Juni 2008

Geschwindigkeit als Tugend 2.0

Wann immer in der Welt etwas Schlimmes passiert, trompetet es durch das Netz: »Jaaaa, wir hier im Web 2.0 sind ja soooooo viel schneller als diese ganze komischen langsamen Hanseln in den alten Medien.« Twitter, everybody’s web darling – zumindest, wenn es gerade nicht an Skalierungsschmerzen leidet – wird in diesem Zusammmenhang stets besonders lobgepriesen. Ob Erdbeben in China oder Rauch über Berlin, über Twitter erfährt man sofort davon.

Die Frage ist nur: Was habe ich davon, ist Geschwindigkeit überhaupt eine unumstrittene Tugend auf dem weiten Feld der Information?

Rückblende: 2002, der so genannte »11. September« war noch frisch. Drei- bis viermal im Monat gab es auf dem (oft auch »so genannten«) Nachrichtensender n-tv ein journalistisch entwürdigendes Spektakel zu bewundern. Wann immer in den USA irgend etwas passierte, bspw. ein brennendes Auto an einem Flughafen (was dann letztendlich nur ein Unfall war), wischte n-tv sein Programm beiseite und hing sich, ganz Zweitverwerter, an die stundenlangen Übertragungen der sensationslüsternen amerikanischen TV-Networks, offenkundig von der Hoffnung beseelt, das »nächste große Terror-Ding« live auf dem Sender zu haben. Letztendlich aber wurde eine Menge Sendezeit für irrelevantes Zeug geopfert.

Zurück in das Jetzt. Es ist die Zeit des »benutzererzeugten Inhalts«, und wenn Frau oder Herr Bürger, ausgestattet mit technischem Equipment zur direkten Übertragung in Ton, Wort und Bild, etwas Aufregendes erlebt, so geben sie in der Regel dem Drang nach, der Welt davon zu erzählen. Und in den Zeiten 2.0 kann man »der Welt davon erzählen« durchaus wörtlich nehmen.

Aber es hat einen guten Grund, dass nicht für alles und jedes die Programme unterbrochen werden: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Fakten sammeln und Einordnen des Geschehens. Ohne natürlich die Opfer verhöhnen zu wollen (man weiss ja, alle kriegen alles in den falschen Hals), aber es ist egal, ob ich von einem Erdbeben in China jetzt, in der nächsten Tagesschau oder erst am nächsten Morgen aus der Zeitung erfahre. Dass Twitter schnell ist, ist schön. Aber wertlos, so lange der Bürgerjournalimus 2.0 nicht einordnet, sondern lediglich die »Klein-Fritzchen erlebt auch mal etwas Aufregendes«-Perspektive durch die technischen Möglichkeiten in die ganze Welt befördert. Das Glorifizieren der Geschwindigkeit ist lediglich ein Berauschen an der plötzlich zufallenden technischen »Macht«.

So weit, so gut. Man muss lernen, im Kult des Schnellen Dinge zu ignorieren.
Was aber viel schlimmer ist: Dieses »schnell schnell, was Aufregendes!«-Gehabe ist schon lange auf den »richtigen« Journalismus übergesprungen. So krass, dass sich die deutschen Auslandskorrespondenten in einem Buch über diese Mentalität beschweren. Ein Zitat aus dem FR-Artikel darüber:

»So berichtet Jörg Armbruster, der bis 2005 für die ARD im Nahen Osten war, wie ihn ein Tagesschau-Redakteur aus dem Bett klingelte. Gegen zwei Uhr morgens habe der von einem Anschlag erzählt. Eine Diskothek brenne, Hotels seien zerstört und westliche Touristen getötet worden. ›Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte wenig‹, schreibt Armbruster. Hamburg habe ihm die ersten Informationen einfach durchgegeben, die er dann als ›Jörg Armbruster live aus Kairo‹ ausgab.«

So läuft das, und das ist untragbar. Kann man das Werten von Geschwindigkeit als Primärtugend den Laien im Web verzeihen, geht das bei Journalisten nicht. Geschwindigkeit mag eine Tugend sein. Aber Informationsqualität ist auch eine. Und nicht einmal die unwichtigere. Es ist an uns Zuschauern, diese Qualität einzufordern und zu honorieren.

weblogs journalismus web2.0

»Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.« Zum 80. Geburtstag von Ernesto Che Guevara.

