layout: post_netzbuchtitle: ‘Musikindustrie: Das “Raffzahn-Pamphlet”’date: 2003-09-17 22:26:00+0200categories: Musik tags: source: netzbuchpermalink: /netzbuch/1059/musikindustrie-das-raffzahn-pamphlet/—-

Heise berichtete die Tage über die Absicht der Musikindustrie das Recht auf Privatkopie weiter einzuschränken. Man sollte sich mal ein wenig selbst quälen und das im Heise-Artikel erwähnte Positionspapier des Interessenverbandes der Phonographischen Industrie (aka “Raffzahn-Pamphlet”, PDF) vollständig lesen, danach ist dem interessierten Betrachter klar wo der Hase hin läuft, oder besser gesagt, hin laufen soll.

Als erstes wird mal kräftig auf die Tränendüse gedrückt (alle Zitate s.o.): »In den letzten Jahren hat die deutsche Tonträgerwirtschaft durch das `Brennen` von CDs und Internet-Piraterie rund ein Drittel des gesamten Marktes eingebüßt. Bereits 1999 und 2000 lagen die realen Umsatzrückgänge bei 3,5% und 4,1%. In 2001 (minus 12,7%) und 2002 (minus 12,6%) nahm die Entwicklung existrenzbedrohende Ausmaße an. Für das Jahr 2003 werden sogar Umsatzeinbußen von fast 20% erwartet. Arbeitsplatzabbau (in den vergangenen zwei Jahren haben rund 3.000 Menschen ihren Arbeitsplatz in der Branche verloren) und sinkende Investitionen in neue Tonträgerproduktionen sind die unmittelbaren Folgen.« Bereits an dieser Stelle musste ich meine Lektüre unterbrechen und meine tränenverhangenen Augen trocknen lassen …

Die Lösung für diese herzzerreissende Situation wird ein paar Absätze später präsentiert: »Ein Festhalten an der bisherigen Struktur der so genannten Privatkopie ist im Musikbereich nicht mehr sachgerecht. Bespielbare CDs sind nicht einfach nur die moderne Form der MC. Zum ersten Mal ist es möglich, einen perfekten Klon, den identischen Zwilling einer CD mit allen Eigenschaften des Originals herzustellen. […] Die Zulässigkeit von analogen Vervielfältigungen erscheint für die Befriedigung rein privater Bedürfnisse ausreichend. […] Auch ein etwaiges Interesse an einem Zugang zu Kulturgütern darf nicht automatisch mit einem Recht auf freies Kopieren gleichgesetzt werden. Es existieren heute mehr Quellen für den Genuss (geschützter) Inhalte als je zuvor: Neben der Möglichkeit des legalen Erwerbs einer CD oder der Nutzung eines Online-Angebotes denke man nur an das omnipräsente Radio, Webcasting-Angebote im Internet mit einer Vielzahl verschiedener Musikprogramme sowie die zahlreichen unverschlüsselten Fernsehprogramme.«

Genau! Ich brauche nicht meine CDs digitalisieren und mit mir rum zu tragen, ich kann ja überall Radio FFH empfangen. Und wenn ich das doch will? Tja, dann soll in Zukunft für jedes Stück Musik mehrfach gelöhnt werden, wg. seiner Bedeutung zitiere ich den folgenden etwas länglichen und sprachlich grausigen Absatz fast komplett:

