Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Weblogtalk Weltalssolche

Journalisten erklären uns die Welt

Wir alle wissen ja: Nur richtige Journalisten sind durch ihre fundierte Ausbildung in der Lage, uns die Welt zu erklären und aufzupassen, dass in der demokratischen Ordnung alles seinen geregelten Gang geht. Schauen wir uns doch mal die glorreiche Ausbeute des heutigen Tages an.

Da wäre zunächst einmal ein Artikel bei der Deutschen Welle mit dem schönen Titel »Die wunderbare Welt der Photoblogger«, in dem uns Winnie Ya Otto erklärt: »Photoblog ist die englische Bezeichnung für ein Internet-Fototagebuch. Der Begriff setzt sich zusammen aus ‘photo’ (englisch für Foto), ‘b’ (Abkürzung für web) und ‘log’ (für Buch). Ein Photoblog ist also eine Variante des Weblogs, bei der die Darstellung von Fotografien im Vordergrund steht.« Wer hätte das gedacht? ;-) Ein Weblog ist also gemäß dieser Erklärung ein Wewebbuch … Der Artikel schlug übrigens schon lange vor seiner Veröffentlichung Wellen in der Blogosphäre (gefunden bei Martin).

Weiter, nächstes Opus. In der Süddeutschen Zeitung erklärt ein Helmut Martin-Jung in seinem wirklich grottenschlechten Artikel »Die große Bühne der Einsamen« uns Weblogger kurzerhand zu sozial vereinsamten Psychotikern, die alle an der Grenze zur sogenannten Internet-Sucht balancieren. Und zitiert ausgerechnet jene notorische »Expertin« Gabriele Farke, die sich seinerzeit mit einem der längsten Kommentare in der Geschichte des Netzbuchs unsterblich machte. Zu der sogenannten Internet-Sucht habe ich bereits im Mai letzten Jahres alles gesagt. Bleibt noch, den Schockwellenreiter zu zitieren: »Und nach diesem Artikel braucht mir keiner mehr mit ‘journalistischen Standards’ zu kommen. Unter diese Meßlatte kommt selbst das schlechteste Weblog nicht durchgekrochen. Süddeutsche, schäme Dich…«

Und dann ist da noch jene Story beim WDR vom angeblichen C64, der im Dortmunder HBf ausgefallen war, der in Wirklichkeit ein 80286er mit dem M$-Unix Xenix war (via Hugo). Eine richtig schöne Ente!

Lasst uns also stolz sein auf unsere gut ausgebildete, professionelle und kenntnisreiche Journaille. Wenn man bedenkt, dass es sich bei den drei Artikeln um DW, die Süddeutsche und den WDR handelt (nicht um Unterschichtenfernsehen oder Bild), lässt sich das ganze Elend hinter den Zeitungs- und Webseiten, Fernsehbildern und Radiotönen erahnen. Im Grunde hat der professionelle Journalismus Konkurrenz von bloggenden Amateuren bitter nötig!



9 Kommentare



jo am 2005-02-18 10:08:50 +0100:


naja, soviel zum thema splitter im auge des anderen. dieser beitrag macht das, was er bei anderen kritisiert: einzelfälle rauspicken, verallgemeinern und daraus ein urteil für alle bilden. ist das die qualität und meßlatte der blogosphäre? es wäre wohl genauso leicht zehntausende blogs zu zitieren, die journalisten oder der blogosphäre “die welt erklären” und dabei ähnlichen senf verzapfen. die frage ist: geht es hier um konkurrenz oder die gemeinsame suche nach qualitätsverbesserung?
dieses ewige und überwiegend polemische journalisten-bashing nervt – und ist im höchsten maße unproduktiv. sorry, diese art erinnert mich eher an kindergarten.

Ralf am 18.02.2005:

Da hast Du natürlich einerseits Recht, jo. Andererseits ist ja ein Weblog gerade ein Forum persönlicher Kommentierung, und wenn so etwas a einem Tag geballt auftritt, kann man schon mal alle über einen Kamm scheren.

