Dezember 2007

Metternich 2.0

Auch Österreich befindet sich auf den Weg in den präventiven Überwachungsstaat. In der Alpenrepublik, ähnlich wie Deutschland von einer großen Koalition der Wahlverlierer regiert, wurde gestern staatsstreichartig in wenigen Stunden ein sogenanntes »Sicherheitspolizeigesetz« durch das von den Großkoalitionären beherrschte Parlament gepeitscht. Nun dürfen in Österreich die »Sicherheitsorgane« auf IP-Adressen und Verbindungsdaten auch ohne richterliche Prüfung zugreifen, wenn »Gefahr im Verzug« ist. Der Standard dazu:

»Es verfestigt sich der Eindruck, SPÖ und ÖVP richten es sich mit ihrer Mehrheit nach Belieben. Es werden ohne Debatten und Expertenanhörung Grundfesten des Rechtsstaates verrückt. Das ist nicht hinzunehmen.«

Schäubles Kollege, der österreichische Innenminister Günther Platter wurde daher von Frau Godany in der noch jungen Stasi 2.0-Tradition alpenrepublikmäßig lokalisiert zu »Metternich 2.0« erklärt, nach jenem Fürst von Metternich, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im kaiserlichem Österreich einen der ersten »modernen« Polizeistaaten einrichtete.

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Ein Türchen jeden Tag...

Wer es noch nicht bemerkt hat: Auch dieses Jahr gibt es wieder den Webkrauts-Adventskalender, jeden Tag ein informativer Quickie für Webschaffende.

Wenn Ihr auch das alles ignorieren und Euch nur eines merken sollt, dann ist es dieser Beitrag von Stefan. Eine Überschrift hat mit h1 (oder h2, h3 … hn, je nach Dokument) ausgezeichnet zu sein, und nicht mit div class=“headline”. Nicht wahr, meine Freunde von Apple aus der Entwicklungsabteilung für iWeb?

Reich diskutiert wurde auch der Beitrag von Gerrit zum Thema »CMS und kleine Websites«.
Ich selbst bin übrigens auf der »pro-CMS-Seite« und benutze für jede noch so kleine Site Textpattern. Wenn es etwas größer werden soll und PHP noch stets die Anforderung ist, nehme man Redaxo. Alles darüber hinaus mit individuellen Sonderwünschen baue ich in Rails.

In einem muss ich aber widersprechen: WordPress nehmen wir nicht. Oder möchtest Du, verehrter Kollege, für eine Auftragsarbeit zum Zeitpunkt X die Verantwortung für die WP-Sicherheitslücken zum Zeitpunkt X+t übernehmen, wenn diese Site gar nicht mehr Dein Projekt ist?
Du bist nicht nur Entwickler oder Designer, sondern auch beratender Fachmann und als solcher verantwortlich für die Wahl des Werkzeugs. Und zumindest moralisch für die Schäden Deiner gehackten Auftragsarbeit verantwortlich, wenn Du ein Werkzeug empfiehlst, wo die nächsten Sicherheitslücken garantiert kommen werden.

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Online-Durchsuchungen. Schutz durch und vor dem Staat unter Wahrung der Balance zwischen Sicherheit und Freiheit?

Unter diesem Titel veranstaltete das Zentrum für angewandte Rechtswissenschaft der Uni Karlsruhe eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum Thema »Online-Durchsuchungen«.

Gerhart Baum, einst Bundesinnenminister und heute einer der Beschwerdeführer gegen die Online-Durchsuchung in NRW, erhielt als Erster das Wort und beklagte zunächst einmal die in der deutschen Politik grassierende Unsitte, genuin politische Entscheidungen der Legislative an das Bundesverfassungsgericht »auszulagern«. In dieses Klagelied kann man getrost einstimmen, es sei nur an die groteske Aktion einiger SPD-Abgeordneten bei der Abstimmung zur Vorratsdatenspeicherung erinnert. Baum lehnt die Online-Durchsuchung als nicht zu rechtfertigenden Eingriff in den geschützten Kernbereich privater Lebensführung und in die Grundrechte (jene in den Artikeln 1,2 und 13 des GG) ab, und fragt: »Ist der Freiheitsverlust zu rechtfertigen durch den Sicherheitsgewinn?« Da die Online-Durchsuchung in Baums Augen ein untaugliches Mittel zur Erlangung von mehr Sicherheit ist, wäre sie auch abzulehnen, wenn man alle verfassungsrechtlichen Bedenken beiseite schieben würde.

