Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Gedanken zur Europawahl

Wenn man, von Rastatt kommend, über den Rhein nach Frankreich fährt, fährt man über eine Brücke. Auf dieser Brücke fährt man über noch gut erhaltene Eisenbahnschienen. Die liegen dort nicht etwa herum, weil da eine S-Bahn-Linie geplant war, sondern damit Kriegsgerät schneller über die Grenze Richtung “Erbfeind” geschafft werden konnte. Im Zeitraum von 1870 bis 1945 gab es allein drei Kriege zwischen Deutschland und Frankreich. Dass uns heutigen Zeitgenossen die Vorstellung eines Krieg unter den in der EU vereinigten Ländern wie eine Erzählung von einem anderen Planeten vorkommt, verdanken wir vor allem der europäischen Einigung.

Wer also etwas von “die EU ist überflüssig, das Europaparlament sowieso” faselt, dokumentiert damit nur dass er oder sie keine Ahnung hat, wovon er oder sie eigentlich spricht. Ein Blick in eine richtige Zeitung oder meinetwegen auch Berichte von Auslandskorrespondenten im TV (nein, nicht “Bild” oder “Explosiv”) über den Stand der Dinge im Rest der Welt vermittelt vor allem eine Erkenntnis: Wir leben in Europa auf einer Insel von Frieden und Wohlstand. Den europäischen Einigungsprozess als solchen in Frage zu stellen, nur weil man mal etwas von Agrarquoten und Geld gehört hat, zeugt von einem sehr schlichten Gemüt.

Sehr amüsant ist auch der Fakt, dass die “Europaparlament ist doof und nutzlos”-Sprüche von denen kommen, die überhaupt keine Ahnung haben, wofür das Europaparlament eigentlich gut ist. Der Zustand der EU-Institutionen und ihrer Machtverteilung ist in der Tat optimierungsbedürftig, äußerst optimierungsbedürftig sogar. Nur können sich die meisten gar kein Urteil drüber erlauben, weil sie davon gar nichts wissen. Und wenn ich von etwas nichts weiß, kann ich es auch schlecht beurteilen. Liegt eigentlich auf der Hand, oder? Aber in der Politik ist diese simple Weisheit außer Kraft gesetzt, jeder darf drüber reden, auch wenn keinerlei Sachkenntnis das Urteil trübt …

Das bringt uns zur anstehenden Europawahl. Moe möchte z.B., dass alle Nichtwähler ihre Stimmen ungültig machen (Kursive Worte nachträglich zur Präzisierung hinzugefügt, R.). Dazu kann ich nur sagen: In einer Demokratie bekommt das Volk immer genau das politische Personal, das es verdient hat. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Die sind wir, wir sind die. Jammern über die politische Klasse ist also nichts weiter als jammern über sich selbst, wer Schröder ohrfeigt muß sich konsequenterweise anschließend selbst ohrfeigen …

Parteienstreit (“die labern da alle eh nur rum, ey”) um den richtigen Weg gehört in einer Demokratie dazu, bei uns gibt es eher zu wenig Streit als zu viel, auch wenn das harmoniesüchtige Volk das nicht wahr haben will und auf den großen harmonischen Konsens zur Lösung aller Probleme wartet. Den kann und wird es nicht geben. Weder in Europa, noch in Deutschland. Mit einer “eh alles doof, ey”-Einstellung kommt man nicht weiter, da es keine Alternative zur Demokratie gibt. Weder wird (hoffe ich zumindest) ein großer weiser Führer, der für niedrige Benzinpreise, Arbeitsplätze und einen stärkeren Angriff der Nationalelf sorgt, über uns kommen, und schon gar nicht möchte ich von einer “Diktatur des geistigen Bild-Leser-Proletariats im Sinne des gesunden und harmonischen Volkswillens” regiert werden. Grausige Vorstellung.

So werde ich, wie bisher bei jeder Wahl, seit ich 18 bin, am Sonntag mein Kreuzchen bei der Partei machen, die für mich das kleinste Übel ist. Nichts anderes ist Demokratie, die Wahl der Partei, mit der man am wenigsten Probleme hat. Weder der Pleb-Nihilismus der Bild-Leser-Fraktion (“alles scheiße, ey”) noch der “aufgeklärte Nihilismus” à la Moes Beitrag werden irgendetwas bewirken. Was soll denn die “Message” der ungültigen Stimmzettel sein? “Ihr da oben seid alle doof”, oder was? Oder: “Wir wissen zwar nicht, was wir wollen, aber zumindest schon einmal, was wir nicht wollen: Euch!” Super Sache!

In diesem Sinne: Nachdenken und wählen gehen! Am Sonntag. Das Europaparlement. Ihr seid der Souverän, schmeißt nicht in einem Anfall modischen Polit-Gejammers Euren Anteil an der Macht in die Tonne.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!