re:publica 15: Suche Europa, verliere den Faden

re:publica - tag 1

Es war wieder einmal soweit: Nach 2007, 2008, 2009, 2010, 2011 und 2013 ging es bereits zum 7. Mal gen Berlin zur re:publica. Sie stand unter dem Motto »finding europe«. Es hat sich mir allerdings nicht erschlossen was das Motto eigentlich bedeuten soll und inwiefern sich das irgendwo niedergeschlagen hat. Ich habe sowieso bei solchen Veranstaltungen stets den Verdacht, dass das Motto nur ein »Brocken« ist welcher der Journaille hingeworfen wird. Auf dass sie sich daran abarbeiten möge…

Motto hin oder her, vieles war wie immer. Wie die stets perfekte Organisation oder die schöne Dekoration, die aus dem großen Areal des ehemaligen Postbahnhofs einen angenehmen Ort zum Schlendern, Rumlungern und für meine Lieblingssession »mit Bier im Hof stehen« macht.

re:publica 15 - Tag 3

Das Programm

Das Vortragsprogramm bot den von vergangenen re:publicas gewohnten Themenmix in einem erschlagend umfangreichen Angebot. Was aber schon in den letzten re:publica-Programmen zu beobachten war, hat sich dieses Jahr weiter verstärkt:

Zum einen eine gewisse Tendenz zur thematischen Beliebigkeit in der Form allgemeiner internetferner Themen, ganz ähnlich wie das Kollege Jens drüben in seinem Blog neulich beim Barcamp Heidelberg beobachtet hat. Der Vortrag des Astronauten »Astro-Alex« z.B. war sicher hochgradig unterhaltsam, nur, um ein altes Bonmot des früheren Sportstudio-Lästermauls Werner Schneyder abzuwandeln: »Was das alles noch mit dem Internet zu tun hat, fragen Sie? Gar nichts natürlich!«

Zum anderen war die integrierte »Media Convention«-Sub-Konferenz für meinen Geschmack zu üppig ausgefallen. Dieses ständige Gewese um Journalismus und Medien, diese besessene Selbstbeschäftigung der »was mit Medien«-Fraktion interessiert mich nun einmal überhaupt nicht.

Andererseits sind dann aber auch eher abseitige Sessions wie die E-Book-Lesung »Trinken gehen« oder die Elektro-Schrott-Revue »Die Aufmacher« die kleinen überraschend guten Perlen des Programms gewesen. So lange noch solche Programm-Perlen zwischen den Youtube-Seelenverkäufern und Gornys dieser Welt zu finden sind ist die re:publica noch nicht verloren…

re:publica 15 - Tag 1 Das Publikum hat sich in den letzten 2 Jahren noch einmal deutlich verändert: Die Zeiten des »Familien-« oder »Klassentreffens« sind wohl endgültig vorbei, Massen wälzen sich durch die STATION-Berlin, es geht zeitweise zu wie auf einem Bahnhof. Immer mehr Teilnehmer_innen aus in früheren Jahren eher skeptisch beäugten Tätigkeitsfeldern wie (»Content«-)Marketing oder PR finden sich dort ein. Mit der festen Absicht, ihren frisch gedruckten Stapel Visitenkarten los zu werden. Aber re:publica ist ja jetzt auch lt. Selbstdarstellung bei der Eröffnung ein »Business-Festival«…

Nichtsdestotrotz hat Thomas Knüwer natürlich recht: »Die re:publica ist, was jeder für sich daraus macht.« Es ist halt nur nicht mehr die »gemeinsame« Veranstaltung der Anfangsjahre. Da gaukeln schöne Rituale wie das kollektive Singen von »Bohemian Rhapsody« am Ende etwas vor, was es dort nicht mehr gibt. Immer mehr Wachstum von Jahr zu Jahr, eine zunehmende Defokussierung in den Themen und trotzdem ein »wir sind doch irgendwie ein großes Wir« hochhalten passt irgendwann nicht mehr zusammen.

Es waren aber trotzdem drei interessante Tage. Noch bietet das bunte Programm mehr als genug Interessantes. Tragischerweise waren stets die mich interessierenden Sachen zur gleichen Zeit oder in viel zu kleinen Räumen angesetzt worden (und das Leben ist zu kurz um in einer Session gequetscht an der Wand zu stehen), so dass ich noch einiges an »Nachgucken« auf Video vor mir habe, sofern vorhanden.

Ich habe etwas gelernt!