Auf Baum antwortete Jörg Ziercke, Präsident des BKA und in der öffentlichen Debatte rund um neue Sicherheitsgesetze als Befürworter (nicht nur) der Online-Durchsuchung bekannt. Es gelte, die »Verhältnismäßigkeit« neu zu definieren. Nach Zierckes Angaben wurden 7 Terroranschläge verhindert und laufen derzeit 232 Ermittlungsverfahren mit so genanntem »islamistisch-terroristischem Hintergrund«. Da (Zitat) »technische Innovationssprünge die Natur des Verbrechens im 21. Jahrhundert« prägen würden, müsse Waffengleichheit zwischen Tätern und Ermittlern geschaffen werden. Durch verschlüsselte und anonymisierte elektronische Kommunikation gäbe es »überwachungsfreie Räume«. Schon jetzt würden Ermittlungsmassnahmen wie die Beschlagnahmung von Rechnern in den »Kernbereich« eingreifen. Darum könne man auch per Online-Durchsuchung eingreifen, denn: »In einem Rechtsstaat darf es für Schwerstkriminelle keine verfolgungsfreien Räume geben.«

Wolfgang von Pommer Esche, Referatsleiter beim Bundesdatenschutzbeauftragten, bekräftigte die Ablehnung der Online-Durchsuchung durch die Datenschutzbeauftragten. Heutzutage habe jeder Bürger einen PC, dessen Daten die privatesten Dinge enthielten. von Pommer Esche bezweifelte, dass es eine Bedrohung gäbe, die den heimlichen Zugriff von Behörden darauf rechtfertigen würde. Außerdem haben einmal eingeführte Verfahren die Tendenz, sich vom Ausnahmeverfahren bei großer Bedrohung zu einem Routinewerkzeug der Strafprozessordnung zu wandeln. Und ob die Onlinedurchsuchung überhaupt das geeignete Mittel sei, bezweifelte von Pommer Esche.

Jürgen-Peter Graf, Richter am Bundesgerichtshof, überraschte mit einem höchst merkwürdigen Beitrag. So unterschied er zwischen Online-Durchsuchung und Online-Überwachung. Da erstere nur eine »Momentaufnahme« sei, unterscheide sie sich, abgesehen davon, dass sie heimlich durchgeführt würde, nicht von der »normalen« Beschlagnahmung eines Rechners in der Wohnung eines Verdächtigen. Im Gegenteil, die Online-Durchsuchung könne den Verdächtigen ja auch entlasten und ihm damit die Unbillen einer aufmarschierenden Polizei zur Beschlagnahmung seines Rechners ersparen. Und da eine Online-Durchsuchung so aufwändig ist, würde es eh nicht viele geben…

Hansjörg Geiger, ehemaliger Verfassungsschutzpräsident und Professor, schlug vor, einen »Bürgeranwalt« bei den Behörden zu installieren. Dieser solle automatisch hinzugezogen werden, wenn eine heimliche Online-Durchsuchung angeordnet wird, denn im Gegensatz zu einer »normalen« Massnahme könne der Beschuldigte in diesem Fall keinen Anwalt hinzuziehen.

Den Abschluss der Runde bildete Dirk Fox von Secorvo, der die beliebte Rolle des »technischen Experten« einnehmen durfte. Fox sieht die Notwendigkeit zu neuen Methoden, welche durch die technischen Möglichkeiten notwendig würden. Diese wären aber nur als Online-Überwachung sinnvoll, nicht als Online-Durchsuchung. Die praktische Ausführung wird mit hohen Kosten verbunden sein, eine präzise Anwendung sei technisch unmöglich, sprich: Es werden Unschuldige betroffen sein. Und die Wirkung der Online-Durchsuchung sei stark begrenzt. Der Beschuldigte brauche ja schließlich nur von einer Live-CD zu booten, um die Anwendung von im System versteckten Überwachungsprogrammen aufzuheben.

