Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Im Spiegel von Abu Ghraib

Folter, in zivilisierten Staaten mit Recht (und durch Recht!) verboten, wird in gewissen Kreisen (bspw. im Springer-Blatt “Welt”, wo “Querdenken” ein Synonym für “nach Rechts ausschlagen” ist), wieder salonfähig. Ob entführte Kinder oder Abwehr von Terror-Anschlägen – mancher fragt sich, ob in gewissen Situationen die Folter nicht vielleicht doch ein auch für einen Rechtsstaat legitimes Mittel sein kann.

“Nein”, meint Jan Philipp Reemtsma in einem vorzüglichen Artikel in der taz: »Wer meint, es sei moralisch erlaubt, gar geboten, diese Norm zu übertreten, tut dies aus Überzeugung. Diese individuelle Überzeugung mag man achten; es mag sogar derjenige, der nach solcher Überzeugung handelt, von manchen – oder von der Mehrheit – für einen Helden gehalten werden. Nur ändert das nichts daran, dass das Verbot der Folter keine Ausnahme zulässt, auch nicht im Falle desjenigen, der bereits einer Tat überführt ist. Das Verbot der Folter gehört zwar auch zu jenen Schutzrechten, die auch die Schuldigen schützen, weil nur so die Unschuldigen geschützt werden können, aber das ist nicht alles. Das Verbot der Folter ist vor allem mit jenem Schutz deckungsgleich, den der Rechtsstaat als solcher gewährt, und steht nicht der einzelfallbezogenen Abwägung offen. […] Die Diskussion um die mögliche Re-Legitimierung der Folter zeigt, dass die Fotos aus den Kellern von Abu Ghraib unser Spiegel sind. In dieser Weise kann das Gesicht unserer Zivilisation zur Fratze werden. Das Beispiel Algerien hat gezeigt, dass es dabei nicht bleiben muss. Beginnen wir mit dem Schluss der Diskussion darüber, ob wir der Fratze etwas abgewinnen könnten.«

[taz: Als wir endlich den Kopf hoben]