März 2008

Stöckcheneinschlag

weblogs stoeckchen literatur

Eigentlich bin ich ja ziemlich raus aus den szenetypischen Weblog-Ritualen wie »Stöckchen-Werfen«. Andererseits ist es natürlich eine große Ehre, wenn Markus mir auf seiner Morgenlandfahrt ein Bücher-Stöckchen an den Kopf wirft. Also folgen wir geschwind den Anweisungen, die da lauten:

  • Nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
  • Schlage es auf Seite 123 auf.
  • Suche den fünften Satz auf der Seite.
  • Poste die nächsten drei Sätze.

Fachbuch lassen wir weg, zählt nicht, ist Arbeitsmaterial wie das Notebooknetzteil. Aber hier gibt es ja auch richtige Bücher. Blättern und rascheln, ich zitiere:

»Bin nach anhaltender und heftiger Trinkerei schwer verkatert, aber ich erinnere mich an ein Tonband, von mir und dem großen Bärtigen, der vor zwei Ehefrauen ausgerissen ist, seinen Namen geändert hat und sich jetzt von einer Frau aushalten läßt. Er hat Kinder irgendwo zurückgelassen, sowohl poetische als auch tatsächliche. Und lebt jetzt unter falschem Namen.« (Charles Bukowski, Schreie vom Balkon. Briefe 1958 – 1994. Hamburg 2005. Seite 123.)

Charles Bukowski, der Poet des amerikanischen Albtraums, begleitet mich schon seit der Phase der »Adoleszenz«. Gerade in diesen Zeiten, wo die Buchhandlungen und Blogs voll von Empfehlungen für erschreckend banale esoterisch angehauchte brüllend positive »Hach, diese Zeiten sind toll! Wandel Wandel Wandel trullala! Und Du bist auch so toll, ey, tschaka!«-Bücher sind, ist der 1994 verstorbene Bukowski, der es wie kein anderer verstand, die schmutzige, abgründige, ehrliche und emotionale Seite menschlicher Existenz zu formulieren, aktuell wie eh und je.

»Schreie vom Balkon« enthält Briefe von Bukowski an alle möglichen Leute und erzählt die Geschichte seines Lebens von ganz unten nach ziemlich weit oben in schnörkellosen und lakonischen Worten, wie immer kongenial übersetzt von Carl Weissner.

Bukowski hat einiges an Material hinterlassen, darum erscheinen noch stets frische Texte von ihm. Bei Zweitausendeins ist eine CD mit einer Bukowski-Lesung in Hamburg aus dem Jahre 1978 und der Gedichtband »Letzte Meldungen« erschienen. Natürlich ebenso lesenswert wie die »Schreie vom Balkon«.

Und nun? Wer das Stöckchen mag und noch nicht hatte, mag es nehmen und bearbeiten. »Das Schreiben muss man kommen lassen.« Schrieb Buk (S. 283), und der wusste, wovon er sprach.

Liebes Tagebuch!

weblogs frankfurt tagebuch

S-Bahn

Ja, was waren das noch für Zeiten! Damals, so um 2002, als man sich noch die Köpfe heiß redete in Weblogs über die Frage, ob wohl ein Weblog ein Tagebuch oder ein Tagebuch ein Weblog sei und jeder Artikel über Weblogs in der traditionellen Presse mit einem Weblog-Tagebuch-Vergleich daher kam. Im vergeblich Bestreben, das neue einzige originäre Medium des Webs den »Offlinern« mit halbgaren Anknüpfungen an das Alltagswissen zu erklären. Heute gibt es Weblogs wie Sand am Meer, jeder kennt sie, jeder dahergelaufene BWLer schreibt eins. Sie wenden sich aber lieber der »spannenden« Frage zu, ob wohl soziales Netzwerk DeinZV dieses oder jenes macht. Oh mein Tagebuch, sie haben noch gar keine richtige eigene Stimme gefunden, aber die Seitenleiste ist schon mit Werbung zugekleistert. Liebes Tagebuch, they suck!