Es folgte die Diskussion, die sich vorwiegend zwischen Baum und Ziercke abspielte. Baum sah eine Gefahr in der Weiterentwicklung der Technik. Auch wenn die Online-Durchsuchung heute noch technisch unvollkommen sei, so entwickle sie sich weiter und würde einen vielfach behaupteten »Grundrechtsschutz durch technische Schwierigkeiten« aushebeln. Auch sieht Baum ein Kippen der zustimmenden Meinung in der Bevölkerung, viele sähen mehr und mehr ein »großes Gemälde der Überwachungsaktivitäten« entstehen und fühlten sich unfrei. Ziercke antwortete mit einem wahren Horrorgemälde der terrorischen Bedrohung, der wir angeblich ausgesetzt sei. Man müsse diese Aktivitäten im Vorfeld verhindern können, dazu sei die Online-Durchsuchung unabdingbar. So geht es hin und her, Fox darf noch einmal als »technischer Experte« auf technische Schwierigkeiten hinweisen. Als das Publikum hinzugezogen wird, zeichnet Ziercke ein düsteres Bild der Gefährdung durch das böse böse Internet. Kinderporno, Gewalt, Bot-Netze, Terroristen – das Internet ist voller böser Dinge, gegen die der Staat sich wehren müsse.

Der Diskussionsleiter, Professor Dreier von der Uni Karlsruhe, versuchte abschließend ein Fazit:

  • Die Strafverfolgungsbehörden sehen sich technologisch benachteiligt.
  • Die Verfassung verbietet eine Online-Durchsuchung nicht generell, aber man muss definieren, wie das Individuum geschützt werden kann.
  • Die Online-Durchsuchung kann nur die »ultima ratio« sein.
  • Es müssen neue Mechanismen für die neuen Methoden entwickelt werden, wie z.B. den »Bürgeranwalt«. Und die neuen Gesetze müssen evaluiert werden.

Mein Fazit: Die Argumente der Gegner, Gerhart Baum und des Technikers Dirk Fox, kamen klar und präzise rüber. BKA-Chef Jörg Ziercke, als Befürworter, griff, wann immer er argumentativ in die Ecke gedrängt wurde, zu nicht nachprüfbaren apokalyptischen Bedrohungsszenarien. Überzeugen konnte das nicht. Und seine (nicht nur bei dieser Veranstaltung) undifferenzierten Verteufelungen des Internets lassen Zweifel daran aufkommen, ob Ziercke wirklich genau weiß, worüber er eigentlich redet. Man kann nur hoffen, dass dieses obskure Gebilde Online-Durchsuchung durch das Verfassungsgericht-Urteil im kommenden Jahr zunächst einmal von der Agenda gekegelt wird.

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Wir sind alle Terroristen!

Da die Bundesliga in der Winterpause ist, dräut ein leerer Samstag. Wie wäre es mit ein wenig Gruseln an der deutschen Realität als Ersatz-»Unterhaltung«?

Bei Chaos TV gibt einen Mitschnitt der Veranstaltung »Wir sind alle Terroristen« vom 16.12.07. »Über ein Leben mit der Überwachung und deren Folgen für Politik und Alltag diskutieren Beschuldigte aus aktuellen §129a-Verfahren.«

Passend dazu: Chaos Radio Express 059 mit dem Titel »Überwachung«. Sandro Gaycken, einer der beiden Herausgeber des Buchs »1984.exe«, »analysiert Problematik von Überwachung. Er stellt fest: ›Überwachung produziert Kontrolle, Kontrolle ist das Gegenteil von Freiheit und Vertrauen, Vertrauen ist die Grundlage von Rechtstaat und Demokratie‹ und beklagt den Verlust der Privatsphäre, der die aktive Ausübung von Freiheit behindert sowie das hohe Mißbrauchspotential von Überwachungstechnik« (Quelle).

Und wiederum passend dazu: Auf dem 24C3 in Berlin gibt es am kommenden Donnerstag einen Vortrag einer Betroffenen. Die Lebensgefährtin des unter an Kafkas »Der Process« erinnernden Umständen in Terrorismusverdacht geratenen Stadtsoziologen berichtet über das Leben unter Kontrolle der »Sicherheitsorgane«.

