John Perry Barlow

John Perry Barlow 2009, Wikimedia Commons

John Perry Barlow, Viehzüchter, Greatful-Dead-Songwriter und Netzaktivist, ist gestern im Alter von 70 Jahren verstorben. Seine »Declaration of the Independence of Cyberspace« war, wie Heise im Nachruf schreibt, »einer der wichtigsten Aufrufe der frühen Internetbegeisterung«. In der Tat hat dieser Text auch mich damals in meiner »begeisterten« Internet-Anfangszeit maßgeblich geprägt…

[Bild: John Perry Barlow, Wikimedia Commons, CC BY 2.0 von Joi unter Creative Commons Attribution 2.0 Generic Licence, thanks!]

»Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.« (John Perry Barlow »A Declaration of the Independence of Cyberspace«)

1996 weilte John Perry Barlow, der im Jahre 1990 gemeinsam mit Mitch Kapor (Autor der ersten Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3) und dem GNU-Aktivisten John Gilmore die Electronic Frontier Foundation gegründet hatte, beim berühmt-berüchtigten Treffen der Mächtigen und Reichen in Davos. Erstmals nahmen selbige vom Internet als relevanten Raum damals breit Kenntnis und Barlow hatte den Eindruck, dass sich die Mächtigen über einen Raum austauschen, in dem sie noch nie waren. Und, wie Regierungen halt nun einmal so sind, Präsident Clinton hatte mit dem »Communications Decency Act« den ersten Versuch unternommen, das Netz gesetzlich zu regulieren. Unter dem Eindruck dieser Gemengelage verfasste er in seinem Hotel in Davos seine berühmte »Declaration of the Independence of Cyberspace«:

»We have no elected government, nor are we likely to have one, so I address you with no greater authority than that with which liberty itself always speaks. I declare the global social space we are building to be naturally independent of the tyrannies you seek to impose on us. You have no moral right to rule us nor do you possess any methods of enforcement we have true reason to fear.«

1996 hatte ich auch meinen ersten »richtigen« Internetzugang. Der großartige neue Freiraum Internet mit seinen neuen sozialen Strukturen erschien so ganz anders als die »alte« Welt mit ihren verknöcherten Strukturen. Barlows »Declaration« traf, wie man so schön sagt, den Nerv der Zeit bei uns allen, die wir uns aufmachten, das Internet als Raum zum Leben und Arbeiten zu erobern. Folgerichtig hatte die »Declaration« in der Zeit, in der man noch eine »Homepage« hatte, stets einen prominenten Platz auf meiner…

John Perry Barlow auf dem 23C3 im Dezember 2006

2006 erlebte ich John Perry Barlow »live« bei seiner Keynote auf dem 23C3 (die kann man sich beim CCC anschauen). Das Thema des damaligen Congress war »Who Can You Trust« und Barlow forderte die zuhörenden Hackerinnen und Hacker zu mehr Einsatz gegen die »schwarzen Schafe« (Virenschreiber, Identitätsdiebe) auf. Der Cyberspace ohne staatliche Kontrolle aus seiner »Declaration« könne nur mit einer funktionierenden »Vertrauensökonomie« existieren.

»We are creating a world where anyone, anywhere may express his or her beliefs, no matter how singular, without fear of being coerced into silence or conformity.«

2018 scheint seine (von manchen als »gefährlich« bezeichnete) Idee von einem außerhalb der Regierungshoheit der »weary giants of flesh and steel« existierenden vorurteilsfreien Gemeinschaft des Wissens von der Realität überholt worden zu sein. Kommerzielle (Zentralisierung in »Cyberspace-Superstaaten« wie Facebook und Twitter) und staatliche Bedrohungen scheinen die schöne Idee zu ruinieren. Oder schon ruiniert zu haben. Statt »the new home of Mind« zu sein, machen sich die »Einwohnenden« im Netz derartig gegenseitig die Hölle heiß, dass die »weary giants« meinen, sich Dinge wie das NetzDG ausdenken zu müssen…

2016, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums seiner »Declaration«, meinte Barlow dazu:

»”The main thing I was declaring was that cyberspace is naturally immune to sovereignty and always would be. I believed that was true then, and I believe it’s true now.”«

Und glaubte unbeirrt an den »Sieg« seiner Vision (Zitat):

»I do have a kind of Marxist sense of the inevitability of this shift taking place, that there will be a global commons that includes all of humanity. And that it will not be particularly subservient to governments in any way.«

Und manchmal, wenn ich z.B. in Twitter Verlautbarungen und Aktivitäten von Polizei und Co. zur Kenntnis nehme, denke ich auch heute noch an Barlows »Declaration«:

»You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.«

RIP John Perry Barlow.

A Declaration of the Independence of Cyberspace by John Perry Barlow. from IDEALOGUE on Vimeo.

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