Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Internet

last.fm verhärmt sich selbst

Last.fm, der in einem früheren Beitrag einmal von mir empfohlene Social-Software-Internet-Radio-Anbieter, hat nun eine sehr hübsch anzuschauende neue Website.

Das ist leider das einzig positive, was von last.fm zu berichten ist. Nachdem der Dienst ohne jede Ankündigung tagelang nicht zu erreichen war, gingen last.fm vorgestern mit der neuen Website online und änderten ihren Dienst radikal. Was vorher ein »normaler« Internet-Stream war, ist nun ein proprietäres Zeug, dass nur noch mit ihrem eigenen Player, den man sich downloaden soll, anzuhören ist. Was das für den Mac-Hörer bedeutet, ist klar: Nix mehr mit Stream per Airport Express drahtlos an die Stereo-Anlage senden.
Aber das Allerbeste: Sie gingen online, ohne Player für Linux und Mac OS X verfügbar zu haben. Ich habe nun, um mal testen zu können, extra die Playstation, äh, ich meine, mein Windows XP hochgefahren, auch der Windows-Player funktioniert nicht, sondern begeistert nur durch eine nie enden wollende Kette von Fehlermeldungen. Update: Gerade habe ich den Player unter WinXP das erste Mal zum Laufen gebracht. Der Player bietet nichts anderes als das Browser-Fenster der alten Site. Sogar weniger, weil man nicht mehr sieht, wessen Stream man gerade lauscht, wenn man im Nachbarschaftsradio lauscht.

Und in den Foren, wo sich harsche Kritik ansammelt (auch von mir, btw.), gefallen sich die Entwickler darin, ihre potenziellen und tatsächlichen zahlenden Kunden anzupflaumen.

Last.fm ist ein Lehrbeispiel eines kleinen erfolgreichen Social-Software-Dienstes, der wachsen wollte und dem weder technisch, noch administrativ, noch intellektuell gewachsen ist. Wir müssen im Auge behalten, dass es sich bei last.fm um eine »richtige« Firma handelt, nicht um ein loses ehrenamtliches Open-Source-Projekt. Man kann nicht sein System umstellen und dabei wissen, dass es nicht funktionieren wird. Man kann nicht »twenty something«-Entwickler als Foren-Support auf die Menschheit loslassen. Und man kann nicht, wenn man von seinen Benutzern auf die Erfolgspur getragen wurde, mit einer »Wir ziehen nun unser Ding durch und Ihr, wenn es Euch nicht gefällt, seid uns sch**ßegal«-Attitüde hausieren gehen.

Schade, last.fm war wirklich eine tolle Sache, aber meine hier ausgesprochene Empfehlung für last.fm muß ich leider zurück ziehen. Last.fm hat sich erledigt. Selbst erledigt. Und ich bin froh, dass ich nur bis September »donated« habe.



11 Kommentare



Michelle am 11.08.2005:


O Mist, ich mochte den Dienst! Da muss ich wohl gleich mal vorbeisurfen und mir das Ärgernis selbst anschauen:(

Andrea am 11.08.2005:

Sie gingen online, ohne Player für Linux und Mac OS X verfügbar zu haben.


…oder die Profile der Teammitglieder.

Da ich die Radiofunktion sowieso nie wirklich genutzt habe, macht mir der Relaunch nicht sooo viel aus, aber die Art und Weise war wirklich mehr als unglücklich. Für statistische Zwecke, Empfehlungen usw. ist der Service ja immer noch zu gebrauchen; nur schneller ist die Site leider nicht geworden.

Lummaland – das Weblog am 12.08.2005:

Trackback von Lummaland – das Weblog:
last.fm: das war es dann wohl

last.fm hat still und heimlich einen Relaunch gemacht, der auf den ersten Blick sehr chic wirkt. Auf den zweiten Blick sieht man, dass man ab sofort einen last.fm-Player benötigt, um sich die Radio-Streams anzuhören. Ach ja, für den Mac gibt es noch keinen.

Damit endet dort jetzt meine Mitgliedschaft, das ist mir zu doof. Es gibt zwar jetzt auch Tagging und so, alles ist nett bunt, aber ich habe null Interesse an einem weiteren Playerdingens, wenn man doch vorher einfach Itunes nutzen konnte.


[siehe auch: das Netzbuch: last.fm verhärmt sich selbst]

Moe am 12.08.2005:

Wirklich sehr ärgerlich, davor konnte man last.fm mittels plugin komplett über Winamp steuern, und nun so ein Murks. Kann man jetzt wohl wirklich vergessen.

ameisendorf.de am 12.08.2005:

Trackback von ameisendorf.de:
Was macht Last.fm da?

