August 2006

Weblogtalk

Die Schönheit der Chance

Web-Montag in Stuttgart

Man ist seinem Ruf einiges schuldig. Darum führte die nächste Station der Web-Montag-Tournee nach Stuttgart, für mich persönlich die dritte Web-Montags-Stadt nach Frankfurt und Karlsruhe. Jeder Web-Montag hat seinen ganz eigenen Charakter. Frankfurt ist das Geek-Treffen im alternativen Ambiente der Brotfabrik, Karlsruhe das Familientreffen der lokalen Szene, die sich im Prinzip sowieso kennt, und Stuttgart erinnert an eine akademische Veranstaltung.

Natürlich gab es auch Vorträge, die Jan Theofel, als Mann mit Notebook und Netz-Verbindung zum Live-Protokollanten ausgeguckt, bravourös live mitgebloggt hat.

Dirk Baranek, Online-Journalist, eröffnete den Abend mit einem Vortrag zum Thema Online-Journalismus. Und präsentierte sein angeblich wichtigstes Arbeitsgerät (nein, nicht Strg-V bzw. Apfel-V ;)): Ein prächtiges altes analoges Telefon mit Wählscheibe. Kenne ich noch aus eigener Nutzung, wir hatten ja damals nix. Die Präsentation des Telefons symbolisierte mit dem visuellen Hammer, wo die Reise seines Vortrags hingehen sollte: Hier die klassischen Journalisten, bestens ausgebildet und von der eigenen journalistischen Ethik angehalten zu Recherchetiefe, Nachfragen, Zurückstellen der eigenen Meinung und der strikten Trennung von Kommentar und Information. (Es bleibt dem Leser vorbehalten, dieses hehre Bild an der Realität einer beliebigen von Journalisten befüllten Online-Publikation zu überprüfen.) Dort die Blogger in ihrer puren Subjektivität, die sich einbilden, ihr Treiben wäre so etwas wie Journalismus. Was Journalisten können, können nur Journalisten. Das ist wohl die amtliche Sichtweise der Profession. Ich fürchte, Journalisten nehmen das, was derzeit im Web passiert, nicht unbedingt als »Chance« wahr…

Der direkt folgende Vortrag von Oliver Gassner, zum Thema “User Generated Content” passte perfekt dazu. Oliver referierte über die Krisensymptome der Zeitungen, die das Feld des Lokaljournalismus aus Kostengründen nach und nach verlassen. Somit entstehen Städte und Kreise, die keine Medien mit lokalen Themen mehr haben. Im Gegenzug »boomen« Weblogs, alle 18 Monate verdoppelt sich ihre Anzahl. Zeitungsverlage bauen Weblogs in ihre Online-Angebote ein, und lassen sie zumindest teilweise von »Nicht-Journalisten« befüllen. Freiwillige unbezahlte Blogger übernehmen die Rolle der bezahlten Lokaljournalisten. Aber auch ohne Verlag dahinter haben Weblogs Potenzial in den Gebieten, die bisher von Journalisten besetzt waren: Sie können als »Anti-Gatekeeper« fungieren, als Bürgerjournalisten, Watchblogging betreiben oder Agenda-Setting betreiben.
Agenda-Setting? Kein Journalist einer lokalen Zeitung wohnte im offiziellen Auftrag der Veranstaltung bei. Die redaktionellen Gatekeeper haben entschieden: Thema irrelevant. Hier kommen nun die Blogger als Anti-Gatekeeper ins Spiel (Zitat Oliver Gassner): »Wenn wir alle drüber bloggen, haben wir ’nen Effekt.« Und werden wahrgenommen. Agenda-Setting ohne die selbsternannten hauptamtlichen Agenda-Setter!

Diese Gegenüberstellung war für mich der interessanteste Aspekt der Vorträge. Was es sonst noch so gab hat, wie gesagt, Jan bereits bestens zusammengefasst. Generell wirkt der Web-Montag in Stuttgart ein wenig »akademisch« überorganisiert. Man sollte daran denken, dass ein Web-Montag eine Veranstaltung von Mitwirkenden für Mitwirkende ist, und keine »von oben« gesteuerte Veranstaltung, in der ein Zentralkomitee zählt und bestimmt, wie viele technische und untechnische Vorträge gehalten werden dürfen.

webmontag stuttgart webmontag20060731

Mac

Keine Lieder über Uhren


Jeder kennt sie, niemand mag sie, sie preisen Aktien obskurer Klitschen aus Übersee oder Replikas ebenso kitschiger wie hochpreisiger Armbanduhren an: Die Spam-E-Mails, die aus Bildern zu bestehen scheinen, aber weder vom SpamAssassin noch von Apple Mail als Spam aussortiert werden. Und noch viel schlimmer, selbst wenn man eingestellt hat, dass Bilder in HTML-E-Mails nicht automatisch dargestellt werden sollen, leuchten diese Biester einen frech aus dem Posteingang an: Kurz und gut, sie sind ein echtes Ärgernis, das selbst den friedlichsten Benutzer zum axtschwingenden Amokläufer machen kann.

