat man auch eine Erststimme für den oder die Wahlkreiskandidaten/in, mit der man ein wenig taktisch agieren kann.

Lässt man die esoterischen Kandidaten der obskuren Kleinparteien weg, stellt sich das Feld in Wiesbaden als Tummelplatz juveniler KandidatInnen und einer routinierten Favoritin dar.

Entwicklungshilfeministerin Heidi Wieczorek-Zeul hatte den Wahlkreis 180 (Wiesbaden) bei der letzten Wahl gewonnen und ist auch dieses Mal als hinreichend bewährte und bekannte Größe die Kandidatin der SPD für Wiesbaden.

Ihre Herausfordererin ist Kristina Köhler, die wieder für die CDU ins Wahlrennen geht. Jung, blond und weiblich zu sein, ist aber keine Tugend. Die Dame besticht auf ihrer Website in erster Linie mit larmoyantem Gejammer über angebliche Lügenkampagnen der SPD. Und mit dem peinlichsten Zitat aller Wiesbadener KandidatInnen, anlässlich eines Wahlkampfbesuchs des Altkanzlers und Geldboten Helmut Kohl in Wiesbaden: »Ihretwegen, Herr Bundeskanzler, bin ich an meinem 14. Geburtstag in die Junge Union eingetreten« Ich wusste gar nicht, dass unser Geldkofferfan noch Kanzler ist, und die Unfähigkeit, schlimme Jugendsünden (nämlich wg. Helmut Kohl in die CDU eingetreten zu sein) zu überwinden, macht Kristina Köhler für die Wahl als Kandidatin nicht geeigneter. Fazit: Unwählbar.

Für Bündnis90/Die Grünen geht Matti Seithe an den Start. Matti überzeugt mit vollem Einsatz, klaren Programmansagen und einem amüsanten Wahltagebuch: »Anna Lührmann, unsere Vertreterin in dieser Diskussion war echt gut. Sie nahm sich an richtigen Stelle einfach selbst das Wort, sie war auf einer 0-10 Zickigkeitsskala maximal bei einer 1,5, wobei meine Wiesbadener Gegenkandidatin Kristina Köhler hier schon jenseits der 7 lag.«

Auch die Linkspartei hat mit Hartmut Bohrer einen Kandidaten aufgestellt, auf seiner Website komme ich aber kaum mit der Aufnahme der vielen Informationen nach. Da der gute Mann auch sonst nicht gerade durch eine lokale Omnipräsenz überzeugt, wollen wir ihn nicht durch eine unvorsichtige Stimmabgabe mit Gewalt ins Rampenlicht zerren …

Bleibt noch ein weiterer junger Kandidat, Eric Starke von der FDP. Bei ihm erstaunt, dass er erst im Mai eine eigene Firma gegründet hat, aber nun, fünf Monate später, schon die Zeit findet, sich in den Bundestag zu verabschieden… Programmatisch und optisch ist Eric Starke ein klassisches Produkt seiner Partei und derartig »typisch FDP«, dass schnell klar wird: Den wählen wir nicht.

Die Entscheidung fällt somit zwischen Matti Seithe und der »Roten Heidi«. Politisch tendiere ich zu Matti, andererseits gilt es, eine Direktwahl von Kristina Köhler zu vermeiden, so dass eigentlich aus taktischen Erwägungen eine Wahl von Heidi geboten scheint. Schwierig! Darüber muss ich noch bis Sonntag problematisieren …



11 Kommentare



Sven am 2005-09-14 02:00:13 +0200:


Unum noris omnes. Ich will’s mal so ausdrücken: wirklich ungeeignet kann eine Dilthey-Abiturientin in politischen Fragen gar nicht sein. Vielleicht nicht so locker-flockig und amüsant wie der grüne Matti, aber gänzlich unwählbar macht sie ihre dunkle Kohl-Sympathie nicht – die 14jährige Krissi.

Wer sich unlängst ebenfalls über derartige Lapalien mokiert hat, war Frau Merkel. Und sie wurde ganz zurecht mit einem “Ja, werfen Sie mir doch noch meine Kindheit vor!” zu mehr Sachlichkeit verdonnert.

Christian am 14.09.2005:

Bezüglich des “noch Kanzler”: Ich glaub, Bundeskanzler ist so ein Titel, den man sein Leben lang tragen darf, nur halt mit dem sympathischen “a.D.”-Anhängselchen hinten dran :-)

tzwaen am 14.09.2005:

Da der “sven” vom ersten Kommentar keine genaueren Angaben hinterlassen hat, erwähne ich mal, dass ich ihn nicht geschriebe habe. Sonst entstehen noch irgendwelche Missverständnisse und dies wollen wir ja nicht ;-)

Sven am 14.09.2005:

Ich bin auch ein anderer Sven. Und Leute, die mit 14 wegen eines dicken, älteren Herrn feucht im Schritt werden sind mir suspekt. Noch suspekter, wenn ihnen das nichtmal peinlich ist, später, und sowas auch noch selbst rumerzählen.

brrr

tzwaen am 14.09.2005:

Wer hat denn bitte von “feucht im Schritt werden” erzählt? Vielleicht solltest du dir mal die Aussage von Frau Köhler auf ihrer Website etwas genauer durchlesen…

Ralf am 14.09.2005:

Sven, nix Lapalien. Hatte das arme Mädchen denn keine Eltern, die sie vor Dummheiten (in die JU eintreten ;-)) bewahren?

Und bitte die politische Auseinandersetzung nicht unter ein gewisses sprachliches Niveau absinken lassen, Danke.

mr94 am 14.09.2005:

“Herr Bundeskanzler” ist tatsächlich die korrekte Anrede für einen Kandesbunzler a.D. – früher oder später auch für Gerhard Schröder.

Jan am 14.09.2005:

erfrischend, wie polarisierend die blogger vor der wahl werden und nach gusto dinge ins licht rücken, z.b. eigenlob der grünen als “amüsant” darzustellen. schade, das der pauserich.de bei euch nicht kandidiert – DA hättest du was zu schreiben ;)

Ralf am 14.09.2005:

mr94, Danke, wieder was gelernt!

Jan, besten Dank, der pauserich.de ist wirklich gut!

Polarisierung muß sein. Die Wahlentscheidung ist ab einem gewissen Punkt eine “Meta-Entscheidung”, und da wird es dann nicht mehr sachlich.

xwolf am 14.09.2005:

Die Frage, die derzeit nur keiner stellt ist: Sind Stimmen für SPD und grüne nicht verloren? Selbst wenn die beide oder nur die SPD absolute Mehrheit bekommen würden, was würde es im Endeffekt bringen, wenn Beschlüsse doch durch den Bundesrat gehen müssen?

Wie sagte gestern abend jemand so schön: Wir haben die Wahl zwischen Pest und Kollera…

OliverG am 14.09.2005:

Ach, die Kollera kandidiert auch? scnr

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