Wie bei Ralle schon zu lesen war, hat Last.fm einen fetten Relaunch hingelegt. Optisch hat sich einiges getan, alles sieht jetzt etwas stimmiger aus und mein subjektiver Eindruck ist, dass die Seite…

Bernd am 2005-08-12 21:48:14 +0200:

Ich bin zufällig per google auf Deine Seite gestoßen, Dein Urteil erschließt sich mir aber nicht ganz. Ich hab last.fm erst in den letzten Tagen kennengelernt, und ich muss sagen, dass das Prinzip wirklich genial ist. Der Linux-Player ist sogar komplett im Source-Code vorhanden, und wenn ich mir die Lizenz ansehe, müsstest Du theoretisch sogar ein Plugin für einen anderen mp3-Player basteln können. Wo also ist das Problem?

felix am 13.08.2005:

hmm, die fakten sprechen gegen deine theorie. mehr listener als eh und je. was bedeutet das wir genau das erreicht haben was wir wollten, sicher stellen das alle leute die wollen auch koennen. weil frueher hat nur eine elite die m3u externer player combo zu laufen gebracht, vorallem weil WMP unser system ablehnt und den alle welt installiert hat. zum thema features der player sollte genau nur das machen was der webplayer auch konnte, aber halt fuer mehr leute, installieren ist einfacher als konfigurieren. die neuen technischen moeglichkleiten die uns daraus erwachsen moechte ich garnicht erst erwaehnen. ich wuerde den titel dieses posts eher “last.fm lernt laufen” nennen.

Thomas am 2005-08-13 23:51:18 +0200:

Ich kann eure Kritik verstehen, aber ich nutze Last.fm unter Linux und der propietäre Player funtkioniert einwandfrei. Die Steuerung über Webinterface hat mich immer genervt und auch andere Möglichkeiten stellten mich nicht zu frieden. Gut also der Player (für mich). Der Client steht mit Quellcode offen, evtl. taucht mit der Zeit ja doch noch ein Plugin für diverse Player auf, sofern das technisch möglich ist.
Die Musik ist auch irgendwie treffender ausgewählt, evtl. haben sie da was geändert.

Ich bin jedenfalls begeistert von den Verbesserungen.

Thomas am 2005-08-14 00:24:45 +0200:

Denkbar wäre doch ein Last.fm Daemon/Core, der als eine Art Shoutcast Server auf einem Rechner läuft. Dann kann man auch wieder alle möglichen Player (inkl. Airport Express) verwenden. Ist vielleicht nicht so sauber, aber wäre eine Möglichkeit.

Ralf am 15.08.2005:

Bernd, klar ist das Prinzip genial, deshalb habe ich last.fm ja auch einstmals empfohlen. Aber die Ausführung mit dem eigenen Player ist daneben, und ich fange bestimmt nicht an zu basteln und zu programmieren um Musik zu hören, denn dazu gibt es genug Dienste im Web die auf traditionellem Weg ihre Musik anbieten.

Thomas, viel zu viel Act, warum so einen Aufstand um Musik zu hören?

Felix, das liegt wohl an der allgemeinen Berichterstattung allenthalben über den last-fm-Relaunch. Fakt ist, dass der proprietäre Player erheblich weniger Komfort und Funktionalität als ein richtiger Player bietet. Was ja auch die Reaktionen in der deutschen Blogosphäre zeigen. Dass es da draußen sehr viele (vornehmlich Windows-)User gibt, die mit der “Komm, ist doch egal, ein Programm mehr oder weniger installieren macht doch nix”-Devise durch’s Leben gehen (ich darf die Folgen im Bekanntenkreis mitunter richten, he he), ist klar, und wenn das Eure Zielgruppe ist, dann viel Erfolg!

Bernd am 2005-08-15 14:15:17 +0200:

Hallo Ralf,
die Lizenz ist – glaub ich – BSD-artig. Nun ja, Du musst nicht selber was basteln, ich könnte mir vorstellen, dass es ein paar Leute gibt, die aus dem Code ein Browser- oder xmms-/winamp-/was-auch-immer-Plugin basteln. Der Gag ist doch gerade die Interaktion zwischen dem Anbieter (last.fm/Audioscrobbler) und dem User, das bieten nach meinem aktuellen Wissensstand die wenigsten Dienste (kenne itunes nicht gut genug, wie ist es eigentlich da?).
Zudem ist es die erste Version des Players, das ganze scheint doch ausbaufähig zu sein. Die Arroganz-Attitüde der Entwickler ist nicht ganz nachvollziehbar, aber ich kann mir vorstellen, dass die bei allzu harscher Kritik auch selber scharf zurückschiessen (und wir alle kennen den rauhen Umgangston in diversen Foren). Schließlich steckt hinter dem ganzen Projekt eine Menge Arbeit, wobei die Programmierung des Players bestimmt noch am einfachsten war!

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