Sktechnotes-Beispiel Gleich in der ersten Session am ersten Tag habe ich sogar etwas Neues gelernt. Nachdem ich das Video der gleichen Session vom letzten Jahr ein Jahr unangeschaut auf der Festplatte verrotten ließ, setzte ich mich dieses Jahr in die Session »Sketchnotes für Einsteiger«. Sketchnotes sind eine Methode, Vortragsnotizen mit einfachen, bei Könner_innen auch durchaus komplexen, grafischen Elementen aufzupeppen und so während des Vortrags die Themen besser zu strukturieren und beim Nachlesen dadurch leichter erfassen zu können. Da man als Session-Teilnehmer_in dankenswerterweise vom Sketchnotes-Bedarf-Händler »Neuland« gleich zwei Stifte geschenkt bekam, konnte man das frisch erlernte in den folgenden Talks gleich üben. Das macht erstaunlicherweise ziemlichen Spaß und erzwingt ein genaueres Zuhören, kann aber auch durchaus anstrengend sein wenn der Vortrag nicht gut strukturiert ist. Ich habe mich gleich mal bei einigen Talks dran versucht. Zuhören, verstehen, nach den passenden Sketchnote-Elementen suchen und alles sinnvoll strukturiert niederzuschreiben ist durchaus anstrengend.

Der große re:publica-Moment. Den kaum jemand mitbekam.

Am dritten Tag zeigte Jacob Applebaum den Kurzfilm »Surveillance Machine« von Laura Poitras über ein gemeinsames Kunstprojekt mit dem chinesischen Künstler und Dissidenten Ai Wei Wei.

14 Stoffpandabären wurden mit durch Edward Snowden zugänglich gemachten geschredderten Akten und SD-Karten ausgestopft. »Panda« ist in China der Spitzname für die Schlapphüte des Geheimdienstes, folgerichtig heisst das Projekt »Panda to Panda«. Nachdem der Film gezeigt wurde, packte Applebaum einen der Pandas aus und überreichte ihn an Sarah Harrison, »for saving Edward Snowdens life«. Ein großer Moment, einer der noch mal vom »Geist« der »alten« re:publica erfüllt war. Der aber leider unterging in der unruhigen Atmosphäre eines völlig überfüllten unterdimensionierten Raums. Kein Foto und kein Video existiert davon (zumindest habe ich nichts gefunden).

Der Film »Surveillance Machine« wird sicher demnächst irgendwo zu sehen sein, er ist groß und eine unbedingte Anschauempfehlung!

re:publica 15 - Tag 3

Session-Tipps

Einige Tipps zu Sessions die ich angeschaut und von denen ich Aufzeichungen gefunden habe (was eher wenige sind), für einen lauschigen Video-Abend:

re:publica 15 - Tag 3

re:publica 15

Wie vor zwei Jahren war ich neugierig was andere so schreiben. Es wurde ziemlich wenig gebloggt dieses mal, und wenn dann in von mir eigentlich ausgestorben gewähnten »Corporate Blogs« (z.B. einer Versicherung! Nichts zeigt schöner den Wandel von der »Internet-Konferenz« zum »Business-Festival«). Wenn ich noch etwas finde wird das ergänzt:

  • re:publica – »Fun Facts«. »2015 was also the first time that we had to ban somebody from the STATION-Berlin.«

  • re:publica – »Die re:publica 2015 in Bild und Ton«.

  • Bei Voice Republic gibt es viele viele Sessions als Audio-Aufzeichnung.

  • »Offizielle« flickr-Fotoalben

  • flickr-Set von sebaso.

  • Konstantin Klein: »Nach drei re:publicae, die ich aus den unterschiedlichsten Gründen ausgelassen habe, bin ich diesmal also auf einem Kongress für Gegenwart und Zukunft in Politik, Technik und Gesellschaft (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge) gelandet.«

  • Konstantin hat auch ausgegraben dass genau jene STATION-Berlin, in der die re:publica statt findet, Schauplatz einer mörderischen Zugkatastrophe war.

  • Felix Schwenzel: »ich finde, dass die republica weder den vergleich mit fachkongressen, noch mit anderen mischmasch-kongressen wie dem chaos communication congress oder (zum beispiel) der ars electronica scheuen muss. und auch wenn ich finde, dass die organisation und diversität des programms (natürlich) verbesserungsfähig ist, hat die republica auch dieses jahr wieder meine erwartungen voll erfüllt: ein programm bei dem mich nicht alles interessiert, aber einiges überrascht, begeistert oder euphorisiert. und das alles in einem extrem angenehmen und entspannten rahmen.«

  • Bilder von Steffen Siegrist

  • »Wer keinen Kopfhörer hat muss raus.« In einigen Räumen waren mehrere Bühnen hintereinander aufgebaut, und als Zuhörer_in musste man dann einen Kopfhörer aufsetzen. Gefiel mir auch nicht, so ein Talk mit Publikum hat auch eine »Atmosphäre« die damit komplett getötet wird. Der verlinkte Text über-problematisiert natürlich.