Umso schöner, dass ab heute das Museum für Kommunikation in Frankfurt in der Ausstellung »Absolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog« diesen alten Faden vom klassischen Tagebuch auf Papier zum stets unter latenten Exhibitionismus-Verdacht stehenden Weblog wieder aufgreift. Im Flyer zur Ausstellung (PDF) heisst es:

»Dabei konzentriert sich die Ausstellung auf die charakteristische Kommunikationssituation des Tagebuchs, auf die Verschränkung von schreibendem, geschriebenem und adressiertem Ich. Wer schreibt, ist schon nicht mehr allein mit sich und kommuniziert in einem ganz bestimmten Rhythmus. Es ist die prägende Kraft der Tagestaktung, die dem Tagebuch seine besondere Form gibt.«

Ein Weblog zur Ausstellung gibt es auch, heute (5.3.08) abend gibt es eine feierliche Eröffnung. Verehrtes Tagebuch, leider haben wir für die Eröffnung keine Zeit, doch ich hoffe doch sehr, dass wir es noch einrichten können, diese Ausstellung bis zum 14. September in Frankfurt am Main zu besuchen. Denn danach verschwindet sie nach Nürnberg und Berlin.

Hau rein, Tagebuch!
Dein R.G.

Von Roboterinsekten und Vogeldrohnen

bigbrother überwachungsstaat

Bald kommt der Frühling, und dann fliegen wieder die Insekten zum Fenster hinein. Die Insekten? Es könnten auch Cyber-Insekten im Überwachungsauftrag sein, unterwegs natürlich im Auftrag von Frieden und Sicherheit, wie immer…

BLDBLOG philosophiert über diese und andere Dinge, die nicht sind, was sie scheinen und stellt lapidar fest:

»What fascinates me about this, though, much more than simply pointing out how advanced surveillance technology has become, is the fact that such statements would have been dismissed as absolute schizophrenia as little as two decades ago.«

Zwei Dekaden? Noch heute wird man sicher schräg angeschaut, wenn man die Fliege an der Wand als Abhöreinrichtung ausmacht. Bei den »normalen« Menschen.
Aber vor nicht allzu langer Zeit hätte man jemanden für einen Spinner gehalten, der behauptet hätte, die Machthaber eines demokratischen Staates würden hinter unserem Rücken in unseren Rechnern wühlen wollen. Oder welche Medikamente hätte ich wohl bekommen, wenn ich vor ebenso nicht all zu langer Zeit behauptet hätte:
Mitten in Europa, in der so genannten »Wertegemeinschaft des freien Westens«, bastelt sich die Polizei Überwachungsdrohnen, die wie Vögel aussehen, und begründet das mit Demonstrationen und Fußballspielen? Schöne neue Welt, kann man da nur sagen.

Achtet auf die Vögel. Und die Insekten.

Neues Blog

weblogs

Wenn’s einem zu wohl wird, startet man ein Blog. So auch ich, mir war mal wieder danach: zweisprech.de. Richtig schöner Name. Und mit Textpattern. Was draus wird – mal schauen.

Die Einträge von dort werden automatisch im großen automatischen Ich-Aggregator Panta Rei erfasst und befinden sich damit auch im unglaublichen ralle-Total-Feed.

Die Aufteilung ist wie folgt: Hier in uninformation.org widme ich mich bunten Sachen in mitunter leicht agitatorischem Tonfall, drüben wird selbiger etwas zurück genommen und es wird eine mehr thematische Ausrichtung bekommen. Der Rest vor Ort.

Rails-Konferenz, die Dritte!

rails ruby railskonferenz

Am 9. und 10. Juni 2008 wird in Frankfurt am Main die dritte Auflage der Rails-Konferenz statt finden, die einzige Konferenz zum Thema »Ruby On Rails« in deutscher Sprache. Als Besucher der beiden ersten Ausgaben kann ich sie nur empfehlen, das Niveau der Vorträge war fast durchweg sehr gut und sie entwickelt sich zu einem Treffpunkt der deutschsprachigen Rails-Szene.

