Dieser Artikel erschien ursprünglich in meinem ersten Weblog das Netzbuch, das von Mai 2002 bis November 2006 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Aktuellere Artikel hat der Uninformat im Angebot.
Lagedernation

Sommer und Angestelltendepression

Michael Rutschky in der taz:

»Immer wieder erzähle ich gerne, dass wir die Arbeitsethik verantwortlich machen müssen, wenn ein anhaltend strahlender Sommer den Bürger unbehaglich stimmt. Klar, er vernimmt auch die Prophezeiungen der Ökologie und der Hautärzte, aber wenn sie so leicht in den naiven Volksboden einschlagen, dann erklärt sich das weniger aus ihrer sachlichen Geltung – die der Bürger ja nur schwer überprüfen kann – denn aus jenem Unbehagen. Der Sommer macht Arbeiten unmöglich, nein, er lässt Arbeiten vollkommen unnütz erscheinen. Stattdessen den ganzen Tag auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen. Sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung.
Es kommt hinzu, dass in der Gegenwart ohnedies so wenig von dem, was Arbeit ist, sich so anfühlt. Keine heroischen Auseinandersetzungen mehr im Eisenwalzwerk mit den widerständigen Kräften der Natur – Arbeit vollzieht sich vor allem an Zeichen, besteht aus Kommunikation. Dass das Arbeiten so spurlos bleibt, erzeugt die vertraute Angestelltendepression: `Abends weiß ich nie, was ich tagsüber eigentlich gemacht habe.`«