Heute, am 14. Juni, wäre Ernesto »Che« Guevara 80 Jahre alt geworden, wenn ihn nicht die Büttel des so genannten »Freien Westens«, die von der CIA tatkräftig unterstützten Regierungstruppen der bolivianischen Militärdiktatur, am 9. Oktober 1967 ermordet hätten. So wurde Che, nicht zuletzt durch das legendäre Foto von Alberto Korda, in den 60ern, 70ern und 80ern eine Ikone des Aufbegehrens gegen die verkrusteten Strukturen des »Freien Westens«. Und dann schließlich in diesem Jahrtausend vorwiegend eine Pop-Ikone, die von unpolitischen jungen Leuten auf ihrem T-Shirt spazieren getragen wird, ohne dass sie auch nur den leisesten Schimmer hätten, wer das ist und wofür er stand. Die Konsumgesellschaft rezipiert halt nur noch ironisierend oder stilisierend.

Che dient darüber hinaus aber auch heute noch als Reibungs- und Projektionsfläche für das konservative Spektrum. Exemplarisch dafür ist das Essay des bei seinem politischen Flankenwechsel, von ganz links außen kommend, mittlerweile an der rechten Seite bei Springers WELT angekommenen Thomas Schmid. Comandante Che als Ventil zur nachträglichen Abrechnung mit den eigenen Jugendsünden.

Selbstverständlich darf man das Wirken Ches, wie das jeder historischen Figur, nicht losgelöst von seiner Zeit betrachten. In den 50ern und 60ern gefiel sich der »Freie Westen« in seiner antikommunistischen Hysterie in der Unterstützung von dem Kapitalismus wohl gesonnener brutaler Militärdiktaturen in Südamerika. Nur in diesem Kontext ist seine Härte im Umgang mit Gegnern der Revolution zu verstehen und zu bewerten, und nicht aus der heutigen Perspektive des mit der Welt in seinem Laptop verbundenen Couchtheoretikers des globalisierten Kapitalismus, der mit dem Ende des Staatssozialismus in Osteuropa auch den Lauf der Geschichte für abgeschlossen hält und sich nun anschickt, die Geschichte des 20. Jahrhunderts und seine Akteure nachträglich in »Gut« und »Böse« einzuteilen. Weil bekanntlich immer der Sieger die Geschichte schreibt.

Che mahnt uns mit der ganzen gnadenlosen Härte und Konsequenz seines Handelns dazu, sich auch im 21. Jahrhundert nicht mit einer ungerechten Welt abzufinden, sondern an einer besseren zu arbeiten. In diesem Sinne: Cumpleaños Feliz, Comandante!

Noch ein paar Links:

[Bild: Wikimedia Commons]

che ernestoguevara revolution

Adminpedia?

Sehr schöner süffisanter Artikel der futurezone – »Im Reich der Wikikraten«:

»Und Qualitätssicherung, so der promovierte Mathematiker [Wikimedia-Vorstandsmitglied Philipp Birken, RG], habe für ihn vor allem etwas mit Löschen zu tun. [..] In letzter Instanz entscheiden die 200 Administratoren über den Verbleib eines Artikels; meist Männer, alleinstehend, zwischen 20 und 35 Jahre alt […].«

Es ist mein Eindruck, dass viele der in Wikipedia aktiven »Löschfreunde« dort Kompensation, für was auch immer, suchen. Wikipedia ist auf einen unguten Weg. Und das nicht nur wg. der Löschfreudigkeit, kommerzielle Aktivitäten und Personalrochaden mit »Geschmäckle« kommen hinzu. Es scheint, dass die besten Zeiten der Wikipedia vorbei sind und sie sich auf einem durch ihren eigenen Erfolg begründeten Weg in den Abgrund befindet. Die Spiegel-Bertelsmann-Geschichten sind nur eine »Geschmackssache«, das wirkliche Problem sind die »Männer, alleinstehend, zwischen 20 und 35«, die sich mit ihrer administrativen Macht eine Wikipedia nach ihrem Gutdünken formen.

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