Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.

Glückliche Weihnachtsbäume erzählen

Zeugs

Also, heute war das so: Gestern abend, da war ich einen trinken, weil ein Freund Geburtstag hatte. Obwohl den gesellschaftlich akzeptierten Rauschmitteln nicht über das gesunde Maß hinaus zugesprochen wurde, war mir heute Mittag, nach dem vormittäglichen Genuß von zwei Tassen schwarzen Kaffee und zwei Lucky Strike, irgendwie ein wenig flau zu Mute. Also wurde als Gegenmaßnahme beschlossen: Wir gehen mal ein wenig an die frische Luft. Da es sich außerdem ergeben hatte, dass ein wenig Schnee auf den Freudenberg zu Wiesbaden gerieselt war, bewaffnete ich mich mit der Kamera, denn solcherart seltene Ereignisse müssen für die Ewigkeit dokumentiert werden.
Also spazierte ich da so daher, knippste dieses, knippste jenes, als ich an der Weihnachtsbaumplantage vorbei kam. Diese standen recht fröhlich in der Gegend herum, was mich arg verwunderte, darum quatschte ich sie einfach mal an: »Ey, Weihnachtsbäume, was seid Ihr denn so gut drauf?« »Ha«, antwortete ihr Anführer, »für dieses Jahr sind wir noch mal davon gekommen. Wir stehen hier noch fröhlich auf Wurzeln im Schnee, während einige unserer Kumpels abgeschlagen und verkauft wurden. Die armen Schweine stehen nun in irgendwelchen Wohnstuben, müssen sich beleidigen lassen. Ist doch immer das selbe, zu groß, zu klein, zu krumm, zu wenig Äste, zu viele Äste – diese zweibeinigen Monster haben doch ständig etwas an uns auszusetzen. Und dann, nach dem man zwei Wochen, in affiger Kostümierung mit Lichtern, Kugeln oder gar Lametta behangen, in der Gegend rum gestanden und sich das ganze dumme Gesülze zu Weihnachten anhören musste, wird man brutal die Treppe runter gezogen oder gar vom Balkon geworfen und endet in einem Müllauto. Ist das vielleicht erstrebenswert?« »Nee, weiß Gott nich«, antwortete ich. »Mach mal ein Foto von uns, aber zackig!«, befahl der Anführer der Weihnachtsbäume. Ich tat wie mir befohlen war, in mir erwachte der Starfotograf. »Jetzt mal weg mit den Klamotten, ich mach` Euch zu Stars« rief ich den Weihnachtsbäumen zu. Sie posierten, liefen fröhlich herum, und die jugendfreieste Variante der Fotos der nackten glücklichen Weihnachtsbäume ziert nun anläßlich der Jahresendzeitfestivitäten den Kopf des Netzbuchs. Zum Abschied riefen sie noch: »Dann mach es mal gut, Alter, und veröffentliche unsere Fotos. Und schau mal wieder vorbei, bevor es zu spät ist, denn Du weißt, Weihnachten kommt auch nächstes Jahr, und wer weiß wen die Axt dann trifft. Fröhliche Weihnachten!«