Aber Du bist ja »anständig«, oder? Dann hast Du sicher nichts zu befürchten in der schönen neuen deutschen Überwachungsgesellschaft…

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Music is the healing force of the universe

Die sieben Alben, die Du 2007 gehört haben musst!

Music is the healing force of the universe

Schreit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow zum Abschluss des Live-Sets und stürzt sich von der Bühne in die Menge. Nach all’ den mehrheitlich eher unerfreulichen Dingen in den letzten Beiträgen dieses kleinen Weblogs wird es mal Zeit für etwas »Schönes, Wahres, Gutes«:
Die besten Alben des Jahres 2007. Etwas spät für Weihnachtsgeschenke, gebe ich zu. Aber Montag kann man ja noch einkaufen…

2007 war im Prinzip ein schlechtes Jahr, denn es gab kein neues Album von Tomte. ;) Aber davon abgesehen war es ein gutes Jahr. Die Zeiten des Internets sind für uns, für die Musik mehr ist als nur der Füllstoff im Radio zwischen Gewinnspiel und Verkehrsdurchsage, sowieso paradiesische. Die Möglichkeit des »Probehörens« auf die eine oder andere Weise ;) bewahrt vor so manchem Fehleinkauf und führt zu so mancher Entdeckung einer musikalischen Perle.

Album des Jahres 2007: Tocotronic – Kapitulation

Da gibt es keine Debatte, iTunes-Ratings lügen nicht: Das textliche Gegenstück zur allgegenwärtigen »Du kannst alles schaffen, Tschakka«-Berieselung überzeugt. Textlich und musikalisch. Es sind die Zeilen aus Tocotronic-Songs, die hängen bleiben und den passenden Soundtrack für das Leben liefern. Denn wer lief noch nicht durch die Stadt und hatte ein »Ich weiß nicht, warum ich Euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt« (aus dem Klassiker »Freiburg«) auf den Lippen, während er beinahe von einem Kaufhausrad-Fahrer im bunten Aldi-Sportdress auf dem Gehweg über den Haufen gefahren wurde. Und auch »Kapitulation« hält zitierfähige Zeilen in Mengen bereit, ohne die musikalische Substanz zu vernachlässigen. Im Gegenteil, der Tocos singender Gitarrenklang ist unwiderstehlich.

Um mal meinen Lieblings-TV-Literaturkritiker zu zitieren: Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, kaufen Sie »Kapitulation« von Tocotronic. »Verschwör’ Dich gegen Dich, und Deine Wunden schließen sich.« So einfach ist das.

Zur Einstimmung:

Auf den Plätzen

Und nun vergessen wir alles das, was wir in den Boulevard-Rubriken der Nachrichtensites über den »unzureichend durchbluteten Rauschrocker« (Reic Pfeil) Pete Doherty gelesen haben. Mit seiner Band Babyshambles hat Pete ein fantastisches zweites Album »Shotter’s Nation« vorgelegt. Man fragt sich, wie er zwischen seinen berichteten Exzessen überhaupt die Zeit gefunden hat. »And what a nice day for a murder. You call yourself a killer but the only thing that you’re killing is your time.« Das wird es sein. Ein Album, das beweist, dass Pete der kreative Part im genialen Libertines-Duo Pete Doherty/Carl Barat war. »He is stronger than the walls that you tried to build around him.« Die durch und durch positive Überraschung des Jahres. Babyshambles würde ich gerne auch einmal live sehen. Wenn da nicht diese latente Unsicherheit wäre, ob er auch auftaucht…

Drei Jahre musste man warten, dann war es 2007 soweit: Mit »Our Love To Admire« gab es endlich ein neues Album von den Bühnen-Stoikern aus New York, Interpol! Befreiende Ausbrüche wechseln sich ab mit getragenen, in Düsternis schwelgenden Passagen. Und stets singt die Gitarre dazu. »Sun, you sleep in clouds of fire.« Wen das kalt lässt, ist Scooter-Fan…
Einen Sonderpreis bekommen Interpol für die obskurste Album-Verpackung des Jahres. Das Album kommt in einem Buch, das ein merkwürdiges Poster, schwarze Seiten und merkwürdige Tierbilder enthält. Aber dafür keine Texte:

Auch von meinem Lieblings-Wunderknaben Conor Oberst und seiner Band Bright Eyes gab es Neues zu hören. Die beiden Jahrhundertalben des Jahres 2005 zu toppen, war eine schwere Aufgabe, und es ist auch nicht ganz gelungen. Nichtsdestotrotz ist Cassadaga ein großartiges Album geworden, das alleine schon für den Song »No One Would Riot For Less«. »Where kindness is a card game or a bent up cigarette, in the trenches, in the hard rain, with a bullet and a bet…«
Zur Einstimmung gibt es von diesem Song ein animiertes Video (WMV, 59MB). Nicht nur von diesem.
Auch live haben Bright Eyes überzeugt, der junge Herr Oberst hat seinen mitunter in peinlichen Auftritten resultierenden Hang zum exzessiven Konsum von Mitteln aller Art während der Tour erfreulicherweise in den Griff bekommen.

Das zweite Album ist immer das schwerste. Besonders, wenn das erste Album ein hype-auslösender Hammer war wie bei Maxïmo Park. Aber jegliche Sorge war unbegründet, den Mannen um den begnadeten Bühnen-Showman und Sänger Paul Smith ist auch beim zweiten Album »Our Earthly Pleasures« ein großer Wurf gelungen. Bei den Herren daheim kann man ein wenig zur Probe hören (oben Rechts, »Audio«). Die Songs strotzen vor Energie, ohne ins Monotone abzudriften. »Digging through towns. Make way, like Moses through the waves.« So geht es voran. Wie der Guardian schrieb: »Like 2005’s A Certain Trigger, Maxïmo’s second album is dominated by singer Paul Smith’s Oscar Wilde-type persona: a sensitive soul driven to dementia by daily life, lust and vodka.« Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Außer: Anhören!

Apropos Nachfolgealben!

2007 war überhaupt das Jahr der Nachfolgealben vieler Hype-Bands aus dem Jahre 2005. Gelungen, wenn auch nicht so wie obige »Top 5« fand ich:

  • Arctic Monkeys: »Favourite Worst Nightmare«. Ohne störenden Hype lässt sich besser musizieren. ;) Ich kann die Enttäuschung im Netz über das Album nicht verstehen, es hat erheblich mehr an Energie und Abwechslung zu bieten als der Vorgänger.
  • Bloc Party: »A Weekend In The City«. Immer noch gut, aber nicht in der Liga von »Silent Alarm«. Störend vor allem die Ausflüge in komische Elektro-Experimente, so als wollte man sagen: »Nein nein, wir sind nicht einfach ‘ne Rockband wie all’ die anderen…«.
Überzeugende Außenseiter

»Local Heroes« aus meinem Geburtsort Düsseldorf sind Kiesgroup, die in 2007 ihr zweites Album »Das Leben als Umweg zwischen Nichts und Nichts« vorlegten. Zwischen zuckersüßen Melodien verstecken sich hammerharte und ziemlich absurde Texte aus dem prallen Leben. Der Ohrwurm »Zwerg Nase klagt an« ist einer der besten Songs des Jahres 2007 überhaupt. »Darauf unser letztes Wort, Ihr seid schuld am Zwergenmord.« Auf ihrer Myspace-Seite darf man einige Songs zur Probe hören, aktuell u.a. »Schleppscheiße« und »Der Kannibale« vom neuen Album.

Die Kilians aus Dinslaken sind für mich die Newcomer des Jahres. Zweimal habe ich sie live gesehen, sie strahlen eine ungeheure rohe Energie aus, und Sänger Simon Den Hartog ist in seinen jungen Jahren bereits eine vollendete »Rampensau«. Unterstützt die Jugend (hey, seid froh, dass es noch junge Leute gibt, die anständige Musik machen und keinen Hip-Hop ;)), kauft ihr Album »Kill The Kilians« (es ist dass, was die großen Strokes aus New York demnächst gerne machen würden) und besucht einen ihrer energiegeladenen Live-Auftritte, die Jungs sind ganzjährig auf Tour.