Aber nun nicht mehr, hoffe ich zumindest, denn Hawk Wings, das Problematisierblog Nr.1, wenn es um Apple Mail geht, hat einen Ansatz für eine Regel gefunden, die den lästigen Störenfrieden den Garaus machen soll.

Das Anlegen der Regel ist ein bißchen trickreich, denn Apfel-Userlein muss zunächst eine bestimmte Header-Information für die Regeln zugänglich machen. Dazu klickt man im »Regeln«-Dialog, den man natürlich unter »Einstellungen« findet, in die Auswahl-Box für die Bedingungen und wählt den letzten Punkt, »Header-Liste bearbeiten« aus:

Dann erscheint ein weiterer Dialog, hier muss »Content-Type« engetragen werden:

Jetzt kann man Regeln auf diesen Header hetzen, dazu vervollständige man die Regel nach dem Muster:

Was macht die Regel? Sie schaut nach, ob es einen Header »Content-Type« gibt, der »multipart/related« enthält. Da der Artikel von »Hawk Wings« vor der Möglichkeit von fälschlich als Spam eingeschätzten E-Mails warnt, verschiebt meine Regel die verdächtige Nachricht in den Ordner »Werbung« und versieht sie mit einem dekorativen Hintergrund in Lila, damit man sie leichter in der Liste unerwünschten Gedönses überprüfen kann. Seit ich die Regel habe, kam aber noch keine einzige dieser E-Mails ins Postfach gerauscht. Wen die Resultate interessieren: Einfach auf Updates dieses Artikels achten.

mac spam applemail mail.app

Musik

Landungsbrücken raus

Auf geht’s nach Bonn! Männer mit Gitarren aus Norddeutschland geben sich die Ehre, das Line-Up lässt dem Eingeweihten das Wasser im Munde zusammen laufen. Und die leibhaftigen Weakerthans geben sich die Ehre, Ihr wisst schon, »… als die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang…«

Update: Großartig war’s! Nur dass man am Eingang die Kamera abgeben musste, weil ein großer Eiweißklotz (diese Security-Typen sollte man lieber nicht zur Doping-Probe schicken, dagegen ist Floyd Landis garantiert »clean«) am Eingang das so will, und sie, die Kamera, halt groß und mächtig ist, war ungut. Deshalb auch fast den ganzen Auftritt von Felix Gebhardt alias Home Of The Lame verpasst. Das mit der Kamera hat mich auch während Pale (Daumen nach unten, der Sänger arbeitet wohl an einem Bewerbungsvideo für die Guano Apes mit seinem ständigen infantilen Gehampel) noch geärgert.
Dann kamen aber Olli Schulz und der Hund Marie, und an Kamera habe ich gar nicht mehr gedacht. Nur Olli Schulz bringt eine Menschenmenge dazu, sich freiwillig in den Staub zu knien. Großartiger Bursche. Demnächst kommt übrigens ‘ne Platte vom Hund Marie aka Max-Martin Schröder. Und im November ein neues Album von Olli Schulz.
Dann die Weakerthans, ihren gefälligen Weisen lauschte ich aus der Ferne, wir mussten uns etwas entspannt niederlassen und ein wenig Nahrung zu uns nehmen. Denn Kettcar und Tomte, die danach kamen, verlangen auch dem Publikum alles ab.
Das lakonische Rocken von Kettcar, optisch wie altgewordene Physikstudenten wirkend, ihre Texte voller Seele unter eine Fassade der Kryptik verborgen, reißen immer wieder auf’s Neue mit, auch nach nur einer Woche Pause.
Und dann Tomte. Thees an der Weinflasche nuckelnd, große wirre Reden haltend, um sich dann ob der zweifelnd schauenden Mitmenschen auf und vor der Bühne lieber die Gitarre zu greifen und ein großartiges Stück zu spielen.
Schönes Festival, und wie immer bei Konzerten mit Bands der Indie-Männer-mit-Gitarren-Fraktion, eine entspannte, friedliche proletenfreie Atmosphäre. Wie pflegt Marcus Wiebusch immer zu sagen: »I will remember!«

Update 2: Auch den Bonnern hat es gefallen.

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Weblogtalk

Montag! Web-Montag! Live!

Ich bin schon wieder auf einem Web-Montag, diesmal in Karlsruhe. Und weil das so sensationell ist, wird es auch live mitgetippert, damit die Welt an den Ereignissen in der Fächerstadt teilhaben kann! ;-)

Nachschlag: Beim live mittippen kam mir der Gedanke, dass ein Live-Textile-Interpreter auf dem Webserver für solche Einsatzzwecke ein Desiderat ist. Live mitschreiben in einem Textfeld eines Blog-Systems im Browser geht nicht, es muss schon ein Editor sein. Und es wäre doch fein, wenn man eine Textile-Datei einfach auf den Server wirft und beim Tippen aktualisiert, und sie dann automatisch interpretiert wird.

Ansonsten war der Karlsruher Web-Montag wieder eine rundherum gelungene Veranstaltung, interessante Vorträge, und auch das »Networking« kam nicht zu kurz. Und ein herzliches Danke schön für die schöne Lokation geht an Johannes und seine Mitstreiter von Kubik, ich denke, der Karlsruher Web-Montag hat seine Stamm-Lokation gefunden.

webmontag karlsruhe