Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Linux Ontour

LinuxTag 2005 - Tag 3: »Was bedeutet Freie Software«

Georg Greve Der erste Vortrag des Samstags, des dritten Tags des freien Vortragsprogramm, wollte eine Antwort auf die Frage geben: »Was ist Freie Software?« Georg Greve, Präsident der FSF Europe, und bestens bekannt aus seiner »Brave GNU World«-Kolumne in verschiedenen Linux-Publikationen, hatte sich zur Beantwortung dieser Frage Verstärkung geholt: Federico Heinz von der argentinischen Freie Software Organisation Vía Libre versuchte sich zunächst auf Englisch, traf damit aber erstaunlicherweise auf Widerstand im Publikum und setzte seinen Vortrag in perfektem Deutsch fort.
Federico Heinz
Da man es einer Software nicht ansieht, ob sie frei oder unfrei ist, gibt es vier Kriterien, die eine Software frei machen:

Die Freiheit, sie nach Belieben zu benutzen. Beileibe keine Selbstverständlichkeit, wie das von Federico angeführte Beispiel eines HTML-Editors, der in seinen Benutzungsbestimmungen die Verwendung für Websites, in denen das Produkt kritisiert wurd, untersagt.

Die Freiheit, die Software zu studieren. Quelltextoffenheit, ein wichtiges Kriterium, wenn der Quelltext nicht mitgeliefert wird, weiß man auch nicht genau, was diese Software eigentliche genau macht. Und man hat die Möglichkeit, sie bei Bedarf zu verändern, Federico: »Wenn wir Software nicht an unsere Bedürfnisse anpassen können, verlieren wir die Selbstbestimmung in der Datenverarbeitung.«

Die Freiheit, kopierte Software zu verteilen. Der soziale Aspekt. Die Nutzungsbedingungen unfreier Software, die mir unter Strafandrohung verbieten, von mir benutzte Software weiter zu geben, schränkt die Freiheit ein, solidarisch zu sein. Der Reichtum, den ein Programm darstellt, wird künstlich begrenzt, weil jemand seinen Reichtum maximieren möchte.

Die Freiheit, das geänderte oder verbesserte Programm weiter zu geben.

Diese Freiheiten sind nicht selbstverständlich. Federico, der einen Hang zu zitierfähigen Ausführungen hat, drückte es so aus:»Freiheit ist eher seltzen gratis, Freiheit muß erkauftft werden, Freiheit muß erkämpft werden.« Es gibt genug Organisationen und Unternehmungen auf dieser Welt, denen die pure Existenz Freier Software ein Dorn im Auge ist, da sie ihre eigenen auf Profitmaximierung ausgelegten Software-Unternehmungen stört. Zur Unterstützung der Freien Software gibt es daher bereits seit 1985 die Free Software Foundation, und seit 2001 einen europäischen Ableger, die FSF Europe. Und als nächstes, gerade im Aufbau, die FSF Lateinamerika. Diese unterschiedlichen FSFs sind übrigens nebeneinander und voneinander unabhängig, nicht hierarchisch, organisiert.

Die FSF-Europe setzte übrigens weltweit zum allerersten Male gerichtlich die GPL gegen ein Unternehmen durch.

Was ist freie Software?

Zum Abschluß berichtete Fernanda Weiden aus Brasilien (auf dem Bild in der Mitte) über die Zusammenarbeit der Freie Software-Aktivisten in Brasilien mit der Regierung. In deren Büros findet man keinen Rechner, der unfreie Software einsetzt. Erstaunlicherweise können sie ihren Aufgaben dort nachkommen, ohne ein Word oder Excel. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge, den beamteten IT-Verantwortlichen einer typischen deutschen Behörde, das Wort Industriestandardkompatibilität wie eine Monstranz vor sich her tragend.



4 Kommentare



andI am 2005-06-26 22:18:52 +0200:


Wie nicht anders zu erwarten ein kurzer Kommentar zum letzten Absatz.
Du irrst gewaltig, mein lieber Ralf. Nicht umsonst werden im Bund und in vielen Bundesländern, so z.B. auch in Brandenburg, momentan Open Source Projekte mit Vehemenz voran getrieben. Knappe Kassen und nicht Ideologie sind da zwar der Auslöser, aber das soll um der Sache Willen erstmal egal sein. Die Stadt München stellt gerade auf Linux um und die Polizei Niedersachsen nutzt schon seit einiger Zeit Linux. Es werden viele folgen, so viel ist sicher.
Im Übrigen sind die IT-Verantwortlichen, die ich kenne, mitnichten Beamte. Und das ist auch gut so. Schon wegen der Monstranz…;-)

Ralf am 26.06.2005:

Das freut mich zu hören aus berufenem Munde, mein lieber andI. ;-) Und hoffentlich werden wirklich viele folgen, das wäre doch etwas wenn die öffentlichen Anwender den zögerlichen Unternehmen (was OpenSource angeht) voraus gehen würden und sich als “Avantgarde” präsentieren. Meine Erfahrungen aus der Vergangenheit sind zwar ein wenig anders, aber Zeiten ändern sich, manchmal!

andI am 2005-06-27 00:11:22 +0200:

Eins darf man dabei nicht vergessen: Ich will den IT-Verantwortlichen einer Behörde sehen, der über die Verwendung bzw. Art von Standardsoftware zu entscheiden hat. Bei uns in Westsibirien gibt`s dafür Landesstandards. Nicht umsonst haben wir bis zum St. Nimmerleinstag Word Perfect verwendet und waren beim Datenaustausch mindestens geächtet…;-)
Den Government-Sektor als Avantgarde oder gar Schrittmacher in dieser Beziehung zu sehen – so weit würde ich weiß Gott nicht gehen. Es gibt ein paar leuchtende Beispiele, viele denken drüber nach und irgendwann werden sie folgen. Aber das braucht, wie so vieles in unserer Branche, viiieeel Zeit. Aber die Zeiten waren für Open Source nie so günstig. Das ist eine der wenigen guten Seiten der Haushaltslöcher.
Ich werde aber irgendwie den Gedanken nicht los, das man in Redmond dafür auch schon einen Plan geschmiedet hat. Nach der letzten Umstellung der Softwarelizensierung sind denen ja auch schon ernorme Proteste und Desinteresse entgegen geschlagen und siehe da – man war plötzlich halbwegs flexibel…aber immernoch sauteuer…;-))

Ralf am 29.06.2005:

Ich denke, Redmond setzt da an, wo die Landesstandards festgeklopft werden, da verfügen sie auch über hinreichende Erfahrung. ;-)

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