Das reicht als Empfehlung, es gab natürlich noch viel mehr gute Musik, 2007 war ein guter Jahrgang.

Und die »Single« (im Sinne von: Schönes Lied, würde ich mir aber nie ein Album von kaufen) des Jahres? »Junge« von den Ärzten, alles andere als meine Lieblingsband, aber der Song ist grandios. Er erinnert »Message-mäßig« an die eigene Jugend. ;-)

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Weihnachten

Die reizenden Rundungen des Weihnachtsengels deuten es an: Geschafft setzen sich alle hin und geben sich dem alljährlichen Weihnachtsfeier-Ritual hin. Ein Fest, dass im Nachrichtenbereich nur als Quotenmeldung über den Absatz des Handels im Weihnachtsgeschäft vorkommt…

Iris Radisch hat in der Zeit einen fulminanten Text zum Fest geschrieben, »Vom Glück der Erleuchtung«. Das angebliche »Fest der Liebe« ist ein Teil der großen kapitalistischen Maschine, die uns in ihren Zahnrädern und Röhren gefangen hält und stets beschleunigt. Ich möchte nicht wissen, wie viele das Weihnachtsfest nur bewältigt bekommen, weil sie sich für alles Weihnachtsbetreffende einen GTD-Kontext angelegt haben. Der Kapitalismus hat die Ökonomisierung aller Lebenswelten fast geschafft:

»›Wir leben wie Tote‹, hat Albert Camus einmal geschrieben. Das klingt nicht gut und ist zu düster und unpassend für unser hell erleuchtetes, an Vitalität und Bewegung so überreichem Leben. Das Lebensgefühl, das Camus ausdrücken wollte, ist uns aber bekannt. Es ist das Gefühl, nicht selbst zu leben, sondern gelebt zu werden. Selbst unbeteiligt zu sein und in den rasenden Umschlagsbewegungen der Gesellschaft wie eine herausgeputzte Kleiderpuppe hin und her geworfen zu werden und die Notbremse nicht zu finden.«

Allen hier noch Lesenden, ob passionierte Weihnachten-Feierer oder nicht, wünsche ich ein paar ruhige Tage. Einfach mal die Maschine anhalten, und ein wenig Nachdenken über die Fragen, die der Text oben so stellt. Und sich vom großen Philosophen, dem Weihnachtsbaumverkäufer, anregen lassen.

Und passend zum Fest: Das freie Weihnachts-Mixtape von Okkervil River.

Und auch die Kilians wünschen frohe Weihnachten auf ihrer Myspace-Seite mit dem Song »Old Enough«.

weihnachten

»Volldampf voraus« beim 24C3

24C3

Es ist soweit, Tim Pritlove eröffnete die 24. Ausgabe des Chaos Communication Congress, kurz
24C3. Nach einem kurzen Rückblick auf das Chaos-Camp im Sommer 2007 ging es dann auch gleich um die unter dem Motto »Volldampf voraus« stehende aktuelle Ausgabe. Um Steampunk, Vergangenheit und Zukunft geht es irgendwie, Tims Kernaussagen:

  • »Science Fiction is having a hard time«
  • »"Data retention has been signed":http://www.heise.de/newsticker/meldung/101073«
  • »Retrofuturistic approach to our problems«
  • »Hackers have to be future compatible«
  • »Look forward and hack it – we can do it.«

Letztes Jahr, auf dem 23C3, gab es bekanntlich das Sputnik-Experiment mit auf RFID basierender Selbstüberwachung. Das war ein voller Erfolg, aber leider gingen fast alle dabei gewonnenen Daten verloren. So geht das. ;-)

Der erste Vortrag zeigte dann gleich, wie das Motto des 24C3 im besten retrofuturistischen Hackergeist interpretiert werden kann: Einige Herren aus Köln bauten einen dampfgetriebenen Fernschreiber.