Generell fällt mir in der Profi-Journaille auf, dass bei Themen, wo ich es beurteilen kann, in den meisten Artikeln und Beiträgen bis an die Grenze zum Falschen simplifiziert wird, und ich glaube auch nicht, dass jeder Artikel in einem “normalen” Medium zwangsläufig oberflächlich sein muß. Über die GRünde kann man spekulieren. Entweder, die Damen und Herren Journalisten wissen es auch nach Recherche nicht besser, oder sie halten ihre Leser für zu dumm, etwas zu verstehen was nicht kaputt-simplifiziert worden ist. Beides nicht gerade gut. Finde ich.

jo am 2005-02-18 12:05:56 +0100:

veto! jeden tag taucht auch im netz geballter senf auf – deswegen alle über den kamm scheren? das macht kritiker nicht glaubhafter. also obacht mit den eigenen emotionen, wenn man seriös bleiben will (eigene meinung hin oder her).
das zweite: simplifizieren gehört zum geschäft. journalismus hat nichts mit wissenschaftlichen aufsätzen zu tun – und das ist auch gut so (letztere liest kaum einer gerne). journalisten picken sich meist einen aspekt raus – und den vertiefen sie dann. klar, machen sie dabei auch fehler (journalisten sind auch nur menschen). ich gehe davon aus, dass dahinter zu 99% nicht absicht steht, sondern schlicht unverständnis. journalisten arbeiten oft unter zeitdruck und müssen sich in ständig neue themen einarbeiten. wenn man da an den falschen “experten” gerät, stehts anschliessend auch falsch im blatt. darf nicht sein – weiss ich – kommt aber vor. und: bei vielen einschätzungen gibt es mehr als eine meinung. wenn sich der journalist nach abwägung aller argumente für eine seite entscheidet, poltern üblicherweise sofort die anderen “scheiss artikel”. wer hat recht? es wird keiner gezwungen, sich der meinung eines autoren anzuschliessen (ich teile die einschätzung dieses blog ja auch nicht), trotzdem finde ich es wertvoll durch solche diskussionen intellektuell angeregt zu werden – und mir dann besser eine eigene meinung zu bilden. die frage ist: wäre ich dahin gekommen, wenn es den “schlechten” artikel nicht gegeben hätte?
diese art wie in blogs diskutiert wird, erinnert mich doch sehr an erstsemestler: “wer nicht meiner meinung ist, ist scheisse”, schreibt einen schlechten blog, einen miesen artikel, hauptsache dumm. dabei werden aber nie wirklich argumente diskutuert, sondern nur polemisiert. und ich denke, wenn blogger an der stelle nicht reifer werden, werden sie irgendwann auch nicht mehr ernst genommen. und das wäre schade. ich sehe nämlich durchaus grosses potenzial darin.

leteil am 18.02.2005:

blogger müssen keine qualität liefern; sie dürfen viel flachen senf verzapfen, was die meisten – wie ich etwa – fast dauernd tun. und manchmal kommt auch etwas richtig gutes dabei raus. muss nicht. kann aber. und (fast) alle freut’s.

Nicole am 20.02.2005:

Die sind alle nur neidisch, dass sie es nicht schaffen, auch ein “BLOG” einzurichten, ohne sich irgendwann selbst zu verraten ;).
Grisnende Gruesse aus Korea, weit genug weg vom deutschen Wahnsinn ;)
Nicole

jo am 21.02.2005:

also wenn die erkenntnis der blogger ist, dass sie sowieso mehrheitlich “flachen senf” verzapfen, dann verstehe ich die hetze gegen journalisten nicht. was soll?! mit derlei anspruch kommt man sich sicher nicht in (sowieso nichtvorhandene) gehege.

neri am 2005-02-22 12:55:58 +0100:

Beim ersten Lesen auf einem Browser mit viel zu kleinen Fonts hatt ich erst “Juristen erklären und die Welt” gelesen. So nervig einige Exemplare aus der schreibenden Zunft auch sind, die Alternative wäre ärgerlicher—glaube ich

Mo am 23.02.2005:

Das Veto von jo unterschreib ich. Nichtsdestotrotz ist deine Analyse ja nicht verkehrt, Ralf. Nur: Beim Spekulieren über die Gründe hast du einen vergessen. Für guten Journalismus wollen immer weniger auch bezahlen.

Ralf am 23.02.2005:

Auch wenn ich das Veto akzeptieren kann ;-): Notwendiges Simplifizieren darf nicht dazu führen, dass ein Text sachlich falsch wird, was leider viel zu oft passiert. Die Frage ist: Wie kann man einen Dialog zwischen Journalismus (oder besser, den Teil, der daran Interesse hat) und Webloggern anstossen, ohne sich in den konkreten Einzelfall zu verbeissen?