»Es mag zwar auch zukünftig noch so sein, dass eine Durchsetzung des Exklusivrechts gegenüber Privaten faktisch nur schwer möglich ist. Möglich ist aber eine Durchsetzung mittels technischer Sicherungsmaßnahmen (Kopierschutz). Gestärkt durch ein Exklusivrecht wären die Rechteinhaber in der Lage, mit Geräteherstellern über wirksame bilaterale Schutzmaßnahmen zu verhandeln. Bilaterale `intelligente` Kopierschutzsysteme können zukünftig die Möglichkeit bieten, private Vervielfältigungen gegen Vergütung (individuell) zuzulassen. Ein Modell für ein System der individuellen Ermöglichung und insbesondere auch Vergütung der privaten Vervielfältigung könnte folgendes `Wertkarten-Modell` sein: Die Kopierschutztechnologie gibt das Original-Produkt nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Kopieren frei. Eine solche Voraussetzung könnte der Erwerb einer `Kopierlizenz` sein, die etwa in Form eines `Wertchips` als `Smartcard` von Endverbrauchern ebenso anonym erworben werden könnte wie heue eine Telefonkarte. Möglich ist auch der `Verkauf` von Privatkopien an speziellen Brennstationen im Handel. Weitere Modelle sind denkbar: So könnte die Zulassung einer Kopie davon abhängig gemacht werden, dass das Offline-Medium nicht bereits kopiert worden ist. Dieses Modell setzt voraus, dass auf dem Offline-Produkt Informationen zur Kopierbarkeit und zu der Zahl der bereits durchgeführten Kopiervorgänge gespeichert werden können. Gleichzeitig muss die Hardware diese Informationen abrufen können und die Vorrichtung zur Abbuchung eines bestimmten Betrages von der Wertkarte enthalten. Möglich ist ferner, mit dem Original-Tonträger den Zugang zu einem Online-Download-Angebot zu eröffnen, aus dem sich der Kunde die Musikaufnahmen (z.B. auf seinen MP3-Player) herunterladen kann. Eine weitere Option könnte darin bestehen, durch hard- und softwaregestützte Schutzsysteme abgegrenzte `Haushalts-Freiräume` zu schaffen, innerhalb derer das Kopieren unbeschränkt möglich wäre, wobei allerdings diese Kopien auf Geräten, die nicht zum (elektronisch identifizierten) Haushalt gehören, unabspielbar wären.
Diese Modelle zeigen, welche Möglichkeiten die Rückführung der Privatkopie in ein Exklusivrecht bietet: ein Markt für Privatkopien würde eröffnet. Produkte mit verschiedenen Kopieroptionen (zu unterschiedlichen Preisen) könnten angeboten werden, so wie es im Online-Bereich bereits heute der Fall ist […]. Anstatt den Primärmarkt – wie bislang – zu substituieren, würde (auch zum Vorteil der Verbraucher) ein neuer (ergänzender) Markt eröffnet.«

Gute Idee, nicht wahr? Ich kaufe `ne CD. Wenn ich Glück habe läuft die in meinem CD-Player. Nun möchte ich auch eine Kopie ziehen auf MiniDisc oder den vielleicht mal vorhandenen “coolen” iPod, dann muß ich entweder eine “Wertkarte” kaufen und darf es dann einmal kopieren, oder in meinem Computer läuft eine Kontrollinstanz mit Zähler die “nach Hause telefoniert.” Wenn der Zähler abgelaufen ist (vielleicht war im MP3-Player nicht genug Platz, das Stück musste gelöscht werden, nun möchte man das Liedchen wieder draufziehen) muß man das Medium noch einmal kaufen. Oder ein Wertkärtchen. Oder einen weiteren gebührenpflichtigen Download. Oder ich gehe noch einmal ins Geschäft und kaufe mir das “Recht” meine eben erworbene CD auch auf ein anderes Medium überspielen zu dürfen.
Kurz und gut: Ein, wie so schön zu lesen ist, »Markt für Privatkopien« soll entstehen. Und das natürlich zum »zum Vorteil der Verbraucher.« Und die Abgaben auf Hardware sollen natürlich bestehen bleiben. Wegen der schweren Kontrolle unser allen kriminellen Tuns, hemmungslos wie wir nun mal sind kopieren wir die eben erworbene CDs einfach so, ohne zusätzlich erworbene Lizenz für Privatkopie, und zerstören mutwillig weitere Arbeitsplätze in der Musikindustrie …

Eigentlich hat man nach der Lektüre dieses Pamphlets nur eine Frage: Sind die noch ganz dicht?