  • Marken Welten(sic!): »Die letzte re:publica, die in der Kalk­scheune in Ber­lin statt­fand, rührte mich enorm. Mir war klar, daß sie nie wie­der so sein wird, wie bis­her. Mir war nicht klar, was dar­aus wird. Die Schall­grenze ist der ›Ort‹, an dem Geschwin­dig­kei­ten mit der Schall­ge­schwin­dig­keit dimen­si­ons­los gemacht wer­den. Die re:publica nähert sich die­sem Ort, der anders, neu ist, aber das Alte mitnimmt.« Letzteres ist die Frage. Und der Text meint, wenn auch etwas arg konstruiert, das mit Europa im Programm gefunden zu haben.

  • Insa Künkel hat den selben Moment auserkoren wie ich oben.

  • Barbara Przeklasa war nicht so begeistert: »Meine erste re:publica und gleichzeitig auch meine letzte, sofern sie nicht zu ihrer alten Form zurückfindet. […] Berlin, Berlin, re:publica! Das hieß für mich bislang relevante Themen, spannende Persönlichkeiten, digitale Aufbruchsstimmung. Schon am ersten Tag war allerdings klar, meine Erwartungen waren entweder schlicht überzogen oder ich hatte einfach kein gutes Händchen für die Auswahl meiner besuchten Sessions. Viel Oberflächliches, wenig Konkretes, kaum Provokatives.«

  • BEETLEBUM haben Comics gezeichnet.

  • sozialinfo.ch: »Zum zweiten Mal besuchte ich die re:publica und noch intensiver als beim ersten Mal habe ich die Stimmung genossen, die Gespräche, die Begegnungen und natürlich die einmalige Auswahl an Vorträgen, welche mich noch die nächsten Wochen beschäftigen werden. Ich finde die Diskussionen werden immer differenzierter nicht nur Kritik (schwarz) und hochjubeln (weiss) der Digitalen Möglichkeiten, sondern darüber sprechen, wo wir hinschauen sollten, wo es vielleicht etwas zu überdenken gibt.«

  • Friedemann Karig: »So kann ich nach genau diesen drei Tagen und Nächten nur jedem sagen: Komm hin, hör Dir zwei, drei gute Talks an (die findet man immer, zufällig oder geplant). Und dann stell Dich auf den Hof. Rede mit den Leuten. Trink ein Bier. Trink noch eins. Rede noch mehr, und vor allem: hör zu. Und wenn Du dann noch nicht davon überzeugst bist, dass hier etwas besonderes, etwas wertvolles, etwas wichtiges passiert, wenn Du davon gar nichts mitnimmst, dann liegt es womöglich auch an Dir.«

  • Klaus Breyer: »Die Medien berichten von einer Internetkonferenz. Aber eigentlich war es dieses mal eine Politikkonferenz. […] Und lasst die re:publica vor allem wieder mehr re:publica sein. Trennt die Media Convention deutlicher ab!«

  • cloudette: »Die re:publica hat mich mit ihrem ›Flair‹ eines Business-Festivals leider nicht begeistert, was ein bisschen schade ist. Die Hauptausrichtung auf Social-Media-Irgendwas, digitales Marketing, Popkultur und Twitterwitzchen war für mich persönlich im Großen und Ganzen nicht besonders inspirierend und interessant.«

  • Reiner Meyer: »Durch die Vielfalt der Veranstaltungen und Kommunikationsmöglichkeiten kann kaum ein allgemeines Fazit gezogen werden. Jeder Teilnehmer kann über seinen Weg zwischen den Präsentationen und Gesprächen nachdenken und für sich ein Fazit ziehen. Für mich ist klar geworden, dass das Internet zum Normalfall einer gesellschaftlichen Kommunikation geworden ist. Wenn 80 Prozent der Deutschen regelmäßig online sind, dann gibt es keine Netz-Community im früheren Sinne mehr.«

  • POP64: »Diesmal gab es Suppe. Ich bin bekennender Freund von Suppen, denn eine gute Suppe rettet meinen Tag. Eine sehr gute Sache, Suppe kann es nächstes Jahr gerne wieder geben.«

  • Endemittezwanzig: »Dieses Jahr war ich zum zweiten Mal bei der re:publica und so sehr ich es genossen habe, rund um die Uhr ohne schiefe Blicke zu twittern und instagrammen – die ganz große Begeisterung blieb aus.«

  • Pflugblatt: »Das spezielle re:publica Gefühl ist denn auch für mich diese Überwindung der Grenzen des eigenen Fachgebiets, ohne der Notwendigkeit, sozusagen gleich morgen, im Tagesgeschäft von der Teilnahme einen direkten Vorteil zu haben. Das Veranstaltungsprogramm bietet eine enorme Breite; hier kann man auch nur empfehlen, nicht die Themen zu besuchen, in denen man sich selbst auskennt.«

  • Zweitag: »I’ve been to re:publica for several years now and it just doesn’t seem to be able to disappoint me. The broad range of talks ranging from hard politics to light-hearted entertaining joyfulness, technical talks, artistic talks, hands on workshops, and exhibition booths, always seem to give everyone something to look forward to.«

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