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Ein Telex-Gerät, das von einer aus einem Feuerlöschergehäuse und einem Schnellkopftoch gebastelten Dampfmaschine angetrieben wird. Alte Technologie? Klar, der Telex-Dienst wird von der Telekom (oder T-wieauchimmer) am 1.1.08 abgeschaltet. Andererseits: In den Zeiten der Vorratsdatenspeicherung ist eine rein mechanische Übertragung sicherer, von Fernschreibern ist in den bekannt gewordenen Bestimmungen zur Vorratsdatenspeicherung nichts zu finden…

In diesem Sinne: Volldampf voraus!

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Congress-Leben

24C3: bcc und Rakete

So ein Congress ist schon hart. Lange Tage, kurze Nächte, stets ist man auf der Jagd nach Konnektivität und Elektrizität. Man tut gut daran, erst nach Einbruch der Dunkelheit den Ort des Geschehens zu verlassen, denn der Schock des Tageslichts nach dem Halbdunkel im Kreise der versonnen auf ihre Notebooks schauenden und hackenden Nerds wäre zu groß. Übrigens erweitert sich von Jahr zu Jahr das Spektrum. Man sieht tatsächlich Notebooks von deren Schirmen Windows häßlich entgegen grinst. Und dessen Benutzer nach »Linux« googlen, ein guter Anfang!
Als vom inneren Drang des Bloggens besessenes Individuum hat man ein besonderes Problem: Kaum hat man etwas notiert und verarbeitet und würde was drüber bloggen wollen, steht schon die nächste Veranstaltung vor der Tür. Und wenn man gar die Stunden verquatscht, kommt man zu gar nix mehr…

24C3: Das Auge der Datenkrake

Die beiden Vortragshöhepunkte des ersten Tages konnten unterschiedlicher nicht sein.

Es gab den hier schon vor ein paar Tagen angekündigten Beitrag von Anne Roth über das Leben unter Überwachung. Anne schilderte in ihrem beeindruckenden Vortrag Begebenheiten, die man so eigentlich nur aus Filmen wie »Das Leben der anderen« kennt. Die »Anekdoten« kann man in ihrem mittlerweile ja weidlich bekannten Blog nachlesen. Das Thema kommt herunter von seiner sachlichen Abstraktionsebene, wenn vorne jemand steht, der sich mit dem, was die politische Klasse »Sicherheit« nennt, konfrontiert wird. In den 80ern, in den Zeiten meiner politischen Sozialisation, war die Forderung nach Abschaffung des 129a und des Verfassungsschutzes mal ziemlich populär. Hier wäre eine neue Retro-Bewegung angebracht. »Standing ovations« für Anne nach ihrem Vortrag, wo gleich ihr Mobiltelefon eine der rätselhaften »Fehlfunktionen« hatte.

Kontrastprogramm gab es zu später Stunde, Johannes Grenzfurthner von monochrom referierte, besser gesagt, »performte« einen Vortrag über das Erscheinen des Computers in der populären Musik seit den 40er Jahren. Absonderliche Musikbeispiele wurden ausgegraben, der Höhe- und Schlusspunkt war eine krude Disco-Nummer aus Knüttelversen von einer Damen-Kapelle namens »Eurocats«. Christian hat dankenswerterweise ein paar Bilder gemacht. Das Publikum klatschte wild im Rythmus mit, wie sonst nur ihre Großeltern bei Florian Silbereisen.

Es ist genau diese thematische Bandbreite an Vorträgen, die den Congress jedes Jahr auf’s Neue so einzigartig macht.

Wer schreibt noch über den Congress:

Theoretisch sollte man die Vorträge auch live per Stream verfolgen können, ich weiß aber nicht wie gut das »da draußen« wirklich funktioniert.

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24C3: Gutes aus Europa - Die Fluggastdatenüberwachung

24C3: Der Bundestrojaner

Der Talk Data Retention and PNR. »Brussels Workshop«, wie immer unter den wachsamen Augen des berühmten Bundestrojaners, war der Vortrag von Ricardo Cristof Remmert-Fontes und Erik Josefsson. Ersterer berichtete zwischendurch kurz von der Arbeit des AK Vorrat.