Die Rails-Konferenz steht natürlich in Konkurrenz zur RailsConf Europe im September in Berlin. Diese hat natürlich den Charme des großen internationalen Community-Treffs, dafür ist sie erheblich teurer und das Niveau der Vorträge bei der RailsConf Europe 2007 war auch nicht so ganz überzeugend.

Wenn es also genau eine Rails-Konferenz sein soll, würde ich die Rails-Konferenz empfehlen. Und das nicht nur wg. »Disclosure«. ;-)

Es werden übrigens noch Referenten gesucht, der CfP ist auf der Website zu finden.

Disclosure: Ich kenne eine der Organisatorinnen recht gut, und bin auch für digitale Hilfsarbeiten der Organisation eingespannt.

Ein weiteres Überwachungs-Gesetz vom Verfassungsgericht korrigiert

stasi2.0 überwachungsstaat vorratsdatenspeicherung

Das Bundesverfassungsgericht hat den Eilantrag gegen die Vorratsdatenspeicherung teilweise statt gegeben. Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung begrüßt das Urteil und fordert bei der Gelegenhet Justizministerin Zypries zum Rücktritt auf.

Mir sind die Beurteilungen aber deutlich zu positiv. Das Verfassungsgericht unterbindet nicht die Erhebung der Daten, sondern nur den Zugriff darauf. Nun zeigt aber die Erfahrung der jüngsten Zeit, insbesondere die Sache »Steuerflüchtlinge in Liechtenstein«, dass die »Sicherheitsorgane« nicht vor illegalen Aktionen zurück schrecken, wenn sie an Daten heran wollen.

Davon abgesehen ist das Urteil ein weiterer juristischer Schlag ins Gesicht für die Gesetzgeber dieser Republik, deren gesetzgeberisches Treiben vom Bundesverfassungsgericht in Serie entweder ganz gestoppt oder erheblich korrigiert wird. Bei normalen Menschen wäre das ein Grund, mal in sich zu gehen und das eigene Handeln zu überdenken. Die Regenten dieser Republik sind aber gegen jegliche Anwandlungen von Selbstkritik gefeit, da kann man sich sicher sein…

Sicheres Gruppen-Twittern mit Twitterific

twitter twitterific security

Geek-Events wie die re:publica gehen in diesen Zeiten mit einem ordentlichen Getwitter einher.
Auf unserem wunderbaren Mac ist Twitterific das Werkzeug, um in das virtuelle Großraumbüro zu schreien. Das Problem dabei: Twitterific ist eine Art Browser, der mit jeder Abfrage die Login-Daten im Klartext überträgt. Dabei können sie problemlos mitgesnifft werden und unser Twitter-Account ist »ge0wned«.

Ergebnis: Plötzlich twittern wir garstige Dinge, die wir öffentlich nie sagen würden. Alle wenden sich von uns ab, in den Konferenzräumen verstummen die Gespräche, wenn wir hinein kommen, kurz und gut: Wir sind erledigt, und alles nur, weil wir unverschlüsselte Daten übertragen haben!

Aber das muss nicht sein. Lesen bildet, im Download-Archiv von Twitterific 3.1 befindet sich eine Datei namens »Read Me.rtf«, die u.a. eine Liste mit so genannten »Power User Preferences« enthält. Diese werden über das Terminal ein- oder ausgeschaltet.

Lange Rede, kurzer Sinn: So geht’s:

  • Twitterific beenden.
  • Terminal öffnen.
  • Dort eintippen:
    defaults write com.iconfactory.Twitterrific protocol -string "https://"
  • Fertig.

Ab jetzt überträgt Twitterific seine Daten verschlüsselt:

Übrigens lohnt sich ein Blick in das »Read Me«, Twitterific bietet noch weitere nützliche Einstellungen. Beispielsweise kann man einen Wortfilter als RegEx angeben, was sehr nützlich ist, wenn sich die Kontakte über komische Sendungen im Unterschichtenfernsehen kaum einkriegen können. ;)