Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Ramadan - Futter für die ungesunde Volksseele

Na, da hat Christian Ströbele dem so genannten gesunden Volkempfinden mit seinem Vorschlag zur Einführung eines moslemischen Feiertags in Deutschland ja mal richtig was zum Echauffieren geliefert. Nicht nur das Blatt mit den vier großen Buchstaben, sondern auch Stimmen aus der Blogosphäre reflektieren den Sachverhalt polemisch bis konstruiert sachlich.

Da eine demokratische Republik per se neutral gegenüber allen Religionen und Weltanschauungen zu sein hat, gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, der gegen einen moslemischen Feiertag sprechen würde. Argumente der Art »in Saudi-Arabien gibt es auch keinen Ostermontag« gehen meterweit an der Sache vorbei, denn man kann eine demokratische Republik nicht mit einer monarchistischen Klerikaldiktatur vergleichen. Es spricht hingegen sehr viel gegen religiöse Feiertage als solches, ich bin sowieso der Ansicht dass die Gekreuzigtensekte in ihren beiden institutionell organisierten Ausprägungen in diesem unseren Lande viel zu viel Einfluss hat. Ob Rundfunkrat oder in den euphemistisch Jugendschutzgremien genannten staatlichen Zensurausschüssen, überall hängen Vertreter der Kirchen herum, wieso? Also, weg mit allen christlichen Feiertagen, wer seinen Glauben ausüben möchte, kann an diesen Tagen Urlaub nehmen. Hey, Rogowski wird mich lieben für diese Idee!

Übrigens, das gesunde Volksempfinden bereitet mir mehr Unbehagen als alle moslemischen Haßprediger zusammen, darum bin ich im Zweifel schon alleine deshalb für Ströbeles Idee, weil das Volksempfinden dagegen ist …



8 Kommentare



Dave-Kay am 17.11.2004:


Zur Erklärung meines polemischen Beitrages zu dieser Idee: Ich bin gegen JEDE Art religiöser Feiertage, nicht zuletzt, weil sie suggerieren, welchem Glauben wir uns anzuschließen haben. Der Glaube ist meiner Auffasung nach völlig frei wählbar und Religionsunterricht muss für jede Glaubensausrichtung verfügbar nicht aber Pflicht sein.
Eine Integration andersgläubiger Menschen funktioniert meiner Meinung nach nicht über die Schaffung eines eigenen Feiertages, welch Unfug ist das denn bitte?
Integration heißt auch, dass der zu integrierende, den Willen mitbringt integriert zu werden und da sehe ich weitaus mehr Potential als an allen anderen Stellen.

Sencer am 17.11.2004:

@Dave-Kay:
>Eine Integration andersgläubiger
>Menschen funktioniert meiner Meinung
>nach nicht über die Schaffung eines
>eigenen Feiertages, welch Unfug ist
>das denn bitte?

Assimilation ~ das eine passt sich ans andere an.
Integration ~ beides verändert sich so, dass es zusammen passt, und ein neues ganzes ergibt.

>Also, weg mit allen christlichen
>Feiertagen, wer seinen Glauben
>ausüben möchte, kann an diesen
>Tagen Urlaub nehmen.

Finde ih auch gut die Idee. :) Problematisch könnte es allerdings werden, wenn sehr viele Menschen zum gleichen Zeitpunkt Urlaub machen wollen. Irgendwann macht es keinen Sinn mehr den Betrieb noch offen zu halten, und wer will schon MA dazu zwingen an Feiertagen zu arbeiten…
AFAIK gibt es ja auch eine ganze Reihe von Betrieben, die während der Schul-Sommerferien ebenfalls parallel zumachen.

Frank am 17.11.2004:

>Also, weg mit allen christlichen Feiertagen, wer seinen Glauben ausüben möchte, kann an diesen Tagen Urlaub nehmen.

Diese Idee würde bei Herrn Eichel wohl auf vollste Zustimmung stossen. Ich hatte schon eine ähnliche Überlegung, wenn auch in andere Richtung: christliche Feiertage gefälligst auch nur für Christen – soll doch das ungläubige Volk Urlaub nehmen, wenn es freihaben will. Da aber der Herrgott die Sonne über Guten wie Bösen scheinen läßt, gibt auch Vater Staat allen Bürgern – unabhängig von ihrer Weltanschauung – frei, was dann wieder allen zugute kommt. Insofern haben Feiertage auch für Nichtchristen etwas praktisches. Außer für Leute wie mich, die sowieso jeden zweiten Feiertag arbeiten gehen müssen.

Boris am 17.11.2004:

Merkwürdige Diskussion da jetzt losgebrochen. Naja, ich hatte mich ja auch mit einem Beitrag beteiligt. Und jetzt?

Ströbele hat merkwürdige Illusionen, und Eichel und Rogowski geht das Ganze eigentlich gar nichts an. Feiertage sind immer noch eine gesellschaftliche und keine wirtschaftliche Frage. … warten… … … Nein! Sind sie eben nicht!

Ralf am 18.11.2004:

Wir können uns ja am guten alten Robespierre ein Beispiel nehmen und einen religionsneutralen “Feiertag des höchsten Wesens” einführen, an dem Tag denkt dann jeder, je nach Vorliebe, an Jesus, Mohammed oder Steve Jobs. Damit wären alle Probleme gelöst. ;-)

Frank am 18.11.2004:

Würde zum Beispiel Robespierre nicht eher ein “Tag der Guillotine und der rollenden Köpfe” passen?

Dirk am 18.11.2004:

Den meisten Bewohnern Deutschlands (mich eingeschlossen) sind die christlichen Feiertage herzlichst egal, zumindest der christliche Bezug. Hauptsache ein Feiertag und nicht arbeiten müssen. Wie ein Freund von mir sagte: “Mir ist egal, warum ich an dem Tag frei habe”.

Meinetwegen kann auch ein Großteil der Feiertage abgeschafft werden – bis auf Weihnachten und Ostern, der Kinder wegen (ne, ich hab keine, aber das würd allen das Herz brechen).

dave am 21.11.2004:

Schliesse mich der “Hauptsache mehr Feiertage”-Fraktion an.

Im übrigen bin ich auf deinem Blogg gelandet, da ich deinen Eintrag zum Thema “Bloggen als Sucht” auf Bloggosphear.org ziemlich witzig fand. Ich bitte deshalb um einen Eintrag auf meinem Weblog zum Thema: “Internetpornografie als Sucht”

Gruss
Dave