Interessanter war, was Erik Josefsson zu berichten hatte. Erik arbeitet für die EFF in der Höhle des technokratischen Löwen, der EU-Bürokratie in Brüssel.
Wir alle kennen mittlerweile das aktuelle »Handlungsschema des Politischen«: In den nur sehr rudimentär demokratisch legitimierten Brüsseler EU-Strukturen wird ein Beschluss gefasst, ohne dass das jemand überhaupt mitbekommt. Dessen Umsetzung in nationales Recht erregt anschließend die Gemüter, und die deutschen Volksvertreter waschen ihre Hände in Unschuld und lamentieren: »Ja, alles problematisch, aber wir müssen die Richtlinie aus Brüssel umsetzen, kann man nix machen…«

Erik hat in Brüssel die inoffizielle Maxime der Politikgestaltung kennen gelernt:

»First we decide, then we vote, and finally we discuss.«

So kam die Vorratsdatenspeicherung zu stande, und auf diese Art und Weise wird gerade mit der Richtline zur Fluggastdatenspeicherung nach amerikanischem Vorbild (Fluggastdaten = »Personal Name Record«, PNR) die nächste Schurkerei auf den Weg gebracht. Wie bei der Vorratsdatenspeicherung. Erst entscheiden, dann in den Kammern der EU-Kommission mit den Regierungen abstimmen und ganz am Ende mit dem EU-Parlament und der Öffentlichkeit drüber reden. So funktioniert Demokratie, oder? ;-)

Einer ersten Information zum Thema dienen die Beiträge von Telepolis, den Heise-News und nochmal den Heise-News.

Es gibt weltweit vier Buchungssystem, die auf guten alten Mainframes arbeiten. Jedes EU-Land richtet nun eine »Passenger Information Unit« (PIU) ein. Diese enthält root-Zugriff auf alle Daten der vier Buchungssysteme. Und die angefallenen Daten werden 13 Jahre aufbewahrt. Warum genau 13 ist nicht zu ermitteln.
Auch die neugierigen amerikanischen »Sicherheitsbehörden« bekommen Zugriff auf diese Daten. Darum, verehrte Zielgruppe, wann immer Du ein Flugzeug benutzt, und sei es nur von Hamburg nach Berlin, landen Deine Daten irgendwann in den Fängen des großen neugierigen amerikanischen Datenmonsters. Lehrreich in diesem Zusammenhang ist der Blogeintrag des »Weltreiseexperten« Edward Hasbrouck.

Abgesehen von den ökonomischen und technischen Problemen (die alten Mainframe-Systeme müssen teuer aufgerüstet werden) haben wir einen weiteren großen Datenspeicher, ein weiteres Stück auf dem Weg zum gläsernen Bürger. Das EU-Parlament bildet sich, so Erik, »gerade eine Meinung zu dem Thema«. Was aber nicht weiter wichtig ist, da sie sowieso nichts vermeiden können. Das Fazit zog Erik mit einem Zitat des berühmten franz. Kardinals Richelieu:

»Give me six lines written by the most honorable of men, and I will find an excuse in them to hang him.«

Die Präsentation findet man als PDF auf der Talk-Seite. Ein weiteres sehr unerfreuliches Thema in der an unerfreulichen Themen nicht armen Zeit. Wir brauchen Aktionen, als erstes solltet Ihr den Menschen zum Thema anfragen, den Ihr ins EU-Parlament gewählt habt.

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SuperBertram und das panoptische Prinzip

SuperBertram

Das, verehrte Zielgruppe, ist SuperBertram. SuperBertram steht in der Gegend herum, beobachtet mit seinen wachsamen Äuglein alles, was sich vor ihm aufbaut und, ganz Kind seiner Zeit, flickert es umgehend. Das ist aber noch nicht alles, das Congress-Wiki und SuperBertrams Website wissen mehr.

Der freundlich schauende SuperBertram war auch Darsteller eines der Filme, die in der Nacht im Rahmen des Wettbewerbs »Das Panoptische Prinzip« gezeigt wurden. In Kurzfilmen sollte der aktuelle Zeitgeist der »Überwachung« thematisiert werden, und es waren einige richtig gute Filme dabei. Wenn ich es richtig verstanden habe, werden diese irgendwann Anfang 2008 auch im Netz anschaubar sein.

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