Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Internet Denken

Analog und Digital, Ordnung und Zufall. Eine Link-Collage.

Man hat ein paar Websites in seinen Browser-Tabs, denkt sich: »Irgendwie gehören die jetzt zusammen in einen Beitrag vereint!« Man hat aber kein Konzept, keinen roten Faden, sondern tippt einfach so drauf los. Der Zufall soll es komponieren!
»Geben Sie dem Zufall eine Chance«, sagt Apple auf der deutschen Website, »Random is the New Order« heisst es auf der amerikanischen Site, beides bezogen auf den neuen iPod shuffle. Zufallsauswahl als Way Of Life! Wer schon mal programmiert hat, der weiß, dass Computer sich mit dem Prinzip Zufall eigentlich schwer tun, einen guten Zufallsgenerator zu entwickeln ist schon eine Herausforderung. Wir geben uns Mühe, mit Hilfe all’ unserer digitalen Gerätschaften Ordnung und Kontrolle in unser Leben zu bringen. Konsequenz: Es mangelt an Zufall! Dieser kommt zurück – mit einem weiteren digitalen Gerät! Das schreit förmlich nach einer problematisierenden Betrachtung, Dan Hill von »City Of Sound« liefert sie in seinem Artikel »The rise and rise of shuttle mode« (Hervorhebung von mir): »I think the preference for randomness may also be about something else though – the increased preference for collage. Much of the 20th century’s art and culture could be seen as tending towards collage in form (e.g. photomontage, cubism, pop art, tape loops, multitrack recording, hip-hop culture, sampling, mixtapes, Ocean of Sound, filters, quotations, hyperlinking, blogging, Photoshop, layering, aggregators, adaptation, recombination, reappropriation etc.). I think Brian Eno (him again!) said that being a curator was a key late-20thC pursuit: ‘An artist is now a curator. An artist is now much more seen as a connector of things, a person who scans the enormous field of possible places for artistic attention, and says, What I am going to do is draw your attention to this sequence of things. […]’« Der Blogger fügt sich ein in den Kunst-Mainstream unserer Zeit! Sichten, zerschlagen, neu zusammenfügen – der Blogger als Remixer, als Künstler. Alles Collage. Zuviel der Ehre, denke ich. Und die sozialen Auswirkungen der Neukomponierung des digitalen Outputs der Welt mit zufallsgesteuerten Gadgets? Deren Beachtung mahnt Anne Galloway in ihrem exzellenten Artikel »Simplicity, control and lessons from Apple« an.

Intermezzo – Analoges vom Allerseltsamsten: Francis Bacon Image Gallery (via things magazine).

Apropos Analoges im Digitalen Zeitalter: Mike Rohde arbeitet an einem Moleskine für proj: exhibition, eine Ausstellung für »künstlerisch wertvolle« Molekines im nächsten Monat in Hong Kong. Das Bild oben zeigt eine besonders interessante Seite daraus, Mike hat seine digitalen und analogen Werkzeuge zur Verschönerung und Bewältigung des Lebens aufgemalt!
Mike Rohde hat, gemeinsam mit Armand Frasco von Moleskinerie, ein neues Weblog ins Leben gerufen: »Journalisimo«. Motto: »Back to Analog!« Denn allein die reine Hardware-Lösung, Stift und Papier, ist so »ubiquitär«, wie es uns die Philosophen des Internets einst für jenes zugesagt haben. Dass ausgerechnet jene, die zumeist professionell mit und im Internet arbeiten, zunehmend »zurück zu Analog« gehen, spricht Bände. Vgl. Journalisimo: »Paper vs. PDA«.

Nach so viel Problematisiererei brauchen wir noch etwas Erholung: »fire of love« präsentiert Fingerprintz mit Tough Luck, (Zitat) »Sadness, despair and lovesickness that hurts.«
Na, wenn das nix ist, so am Abend … ;-)



4 Kommentare



Balbina Laye am 20.01.2005:


Da wird ja klammheimlich das Orakel wieder eingeführt! Aber warum nicht!
Ich denke nicht, dass es einen “Zufall” gibt und deshalb werden die “zufällig” gefundenen Sites schon irgendetwas über den Betrachter aussagen, da er sie aufgrund von Synchronizitäten auswählt, auch wenn es ihm nicht bewusst ist.

Balbina Laye am 20.01.2005:

error—Ich denke, dass es keinen Zufall gibt….

Mike Rohde am 21.01.2005:

Hallo Ralf!

Thanks for the kind mention on your blog. I know enough Deutsch to be dangerous, so I should really send your comments through Google, but I think I get the general idea. :-)

Really glad to hear you’ve enjoyed the sketches and Journalisimo.

Keep up the great work you’re doing here.

Servus,

Mike

Ralf am 21.01.2005:

Balbina, “zufällige Auswahl” am CD-Regal – kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es das gibt. Die “Zufallsauswahl” eines iPods aber wird vor allem vom Zufallsalgorithmus des Entwicklers der Software bestimmt.

Mike, thanks! :-) The deeper I dig into everything digital, the more I refer back to analog. I’m looking forward to read about that in Journalisimo. BTW, the Moleskine-page with your tools features a similar setup to mine, this was what caught my eye.