Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.

Hartziges

Lagedernation

Etwas Hartziges aus dem Blätterwald. In der FR beschäftigt sich Luhmann-Adept Peter Fuchs, der wahrscheinlich schon seiner Frau am Frühstückstisch Zitate aus Luhmanns »Liebe als Passion« an den Kopf wirft, mit den Folgeerscheinungen auf ostdeutschen Straßen im Gefolge von Hartz IV: »Riskante Entscheidungen. Die Montagsdemos und die Moralisierung der Verhältnisse.« Zitat: »Die unbekannte Zukunft wird zur Voraussetzung aktuellen Entscheidens. […] Wer in der Gegenwart entscheidet, geht Risiken ein, die sich für die Nicht-Entscheider, für die Betroffenen als Gefahren darstellen, die sie selbst nicht ausgelöst haben. Jede Entscheidung, die sich auf Zukunft bezieht, wirft damit diejenigen aus, die als Entscheider Risiken streuen, und diejenigen, für die das Risiko die Zumutung einer Gefahr ist, durch die man betroffen wird. […] Diese Asymmetrie erzeugt Betroffenheitswelten, in denen es dann (wenn erst einmal Moral auf den Plan tritt) zu Überhitzungen kommt, etwa dazu, dass man auch betroffen sein muss über die Betroffenheit anderer Leute. Ein eigentümlicher Betroffenheitsbetroffenheitsmarkt entsteht. Entscheidend ist, dass aus dieser Perspektive dieses Marktes Entscheidungen, die riskant sind, nicht toleriert werden, aber selbst keine Entscheidungen getroffen werden – außer der einen, dass Risiken vermieden werden müssen […].« Simpler ausgedrückt: Niemand kennt die Zukunft, Entscheidungen in der Gegenwart betreffen die Zukunft, niemand weiß, ob er je betroffen sein wird, also ist er betroffen. Etwas trivial gedacht, denn es erklärt nicht, warum gerade diese Entscheidung die ostdeutschen Straßen bevölkert.
Noch mal FR, noch mal Hartz und die Montagsdemos: »Messianische Erwartung. Die Montagsdemonstrationen und ihr Blick auf das große Ganze.« Michael Rutschky betrachtet die hartzigen Montagsdemos in der Tradition der Achtundsechziger und der DDR 1989: »In Massen zu demonstrieren, erzeugt ein Gefühl der Stärke. Unmittelbar entsteht, bewegt sich die Masse durch die Straßen, singend, Parolen skandierend, die Parolen auf Schildern in die Höhe haltend – unmittelbar entsteht eine unbezwingliche Macht. […] Nichts ist unmöglich – packen wir es an. Wir sind das Heer des Lichts – welches Heer der Finsternis will sich uns entgegenstellen? Die Achtundsechziger können sich ebenso daran erinnern, wie einem hinterher, wenn die Demonstration sich auflöste, zumute war. Kein Heer der Finsternis war auf den Plan getreten. Aber die unwiderstehliche Macht, an der man eben noch teilgenommen hatte, verschwand im Nichts. […] So werden die Montagsdemonstrationen, wie schon ein weiser Beobachter bemerkt hat, womöglich weiter wachsen. Und am Ende ganz folgenlos verrinnen.«
Handfester geht es in der taz zu: Maren Hombrecher berichtet vom Leben als Arbeitslose mit 500 Euro im Monat in diesen Zeiten der ewigen Reformen: »Essen, was abfällt.« »Es ist jetzt wirklich alles viel besser als vorher. Neulich musste ich erstmals bei meinem neuen Arbeitsamt vorstellig werden und ich kam sofort dran. Das ist mir vorher noch nie passiert. Kann also doch sein, dass es noch Grund zur Hoffnung gibt, dass sich ‘die da oben’ doch ganz doll Mühe geben, die Umstände für alle Beteiligten zum Besten zu wenden. Man soll ja immer optimistisch bleiben, weil ‘positive thinking’ schon die halbe Miete sei.«
Und noch mal Hartz IV und die Folgen, von REGIERUNGonline: »BILD-Berlin meldet heute, das Berliner Tierheim erwarte wegen der Einführung des Arbeitslosengelds II, dass Hunderte Hunde zusätzlich ausgesetzt oder abgegeben würden, weil Tierbesitzer fürchteten, sich die Haltung nicht mehr leisten zu können. […] Der Zusammenhang zwischen der Arbeitsmarktreform und dem Aussetzen von Tieren, der von der BILD-Zeitung hergestellt wird, ist absurd und durch nichts belegt.« Da sind wir doch beruhigt, oder? ;-)