Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Von Stürmen, Kakerlaken und Besuchsgebühren

Man redet ja nicht über das Wetter, aber ich muß hier trotzdem mal los werden dass mir dieses ewige Regen-und-Wind-Wetter langsam granatenmäßig auf die Nerven geht!

Aber dieses unser Land hat in Wirklichkeit ganz andere Sorgen. Da wären zum Beispiel einige bemitleidenswerte Promis der B-Liga, die von RTL nach Australien gekarrt und im Dschungel ein wenig getriezt werden. Andreas hat eine kleine Presseschau zu diesem bewegenden Thema zusammen gestellt. Es ist geradezu krank. Die Medienwächter machen sich Gedanken über die Menschenwürde, und die Tierschützer melden Bedenken an wg. der armen Kakerlaken und Emus. Realsatire pur. Tierschützer sind sowieso eine ganz eigene Kategorie, aber die dissen wir ein anderes Mal…
Unter dem Titel “Kakerlakenbad des Fun” meldet sich Harry Nutt im Feuilleton der FR zum Thema:

»Die Dschungel-Show, so ein vorläufiges Fazit, schickt Menschen in Extremsituationen, die irgendwann in ihrem Leben schon einmal glauben durften, es zu etwas gebracht zu haben. In der Stunde des Elends des Privatfernsehens, das alles bis zur Erschöpfung bereits durchgearbeitet zu haben schien, wird ein Personal vorgeführt, das vor der Kamera der Erfahrung sozialer Entwertung ausgesetzt ist. Die Show formuliert eine Erfahrung, die zuletzt den Plot der gesellschaftlichen Erzählung bestimmte. In einer Zeit, in der man beim Arzt die Scheine auf den Tisch legen muss, werden auf bisher nicht gekannte Weise die Modi des Privaten neu verhandelt. Vielleicht schaut man deswegen noch einmal oder schon wieder hin.«

“Scheine auf den Tisch legen” bringt uns zu einem anderen beliebten Thema, der “Arzt-Eintrittsgebühr.” Jeden Tag meldet sich ein(e) HinterbänklerIn zu Wort und fordert Befreiung für Kreti und Pleti. Soziale Strukturen brechen schleichend zusammen, die Macht globaler Unternehmen unterhöhlt die Demokratie, und der Volkszorn entzündet sich an maximal 40 Euro im Jahr, das macht 3,33 Euro im Monat. Kleingeistiger geht es kaum noch. Offensichtlich ist politischer Diskurs nur noch an handlichen Symbolen aufzuhängen, 10 Euro auf den Tisch legen ist ein übersichtlicher Vorgang und in seiner gesamten Komplexität auch vom Einfältigsten überschaubar. Hätte man die Beiträge um 0,1% erhöht statt eine Praxisgebühr einzuführen, hätte es ein dezentes Murren gegeben, aber weiter wäre nichts passiert. Denn das wäre ja nicht so schön symbolisch.

Und das alles während im Main ein gieriger Wels an einem Karpfen erstickt! Noch Fragen? ;-)